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Universitätsarchitektur in DeutschlandUNIVERSITÄTSARCHITEKTUR
IN DEUTSCHLAND

Lernumfeld mit Raum für Ideen

Große Gedanken brauchen ein viel Freiraum – von dieser Philosophie sind die Universitätsbauten des 18. und 19. Jahrhunderts in ganz Europa geprägt. Die efeuumrankten Säulenhallen und massigen Tragwerke dieser Zeit sind ein solch starker Ausdruck aufklärerischen Bildungsverständnisses, dass wir sie bis heute mit Nostalgie, Ehrfurcht und Bewunderung auf Anhieb als Orte des Lernens identifizieren. Längst baut aber niemand mehr eine Universität auf diese Weise. Bei allem Respekt für das historische Erbe ist es eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts die Universität zu öffnen, Zugang auch bis dahin dem Bonus höherer Bildung fernen Schichten zu ermöglichen. Universitätsbauten der Moderne verwirklichen diesen Anspruch auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild: Ob in Finnland, Großbritannien, Italien oder Brasilien – überall gibt es architektonische Beispiele für die neue Offenheit, Transparenz und demokratische Verortung von Institutionen höherer Bildung.

In Deutschland hat sich diese Moderne in eine andere Richtung entwickelt: Nach dem Krieg war der erste und dringlichste Auftrag die „re-education“. Die im Nationalsozialismus verbogenen, mißbrauchten und abgerissenen Traditionen humanistischer Bildung in Deutschland neu zu erfinden hat eine ganze Generation von Wissenschaftlern und Hochschullehrern geprägt.

Bald darauf zeigte sich, dass dieser Anspruch so nicht haltbar ist, ohne dass demokratische Mitbestimmung und ein liberalerer Geist in die Akademien einziehen, so dass alle sozialen Schichten an der Bildung teilhaben können. Die Universitäten und Hochschulen Deutschlands reagierten auf das anschwellende Wachstum ihrer Studierendenzahlen in den siebziger Jahren angesichts knapper Budgets vielerorts mit funktionalen Zweckbauten. Der schlechte Ruf von Sichtbeton und Brutalismus haben so einer vielversprechenden Entwicklung moderner Universitätsbauten in Deutschland einen schlechten Leumund beschert.

Erst in jüngster Vergangenheit haben auch deutsche Universitäten wieder Mut gefasst in ihren Bauvorhaben die Moderne neu zu interpretieren. Die von Daniel Libeskind in Lüneburg entwickelte Vision setzt diesen Ansatz konsequent um für eine Universität, die in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts allen ihren Mitgliedern und ihrem Umfeld Gelegenheit zu lebenslangem Lernen geben soll. Die Renaissance des Bildungsgedankens wird im Zeitalter von Netzwerken, Virtualisierung und Fernkommunikation ein neuer, physischer Raum gegeben für das gemeinsame Lösen von Problemen.

11.07.2011, ohse