Kalb oder Katze?

von Lisa Esselun

Rind, Huhn und Schwein gehören wie selbstverständlich auf unseren Speiseplan. Es ist ganz natürlich, wenn man sich ein Steak im Restaurant bestellt. Der Aufschrei wäre jedoch groß, wenn es sich dabei um Katzenfleisch handeln würde, denn schließlich isst man Katzen nicht. Der Mensch kategorisiert ganz klar zwischen essbar und nicht-essbar. Einerseits nehmen Hund und Katze einen festen Platz in der Familie ein, ersetzen in manchen Fällen sogar die Kinder. Andererseits degradiert der Mensch im Zeitalter der Massentierhaltung Rind und Co. radikal zu Produktlieferanten. Aus ihnen werden Lebensmittel gemacht, Kleidung geschneidert oder Dekorationsartikel hergestellt. Der Mensch nimmt sich das Recht heraus, diese Differenzierung zu vollziehen.          

Wieso der Mensch entschieden hat, dass er Schweine und Rinder, aber keine Katzen isst, hat mehrere Gründe. Erst einmal spielt die Frage nach Religion, Kultur und Tradition eine wichtige Rolle. In Deutschland werden zwar keine Hunde gegessen, aber in Korea gelten die Vierbeiner als Delikatesse. Bei den Massai darf man keinen Fisch essen, den man bei uns wiederum in jeder Gefriertruhe im Supermarkt finden kann.        

In Deutschland wurden Rinder schon immer geschlachtet, daher ist das anscheinend auch völlig in Ordnung. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – daher werden keine alten Muster gebrochen. Katzenfleisch zu essen, wäre doch pervers. Bestimmte Tiere gehören einfach nicht auf den Teller, dieser Glaube sitzt tief.
           
Außerdem sorgt die Lebensmittelindustrie dafür, dass wir beim Kauf von tierischen Erzeugnissen in keiner Weise mehr mit dem Tier als dem Lebewesen, das es einmal war, konfrontiert werden. Die Packung Salami, die in der Frischetheke liegt, hat nichts mehr mit dem eigentlichen Tier zu tun. Es findet eine Entfremdung statt und das Tier wird zum Produkt.

Die Frage nach Gerechtigkeit

Würde man jemanden fragen, ob er ein Lamm schlachten könnte – die Antwort wäre sehr wahrscheinlich ein Nein. Trotzdem wird beim Schlachter meist zu Ostern ein Lämmchen bestellt, welches dann für die Familie zubereitet und anschließend mit Genuss verspeist wird. Und hier wären wir bei dem Stichwort: Bequemlichkeit. Dem Menschen wird es einfach gemacht. Er muss kein Tier töten, um an dessen Fleisch zu kommen. Er wird nicht mit dem Bild eines kleinen Lämmchens konfrontiert, wie es geschlachtet wird. Der Weg in den nächsten Supermarkt oder zum nahegelegenen Schlachter ist unkompliziert. Das Tier, welches geschlachtet wird und die daraus produzierte Wurst werden nicht miteinander in Verbindung gebracht – ganz so als würde es sich dabei um zwei verschiedene Paar Schuhe handeln.

Laut einer Studie von „Statista“ lebten im Jahre 2015 in deutschen Haushalten hochgerechnet insgesamt 34,4 Millionen Haustiere. Dabei zählt die Katze mit 12,9 Millionen Tieren zum beliebtesten Haustier. Im Gegenzug wurden laut Statistischem Bundesamt im gleichen Zeitraum alleine in Deutschland etwa 55 Millionen Schweine aus gewerblichen Gründen geschlachtet. Die Widersprüchlichkeit der Beziehung von Mensch und Tier ist offensichtlich. Die Frage, ob es gerecht ist, dass sich der Mensch das Privileg herausnimmt darüber zu entscheiden, welches Tier leben darf und welches nicht, ist alleine schon anhand dieser Zahlen mehr als berechtigt.

Der Mensch positioniert sich in der Rangordnung ganz oben. Dabei vergisst er offenbar, dass er nicht das gebildete Wesen wäre, hätte es keine Tiere gegeben. Forscher bestätigen nämlich, dass es ohne die Existenz von Pferd, Hund und Kuh keine kultivierte Zivilisation geben würde. Tiere haben also mit anderen Worten ausgedrückt dem Menschen zum Menschsein verholfen. Diese Tatsache scheint er jedoch auszublenden. Denn in Zeiten von Massentierhaltung und Tierversuchen ist nichts von Anerkennung und Dankbarkeit zu sehen.

Umdenken – ein Anfang!

Vor einiger Zeit war dieses Video im Umlauf. Der kleine Luiz berührte sein Publikum durch die Art und Weise, wie er seine Entscheidung traf, keine Tiere mehr zu essen. Mit seiner Aussage: „Es sind Tiere, auf die wir achtgeben müssen, anstatt sie zu essen!“, verursachte er viele Tränen. Seine simple Begründung bringt es auf den Punkt: Egal ob Oktopus, Hund, Huhn, Hase –  das sind alles Tiere. Tiere sind Lebewesen. Genau wie der Mensch. Wir teilen uns einen Planeten und leben gemeinsam zusammen. Wieso also nicht mal die veralteten Muster überdenken und in Erwägung ziehen, dass man achtsamer miteinander umgeht? „Tiere fressen sich auch gegenseitig!“, könnte an dieser Stelle als Gegenargument kommen. Ja, das ist richtig, aber in der freien Natur, die der Mensch auch immer mehr für sich beansprucht, haben sie auch gar keine andere Wahl. Wir, die sich selbst als kultiviert bezeichnen, können selbst bestimmen, was wir essen und was nicht. Wir sind nicht auf den Verzehr von Fleisch angewiesen. Wir essen es nur, weil es uns schmeckt.

Dass nun jeder, der diesen Beitrag liest, aufhört, Fleisch zu essen ist natürlich utopisch – zu fest sitzen alte Denkmuster. Aber es besteht zumindest die Hoffnung, dass sich der Leser oder die Leserin sich mehr mit der Thematik auseinandersetzt. Man sollte sich einfach mal bewusst machen, dass die Chicken Sticks, die man sich gedankenlos in die Pfanne haut, einmal ein lebendiges Tier waren. Ein fünf minütiger „Genuss“ auf der Zunge gegen ein Tierleben – ist das gerecht?