Eher heute-show statt heute-journal

Vom Sauerteig bis zum türkischen Staatspräsidenten- eine Diskussion über Satire als journalistisches Format

von Josephine Führer  

„Es ist ein bisschen wie bei einer Katze die ein Medikament bekommen muss, das gibt man ihr auch über das Katzenfutter, damit sie es nicht mitbekommt. So ist es in gewisser Weise auch mit Satire. Du verkaufst Infos in einem fluffig, süffisant, lustigen Umfeld”, beschreibt Andreas Lange, Redaktionsleiter der Satiresendung extra 3 die Funktion von Satire.

Satire als Informationsmedium- Kann das gelingen? 

Die grundlegende Definition des Begriffs von  Satire gelingt innerhalb des Seminarplenums, mit dem Titel „Tagesschau vs. Extra 3- Über den Umgang mit Information und Satire“, schnell. Bei Satire als journalistische Form ginge es darum, einen real vorliegenden Sachverhalt, eine gesellschaftliche Problemstellung oder einen Alltagsgegenstand im ersten Schritt zu analysieren und dann innerhalb des „satirischen Aktes“ lustig, ironisch und überspitzt darzustellen, erläutert Lange. Hierzu ergänzt Hans-Martin Koch, Leiter des Kulturressorts der Lüneburger Landeszeitung, dass die Realität ein gewisses Maß an Fiktion benötige um erklärbar und verständlich zu werden. Dies gelänge beispielsweise über überspitzte journalistische Formate wie Satire.

In Bezug auf die Wahrnehmung der Rolle von Satire als Medium der Informationsvermittlung kristallisieren sich jedoch unterschiedliche Meinungen heraus: Aus der studentischen Perspektive von Kim Torster und Ernst Jordan, zwei an der Leuphana studierenden Nachwuchsjournalisten, bietet Satire vor allem einen „Trigger“ sich mit dem zugrundeliegenden Sachverhalt näher auseinanderzusetzten und sich vertiefendes Wissen anzueignen.

Die beiden bereits langjährig tätigen Journalisten sehen dies jedoch ganz anders. „Für uns wäre es fatal, wenn es den klassischen Journalismus nicht mehr geben würde, weil wir darauf angewiesen sind, dass die Nachrichten erst mal in den Köpfen der Menschen sind. Satire ist dann eher so die Locke oben drauf“, erklärt der Redaktionsleiter von extra 3. 

Hierbei wird ein, mutmaßlich auf Generationenunterschieden basierender, Unterschied des Medienverständnisses deutlich. Ernst Jordan erläutert seinen Nachrichtenkonsum so: „Ich hab die Themen, die abends um acht in der Tagesschau kommen würden, den Tag über schon drei Mal im Internet gesehen und was mich daran interessiert, habe ich schon gelesen. Das dann noch mal aufbereitet  zu sehen, ist mir dann einfach nicht mehr so wichtig, deshalb gucke ich die Tagesschau nur sporadisch. Die Tagesschau stellt die Sachverhalte einfach nur unpolitisch dar und Satire gibt dem Ganzen nochmal einen neuen „Spin“ und regt dabei nochmal ein bisschen dazu an, hinter die Kulissen zu blicken. Außerdem hat Satire den Vorteil, dass sie Sachverhalte sehr kurz runterbrechen kann. Satire ist quasi die Nachricht plus den Zusatznutzen der Comedy.“

Für jeden was dabei

Von anzüglichen Witzen bis zu politischen Inhalten ist alles erlaubt und dies ist laut Ernst Jordan, auch gut so. „Satire kann auch ruhig mal irgendwelche platten Witze bringen, da man versuchen sollte, alle Leute zu erreichen“, betont der Student. Erst kürzlich publizierte er selbst einen satirischen Text in einer taz-Online-Kolumne mit dem Titel „Mehlvin, mein Sauerteig“, ein fiktive Geschichte über ein Kind, das sich statt eines Hundes oder einer Katze einen Sauerteig als Haustier zulegt.

In diesem Kontext hält Hans- Martin Koch ergänzend fest, dass man innerhalb der Konzeption von Satire immer „darauf achten muss, welches Publikum man hat und wie man es anspricht“. Hierzu erzählt Lange aus dem redaktionellen Alltag bei extra 3: „Wir haben zum Beispiel beim NDR-Fernsehen Zuschauer im Durchschnittsalter von 63 oder 64 Jahren. Mit unserem großen Internetangebot müssen wir jedoch ein wesentlich jüngeres Publikum zwischen 20 und 35 Jahren erreichen. Das geht nicht immer. Zum Beispiel hätte einen von uns produzierten Clip über Tinder im Fernsehen niemand verstanden, da das Publikum Tinder nicht kennt. Hier ist es an uns, je nach Verbreitungsweg auszuwählen.“

Grenzziehungen

Laut dem Redakteur der Lüneburger LZ seien die Ränder der Kunstform Satire unscharf, jeder müsse für sich selbst definieren, wo das künstlerische Spektrum ende und dabei helfe das große Spektrum der deutschen Satireformate. „Man kann Menschen schon mal auf die Schippe nehmen, wenn es zum Beispiel darum geht, dass Menschen lieber mit dem Flugzeug fliegen und es ihnen egal ist, wie das Klima sich entwickelt“, sagt Lange. Es geht jedoch aus der Diskussion prägnant hervor, dass Satire aus der Sicht der Diskutanten dort endet, wo Persönlichkeitsverletzung beginnt.

An diesem Punkt kommt aus dem Publikum die Frage in den Raum, wegen der wohl so mancher Besucher den Weg ins Gebäude 14 gesucht hat: Wie bewertet das Podium Böhmermanns „Schmähgedicht“ gegen Erdogan: Kann man das noch als Satire bezeichnen?

Abgesehen von der persönlichen Meinung, müsse es in Deutschland möglich sein, gesellschaftliche Themen auf diese Weise anzugehen, erläutert der Redaktionsleiter von extra 3 und schiebt dabei bestimmt hinterher: „Wir haben jedoch mit dem Song, den wir über Erdogan gemacht haben, einen anderen Angang, das Thema zu bearbeiten.“ Grundsätzlich ginge es immer darum, welche Intention durch die Satire verfolgt werde. „In unserem Song geht es um die Lage der Kurden in der Türkei, die Lage der Frauen in der Türkei, die Pressefreiheit in der Türkei und um die Lage der Opposition in der Türkei, eingepackt in ein Nena-Lied mit Bildern und auch lustig, aber der Text geht genau darum, Missstände in einem Land aufzudecken.“

Um die Böhmermann-Satire bewerten zu können, müsse demnach laut Lange differenziert betrachtet werden, welche Intention der Autor inhaltlich hinter der Kunstform Satire verfolge, dies sei jedoch bei dem sogenannten „Schmähgedicht“ schwierig zu identifizieren. „Wir haben uns die ganze Zeit gefragt, hat er die Pressefreiheit oder die Meinungsfreiheit in Deutschland angekreidet oder mit dem Gedicht versucht heraus zu kitzeln, dass man in Deutschland nicht alles machen kann, oder ging es wirklich um die Missstände in der Türkei? Was ist die Kernaussage des Gedichts und was wird journalistisch kritisiert?“.  Bevor die anderen Diskussionsteilnehmer darauf eingehen konnten, musste die Veranstaltung aus Zeitgründen an dieser spannenden Stelle abgebrochen werden.