„Bon Voyage“ – Flüchtlingsdrama auf hoher See

 

von Lisa Holldorf

Eine Segelyacht schippert nachts über das Mittelmeer, plötzlich taucht ein manövrierunfähiges Boot mit hilflosen Geflüchteten auf.

Die Skipper der Segelyacht, ein Schweizer Paar, sind ratlos und verängstigt: Wie können sie helfen? Wollen sie überhaupt helfen? Verzweifelt rufen die Schweizer die libysche Küstenwache zu Hilfe, während sie sich vom Boot der Flüchtlinge entfernen.

Ein großer Fehler. Als es wieder hell wird, treiben Leichen rund um die Yacht im Meer. Wenige Geflüchtete schaffen es auf die Yacht und übernehmen die Kontrolle, um nicht zurück nach Libyen zu müssen. Doch das Schweizer Paar gewinnt das Vertrauen der Geflüchteten und verspricht ihnen, sie nach Europa zu bringen.

Die Yacht steuert jedoch der libyschen Küstenwache entgegen und diese nimmt die Geflüchteten in Gewahrsam. Ein kleines Mädchen, von seiner Mutter unter Deck versteckt, bleibt auf der Yacht mit den Schweizern zurück.

Der Film

Gebannt verfolgt das Publikum am Dienstag im Rahmen der X. Leuphana Konferenzwoche 20 Minuten lang den dramatischen Kurzfilm. „Bon Voyage“ ist mehrfach ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für die Oscars. Leider hat es am Ende nicht für die Nominierung gereicht - ein Glück für die Studierenden der Leuphana, so konnte der Schweizer Regisseur Marc Wilkins die Konferenzwoche beehren. Nach der Filmvorführung in Schweizerdeutsch und Arabisch mit englischen Untertiteln diskutierte Wilkins mit den Zuschauern.

Der Regisseur

Wilkins Biografie ist die eines Weltenbummlers. 1976 in der Schweiz geboren, in Deutschland aufgewachsen, drehte er bereits mit 16 Jahren seinen ersten Kurzfilm. Inzwischen lebt er in New York und Berlin, produziert Werbefilme und setzt nebenbei freie Filmprojekte um.

Die Idee zu dem fiktiven Kurzfilm „Bon Voyage“ kam Wilkins bei der Vorbereitung einer eigenen Atlantiküberquerung vor sechs Jahren, als er sein Schiff voll mit Wein und Schinken belud: Auf einmal wurde ihm der Kontrast zu einem Flüchtlingsboot massiv vor Augen geführt, als er in den Nachrichten die ersten Flüchtlingsboote dichtgedrängt mit Menschen aus dem Senegal sah. 

Die Diskussion

Während der Arbeit an „Bon Voyage“ wurde Marc Wilkins klar, dass er seinen Fokus stärker auf politische Filme setzen will. Für den Dienstagabend wünscht er sich ein Streitgespräch mit dem Publikum und eine hitzige Diskussion. Lebhaft ist die Diskussion auf jeden Fall, die Fragen drängen: „Spätestens als die Geflüchteten auf der Yacht waren, hätte das Schweizer Paar doch nach Europa fahren können und fünf Jahre Gefängnis für fünf Menschenleben riskieren können, oder?“; „Steht die Segelyacht metaphorisch für eine bestimmte Nation?“; „Und ist die Segelyacht nicht vergleichbar mit dem Ort, an dem wir uns gerade hier in Lüneburg befinden?“; „Deutschland also als eine Luxusyacht gedacht...“; „Hätte man alle Geflüchteten auf dem Boot in einer vergleichbaren Situation retten können?“

 

Laut Wilkins hat man die Pflicht, einem Schiff in Seenot zu helfen, solange man sich nicht selbst in Gefahr bringt. Im zweiten Schritt müssen die Geretteten in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden. Allerdings: Was ist ein sicherer Hafen? In diesem Fall wäre das Schweizer Paar nicht ins Gefängnis gekommen, wenn sie die Geflüchteten nach Europa gebracht hätten, glaubt Wilkins. Die Segelyacht steht seiner Meinung nach für alle Nationen, die den Wohlstand haben, sich Häfen voller Yachten zu leisten.

 

Die Situation hätte nach Wilkins Masterplan glimpflich ausgehen können. Am Anfang wäre Abstand zum Schiff wichtig gewesen. Man hätte einen Dialog aufbauen und nach Verletzten und genug Trinkwasser fragen müssen. Die Rettungsinsel der Yacht hätte auch einigen Menschen das Leben gerettet. Man hätte von hinten an das Heck des Schiffs ranfahren müssen und einen Großteil der Menschen auf der Yacht unterbringen können.  

Die Intention: Zum Nachdenken anregen

Wilkins will mit seinem Film möglichst viele Leute erreichen. Das offene Ende ist eine erwünschte Vorlage für jeden, sich ein eigenes Ende im Kopf vorzustellen und eigene Lehren zu ziehen. Der Film soll kein politisches Statement sein, sondern aufrütteln, erschüttern, zum Nachdenken anregen und die eigene Komfortzone unbequem werden lassen. Wilkins möchte seinem Publikum Fragen stellen wie „Müssen wir Angst haben?“  und „Gibt es einen Grund, dass die Schweizer sich zurückziehen und die Küstenwache rufen?“.

„Bon Voyage“ soll Geflüchteten ein Gesicht geben und zeigen: Das Meer ist kein Mittelmeerparadies. Der Film wirft sehr viele Fragen auf und gibt keine eindeutigen Antworten. Wilkins hofft in einer solchen Situation den Geflüchteten tatsächlich zu helfen. Aber: Letztlich weiß auch er nicht, wie er instinktiv gehandelt hätte.