Die SDGs – Wirksame Gerechtigkeitstreiber oder hilfloser Versuch?

Sind die SDGs ein Neustart für eine gerechte Entwicklung? Die Gäste debattieren.

von Melissa Krajewski

 

Ein Neustart für mehr Gerechtigkeit?

Insgesamt 17 Ziele legten die Vereinten Nationen (UN) 2015 im Rahmen der Agenda 2030 fest. Mit den Sustainable Development Goals sind große Ambitionen verbunden: Sie sollen die Welt verändern und die Lebensbedingungen in allen Ländern verbessern. Sven Prien-Ribcke, Koordinator des Moduls „Wissenschaft trägt Verantwortung“, eröffnete das Podiumsgespräch und begrüßte die Gäste: Prof. Dr. Patrizia Nanz, Dr. Joy Alemazung, Dr. Jörg Mayer-Ries, sowie Prof. Dr. Thomas Pogge. Die große umstrittene Frage im Raum: Welche Wirkung erzielen die SDGs tatsächlich?

Mayer-Ries, Referatsleiter für Strategie- und Grundsatzfragen im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit in Berlin, betonte, dass hinter den 17 SDGs viel mehr stecke: Man müsse die gesamte Agenda 2030 berücksichtigen, einschließlich der 167 Unterziele. Die Agenda 2030 sei eine erfolgreiche Neuauflage, basierend auf einer Geschichte, die nun konkrete und messbare Ziele definiert. Mayer-Ries appelliert, dass das Wichtigste sei, dass alle Menschen sich Ihrer globalen Verantwortung bewusst werden.

Diesen Punkt vertrat auch Alemazung. Der gebürtige Kameruner sieht in den SDGs eine neue Chance, die Menschen für mehr globale Gerechtigkeit zu sensibilisieren. Nicht nur die Entwicklungsländer, sondern auch die Industrieländer müssten sich weiterentwickeln, denn alle Menschen können das Leben in anderen Ländern beeinflussen.

Die wissenschaftliche Direktorin am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam, Patrizia Nanz, unterstrich die Relevanz dieses großen partizipativen Prozesses. Für eine verbesserte Welt müsse die Agenda nun jedoch in nationale und regionale Ziele umgewandelt werden, sodass nicht nur der kleinste gemeinsame, sondern der globale Nenner angewendet werden würde.

 

Unerreichbarkeit der Gerechtigkeit durch falschen Umgang?

Mithilfe einer Skype-Übertragung konnte sich auch Thomas Pogge zu den SDGs äußern. Der Professor für Philosophie und internationale Beziehungen an der Yale University heizte die Diskussion an, indem er die Defizite der SDGs beleuchtete. Sie würden zwar wichtige Ziele anschneiden, jedoch sei die Art und Weise und die Definition von „Zielen“ problematisch. Wir würden uns durch den Zielbegriff mit den ursprünglichen Situationen vergleichen. So würden wir leichter von Fortschritten reden. Die richtige Basislinie wäre aber ein Vergleich vom derzeitigen Status Quo mit dem, was mit heutigen administrativen und technologischen Möglichkeiten überhaupt vorstellbar wäre. Pogge ist der Meinung, dass die Ziele unter den menschlichen Möglichkeiten formuliert sind. Milliarden von Menschen würden noch immer auf die Erfüllung ihrer Menschenrechte warten, obwohl beispielsweise Hunger mit heutigen Mitteln überall vermeidbar wäre. Die SDGs seien „extrem unterambitioniert“.

Alle Podiumsredner stimmten letztendlich darin überein, dass 2030 nicht alle Ziele erreicht werden würden. Mayer-Ries findet es sehr wichtig, dass jedes Jahr Berichte über die erzielten Fortschritte veröffentlicht werden. Er wertet es als ein Zeichen der Transparenz, wenn zugegeben wird, dass bestimmte Ziele nicht vollständig erreicht werden können.

 

Aber was können die SDGs dann überhaupt verändern?

 

Mayer-Ries betonte, dass die Parteien der UN stärker auf die Ziele verpflichtet werden müssten. Da die Agenda 2030 in einem freiwilligen Rahmen vereinbart wurde, können Mitglieder nicht für die Nicht-Einhaltung der SDGs sanktioniert werden. Auch Pogge sprach sich dafür aus, eine Gesetzgebung von der internationalen bis zur lokalen Ebene für alle Menschen zu verankern. Erst dann kann es noch Hoffnung auf eine bessere und gerechtere Welt geben.