“Fifty Shades of Grey – aber philosophisch!”

„Fesselnder“ Vortrag: Prof. Dr. Dr. Nils Oermann fragt: Was ist Gerechtigkeit?

von Lisa Esselun

In einem dunkelblauen Anzug mit hellblauen Hemd und einer blau/rot-gestreiften Krawatte tritt ein Mann selbstsicher an das Rednerpult. Mit direktem Blick zu seinem Publikum fängt Prof Dr. Dr. Nils Oermann an zu sprechen. Er stellt die Frage: „Was ist Gerechtigkeit?“ Dazu schreibt er die Begriffe Gerechtigkeit und Fairness getrennt durch einen Bindestrich an die Tafel und lässt die Studenten Ideen sammeln. Worte wie „Kategorischer Imperativ“, Regel und Gesetz fallen – Oermann erweitert sein Tafelbild. Es geht weiter: Moral und Ethik. „Stopp“, wirft Oermann ein. Er fragt die Studenten, wo der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist. Schnell wird erklärt: Moral ist die Praxis, das Verhalten und Ethik die Theorie, das Nachdenken.

Gerechtigkeit ist ein Wert

Der Wirtschaftsethiker hakt nach, als die Begriffe Werte und Normen eingeworfen werden. Wie können sie differenziert werden? Werte sind individuell und Normen gelten kollektiv.  Wenn sich jemand also dazu entscheidet, Normen zu brechen, so bricht er Gesetze, die für die Gesellschaft gelten. Oermann kommt zu seiner Eingangsfrage zurück und definiert Gerechtigkeit als Wert – also individuell. Hier fließt eine subjektive Komponente mit ein. Unsere Werte entstehen durch unsere Prägung – eine Frage der Erziehung und bei jedem unterschiedlich.

Dimensionen der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit erklären manche mit ihrem Bauchgefühl, so der Direktor des Instituts für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung. Das könne man durchaus machen - aber auch nur, wenn es sich dabei lediglich um einen selbst dreht. Sobald es mehrere Personen betrifft, müsse man sein „Bauchgefühl“ erklären. Also stellt Oermann noch einmal die Frage: „Was ist Gerechtigkeit?“ Seine Antwort: „Wenn Sie Jura studieren, sagen Sie: Kommt darauf an.“ An dieser Stelle zitiert Oermann Marx „Das Sein prägt das Bewusstsein.“ Er macht damit deutlich, dass Gerechtigkeit breit gefächert ist und von jedem anders definiert werden kann.

Oermann blickt in die Reihen und bringt ein pikantes Stichwort mit ein: Bedingungsloses Grundeinkommen. Er stellt die Frage: Ist es gerecht, dass ein Konzernchef 14,8 Millionen verdient? Er lässt die Studenten spekulieren. Einige Antworten fallen - Oermann stellt seine Frage noch einmal - dieses Mal etwas eindringlicher. Ein Student meldet sich zu Wort: „Es ist vertraglich festgelegt.“ Oermann nickt zustimmend. Genau da haben wir es: die Vertragsgerechtigkeit, wieder eine neue Dimension des Gerechtigkeitsbegriffs.

Ein Ping Pong Spiel

Der Wirtschaftsethiker nimmt wieder Bezug zum Bedingungslosen Grundeinkommen und lässt die Studenten für Pro und Contra Argumente finden – einfacher gesagt als gesagt. Es entwickelt sich ein Ping-Pong-Spiel. Ein Student wirf ein, dass durch das bedingungslose Grundeinkommen jedem ein Recht auf ein gutes Leben gewährleistet werden soll. Hier schließt sich aber die Frage an: Was ist das gute Leben überhaupt und wer bestimmt das?

Oermann blickt in die Gesichter der Studenten und spricht aus, was wohl jeder denkt: Wir befinden uns in einem Dilemma. Er entlässt die Studenten mit den Worten: „Willkommen im Leben! Es ist wie bei Fifty Shades of Grey – aber philosophisch. Und von der Ethik werden Sie nicht angekettet.“