Gedenkpreis geht 2009 an Ulrich Fischer-Weissberger

Die Verleihung fand im Rahmen einer akademischen Feier statt, an der auch Mitglieder der Familien Hosenfeld und Szpilman teilnahmen. Die Laudatio auf den Preisträger hielt der Freiburger Historiker Prof. Dr. Wolfram Wette.
Fischer-Weissberger initiierte vor acht Jahren ein Geschichtsprojekt am Geschwister-Scholl-Gymnasium Waldkirch, mit dem er neue Wege in der pädagogisch-didaktischen Umsetzung von Erinnerungsarbeit an Schulen beschritt. Sein Konzept und seine Leistungen überzeugten die achtköpfige Jury des Gedenkpreises und brachten ihm die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung.
Das Ziel der Geschichtsarbeitsgemeinschaft unter der Leitung von Fischer-Weissberger sei es gewesen, die Schüler durch die Begegnung mit Zeitzeugen des Dritten Reiches für Mitmenschlichkeit und Zivilcourage zu sensibilisieren: „Es geht mir nicht darum, bei den Schülern Schuldgefühle zu erzeugen, sondern um Empathie, Mitgefühl und Verantwortung“, sagt Fischer-Weissberger über sein Geschichtsprojekt. Hierzu klärte der Oberstudienrat seine Schüler über die Verhaltensweisen, die den Faschismus in Deutschland ermöglichten, auf und ließ Zeitzeugen sprechen.
Zusammen mit seinen Schülern organisierte er unter anderem Gespräche mit Holocaust-Überlebenden aus Litauen und Lettland. Besonders das Zusammentreffen der Acht- bis Zehntklässler mit dem ehemaligen Oberstleutnant und Freund des Lehrers, Heinz Drossel, habe die Schüler nachhaltig beeindruckt. Drossel hatte 1945 einer jüdischen Familie in seiner Berliner Stadtwohnung Unterschlupf gewährt und auch nach Ende des Krieges noch freundschaftlichen Kontakt gehalten.
Die Erinnerungsarbeit dokumentierten die Schüler in Film- und Videoarbeiten. Der Fokus lag dabei auf dem Thema der NS-Herrschaft im Baltikum und den Opfern des Holocaust und ihren Rettern. Fischer-Weissberger habe seinen Schülern, so die wissenschaftlichen Gutachter des Gedenkpreises, mithilfe des Geschichtsprojekts Mut zum Widerstand und Selbstverantwortlichkeit vermittelt und sie für die Prozesse der Ausgrenzung sensibilisiert. So sei ihm ein wichtiger Beitrag zur historisch-politischen Bildung gelungen und das Projekt sei damit beispielhaft für die Aussage des Hosenfeld/Szpilman-Gedenkpreises.
Der Preis in Höhe von 5.000 Euro wurde von der Leuphana Universität ins Leben gerufen und 2005 zum ersten Mal verliehen. Mithilfe des Preises rückt die Universität das ethische Widerstandshandeln während des Nationalsozialismus in den Blick der Öffentlichkeit. Die Vergabe gedenkt dem Lehrer und Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld und dem Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpilman gleichermaßen.
Hosenfeld hatte dem jüdischen Komponisten in den letzten Monaten des Jahres 1944 das Leben gerettet, indem er ihn auf dem Dachboden des deutschen Verteidigungsstabes versteckte und dort mit Lebensmitteln und Kleidern versorgte. Nach Kriegsende versuchte Szpilman seinerseits, dem in russischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Hosenfeld zu helfen. Als „Goldkörnchen unter dem großen Schutthaufen der deutschen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus“, bezeichnete Prof. Dr. Wolfram in seiner Laudatio auf Fischer-Weissberger selbstlose Retter wie Hosenfeld.
Der Gedenkpreis fokussiert diese Aspekte der Mitmenschlichkeit und des Mitgefühls und orientiert sich sowohl am ethischen Widerstandshandeln zur Zeit des Nationalsozialismus als auch an den beruflichen Tätigkeiten von Wilm Hosenfeld und Wladyslaw Szpilman. Eingereicht wurden musikwissenschaftliche Untersuchungen, Forschungsarbeiten aus den Kultur- und Geisteswissenschaften und Untersuchungen aus pädagogischer Perspektive. Das diesjährige Preisgeld wurde zur Verfügung gestellt von der Sparkasse Lüneburg. Fischer-Weissberger wird es dazu nutzen, in weitere Schülerfilmprojekte zu investieren: Geplant ist eine Reise ins Baltikum.




