Amazing Fashion – Amazing Prices – aber Gerechtigkeit?

von Anna-Lena Peters


Billstedt-Center, Hamburg. Menschenmassen drängen aus der U-Bahn, stürmen die Rolltreppen hinauf, um im nächsten Moment nach einer wäschesackähnlichen Einkaufstüte zu greifen und sie mit unzähligen Kleidungsstücken zu füllen. Der Name ihrer Konsum-Pilgerstätte: Primark. Gepredigt werden in diesem heiligen Tempel der Mode extrem moderne Kleidung, ständig wechselnde Kollektionen und extrem günstige Preise. Zusätzlich preist der irische Modediscounter auf seiner Website besonders die guten Arbeitsbedingungen an, die ständiger Verbesserung unterliegen sollen. Wer kann bei diesen Kaufargumenten nicht widerstehen?

 

Primark hat auf diese Weise ein völlig neues Konsumverhalten bei seinen Kunden entwickelt. Textilien werden hier zu täglichen Konsum- und Wegwerfartikeln. Die Devise dabei ist: günstig shoppen, kurze Zeit später wieder entsorgen und wieder eine neue Primark-Tüte füllen. „Amazing Fashion – Amazing Prices“ lautet der Slogan des beliebten Textilherstellers. Nach Gerechtigkeit in den Ohren des Käufers klingt das schon. Doch läuft wirklich alles so gerecht ab, wie es bei Primark scheint?

 

Sabhar, Bangladesch. Hier stürzte 2013 eine Textilfabrik ein. Wie schon „Spiegel Online“ direkt nach dem Ereignis im April 2013 berichtet, verloren über 1100 Menschen ihr Leben, mehr als 2200 wurden verletzt. Nicht nur Primark ließ hier seine Textilien billig produzieren. Auch teure Markenklamotten werden teilweise in derselben Fabrik unter den gleichen Bedingungen hergestellt. Wo was herkommt, was man kaufen sollte und was nicht, damit sind Kunden leicht überfragt, wie auch Incilay, 46: „Also, wenn ich alles so detailliert überlegen sollte, kann ich, glaub ich, bald gar nicht mehr einkaufen. Dann wüsste ich gar nicht, was von wem produziert wird. Da müsste ich wirklich recherchieren bis zum „Geht-nicht-mehr“ und stehe am Ende ganz ohne Einkauf da.“

 

Was Primark allerdings von anderen Textilherstellern wie H&M, Zara und Co. unterscheidet, ist, dass die Kette ein völlig neues Konsumverhalten beim Käufer entwickelt hat, das Kleidung zu einem extrem kurzlebigen Konsumartikel macht, der die Wegwerfmentalität der Käufer in einem hohen Maß steigert.

 

Nachhaltigkeitsteam und Produktion in Billiglohnländern

Bei genauer Recherche auf der Primark-Website ist von schlechten Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern oder Schäden der Umwelt nicht die Rede: „Als international tätiges Einzelhandelsunternehmen sind wir uns unserer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst und tun alles dafür, dass unsere Produkte sozial- und umweltverträglich hergestellt werden.“ Dafür sei sogar ein Nachhaltigkeitsteam bei Primark beschäftigt. Ein Verhaltenskodex sorge dafür, dass Mindestlöhne und gerechte Arbeitsbedingungen gewährleistet werden.

 

Dokumentationen wie „Mode zum Wegwerfen“ (ZDF) zeigen ein anderes Bild: Die Arbeiter wohnen in Slums. Verwahrloste Wellblechhütten und das Leben mit einer Großfamilie auf winzigem Raum ist in Bangladesch harte Realität. Berge von Müll häufen sich am Rande der Straßen. Von dem Lohn können die Arbeiter in den Textilfabriken laut ZDF-Doku gerade mal ihre Miete bezahlen.

 

Für einen Deutschen wären diese Lebensverhältnisse unvorstellbar. Doch hier gelten andere Gesetze. In Billiglohnländern wie Bangladesch gilt ein anderer Mindestlohn von 34 Euro im Monat und auch Kinder dürfen hier tagsüber beschäftigt werden.

 

Die Arbeitsbedingungen von Primark richten sich demzufolge nach den in den Billiglohnländern geltenden Gesetzen und sind juristisch rechtsgültig. Ob diese Rechte jedoch wirklich sozialverträglich sind, wie Primark es betont, ist fragwürdig. Primark selbst sah sich auch auf unsere wiederholte Anfrage leider nicht in der Lage, dazu Stellung zu nehmen.

 

Spottpreise und Wegwerfkultur

Wer den eigentlichen Preis der Kleidung zahlt, dürfte wohl jedem klar sein. Veronika, 56, die zum ersten Mal in einem Primark-Store war, wundert sich allerdings nicht, wie die günstigen Preise zustande kommen. Nach kurzer Überlegung sagt sie, dass man die Billiglöhne natürlich nicht unterstützen solle, aber Kleidung, die ihr gefiele, würde sie auch bei Primark kaufen. Ariana, Studentin, 23 Jahre alt und Incilay, 46 aus Hamburg haben ähnliche Ansichten. Zu Primark würde sie nicht mehr gehen, wenn Ariana mehr Geld zur Verfügung stünde. Mode zu Spottpreisen, die sich schnell aufgrund des günstigen Preises austauschen lässt, ist eben das große Argument. An soziale und ökologische Nachhaltigkeit denken beim Einkauf offenbar die wenigsten. Obwohl nahezu jedem die schlechten Arbeitsbedingungen in den Billiglohnländern bewusst sind, ist Primark immer noch eine Konsumhochburg. Auch die Unterstützung der Wegwerfkultur scheint kaum jemandem bewusst zu sein.

Der Erfolg des irischen Modekonzerns ist im Hamburger Billstedt-Center klar zu erkennen. Schon jetzt, nach der Eröffnung am 8. Dezember 2016 verzeichnet das Center nach eigenen Angaben „positive Frequenzentwicklungen“. Der gesamte Stadtteil „profitiere von dem regelrechten Shopping-Tourismus der Primark-Kundschaft“, wie das Center-Management bestätigt: „Was jedoch sicher ist, ist, dass Billstedt über die Grenzen Hamburgs hinaus an Bekanntheit gewonnen hat, was sich in jedem Fall positiv auf den Standort einzahlt.“

 

Wie kann man den Primark-Hype umgehen?

Günstige Kleidung auf Kosten anderer: Wer dagegen etwas tun möchte, für den gibt es auch viele Alternativen. Second-Hand-Kleidung gegen den Wegwerfwahn und faire Öko-Kleidung sind im Kommen. Recherchieren muss man sicherlich, aber sind die faireren Arbeitsbedingungen und der Schutz der Umwelt diesen Aufwand nicht wert?