Bildung nur für die Besten – ist das gerecht?

Numerus Clausus - gerecht?
Numerus Clausus - gerecht?

 

Ein Kommentar von Melissa Krajewski

Bildung sollte für alle zugänglich gemacht werden. Ganz plötzlich überrollte ab den 50er Jahren eine Flut von Studienbewerbern das deutsche Hochschulsystem. Da man dieser Flut nicht gewachsen war und ein „ordnungsgemäßes Studium“ geboten werden sollte, machte der Numerus Clausus die Schotten dicht.

Als Selektionsinstrument für zulassungsbeschränkte Studiengänge feiert der NC dieses Jahr sein 45-jähriges Bestehen. Doch er muss verschwinden, denn seine Auswirkungen sind fatal und er passt nicht zu dieser Welt. Nicht umsonst ist in dem globalen Aktionsrahmen Bildung 2030, der von der UNESCO koordiniert wird, das Ziel einer „inklusiven, chancengerechten und hochwertigen Bildung für alle“ formuliert.

Doch die Realität sieht anders aus: Sobald die Nachfrage nach Studienplätzen die Platzkapazität einer Uni überschreitet, muss die Uni zahlreichen Bewerben absagen und deren Träume platzen lassen. Die Wunsch-Studenten werden durch den NC nach ihrer Durchschnittsnote im Abi sortiert und dann heißt es für die Besten: „Wir freuen uns, Ihnen einen Studienplatz anbieten zu können“. Dem begeisterten Mathefreak werden hingegen alle Wege zu seinem Mathematikstudium versperrt, weil seine Noten in Deutsch und Englisch zu schlecht waren. Die Folge: Eine homogene studienberechtigte Elite der Noten-Besten. Und das soll gerecht sein? 

Auch wenn man einige Vorerfahrungen in seiner Wunsch-Studienrichtung sammelt, sich ehrenamtlich engagiert und für dieses eine Gebiet brennt, macht einem ein mittelmäßiger Abiturdurchschnitt blitzschnell einen Strich durch die Rechnung und damit durch die Zukunftsplanung.

Es geht auch anders

Doch das Abi als einziges Auswahlkriterium sagt kaum etwas über die tatsächliche Studierfähigkeit einer Person aus. Andere Länder, wie Holland oder Ungarn, zeigen uns, wie es auch mit Gerechtigkeit funktioniert. Natürlich gibt es in Holland bestimmte Zugangsvoraussetzungen, aber eben keinen starren und ungerechten NC. Es gibt Eignungstests, die mehr über die persönlichen Interessen und die Fähigkeit zu einem Studium aussagen als Noten. Des Weiteren ist es in den Niederlanden verbreitet, „auf Probe“ zu studieren, so zum Beispiel an der Stenden University of Applied Sciences. Jeder Student, der in seinem ersten Jahr mindestens 51 von 60 möglichen European Credits erreicht, kann sein Wunschstudium weiterstudieren. 

In Ungarn wird oftmals ein Motivationsschreiben gefordert, in dem die Studienbewerber ihren Wunsch und ihre Ambitionen ganz persönlich erläutern können. Dort gibt es gar keine Zulassungsbeschränkung. Das wissen auch die Studierenden und gehen nicht selten ins Ausland, um dem NC zu entgehen. 2013 waren ca. 23.000 Deutsche in niederländischen Universitäten eingeschrieben und ca. 3.000 in Ungarn. Ist es wirklich ein bildungspolitisches Ziel, durch den NC die Anzahl der Studienbewerber in Deutschland zu senken?

Doch es gibt auch in unserem System Lichtblicke: Die Leuphana befindet sich auf dem Weg zu einem gerechteren und persönlicherem Zulassungsverfahren in zwei Stufen. In der ersten Stufe werden sowohl der Abiturdurchschnitt, als auch außerschulisches Engagement, wie zum Beispiel eine Schulsprechertätigkeit oder Auslandsaufenthalte, berücksichtigt und dafür Punkte vergeben. Die zweite Stufe stellt den Studierfähigkeitstest sowie in einigen Studiengängen ein zusätzliches Auswahlgespräch dar. Entscheidungsträger werden also auf die intellektuellen und individuellen Fähigkeiten bzw. Interessen aufmerksam. Da so die Heterogenität der Studierenden steigt, treffen ganz unterschiedliche Persönlichkeiten im Studium aufeinander und können auch voneinander lernen.

Was sagt denn schon das Abitur aus?

Schlechte Noten auf dem Papier dürfen nicht alleine über die Bildungsmöglichkeiten eines Menschen urteilen. Niemand sollte sich von einem Einser-NC abschrecken lassen, denn individuelle Fähigkeiten haben deutlich mehr Aussagekraft: Der NC muss abgeschafft werden und an seiner Stelle sollten gerechte Zulassungsverfahren eingesetzt werden.

Universität – wegen Überfüllung geschlossen? 

Doch ist ein frei zugängliches Hochschulsystem mit überfüllten Bibliotheken, Mensen und Hörsälen wirklich die bessere Alternative? Nein. Wer behauptet, dass die Qualität der Bildung unter steigenden Studierendenzahlen und gleichbleibender Kapazität nicht leidet, macht sich etwas vor. Wer möchte schon mit tausenden Kommilitoninnen und Kommilitonen um die Sprechzeiten des einen Dozenten oder das Mittagessen buhlen? In kurzer Zeit können entsprechende Kapazitäten einfach nicht hergezaubert werden. 

Doch die fehlenden Kapazitäten sind langfristig keine Ausrede: Es müssen zusätzlich neue Räume für Studierende geschaffen und Dozenten eingestellt werden, um möglichst Vielen eine Hochschulbildung bereitstellen zu können. Diese sollen sich über ihre Persönlichkeit qualifizieren dürfen und nicht wegen der Noten aussortiert werden.

Denn das ist ihr Recht und nur das ist gerecht!