Religion – Bremse oder Motor der Gerechtigkeit?

Moderator Andreas
Jürgens mit Michael Schmidt-Salomon, Michael Elsner und
Klaus-Georg Poehls (v.l.n.r.).

Ein Beitrag von Denise Dunckel

Sobald es um Religion geht, hat jeder eine Haltung. Sei es die des Glaubens, die des Ablehnens oder die der Ignoranz: „Was interessiert mich denn Religion? Das ist mir alles vollkommen egal“. Ihre Haltung kundgetan haben gestern Abend auch drei Männer, die sich schon beruflich mit dem Verhältnis zwischen Religion und Gerechtigkeit auseinander setzen: der freischaffende Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, der Pastor Klaus-Georg Poehls und der sozial-engagierte Unternehmer Michael Elsner. Die Kernfrage des Abends war: „Stiftet Religion Gerechtigkeit?“ .

Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, versuchten die Diskutanten, zunächst den Begriff der Gerechtigkeit zu klären und wie dieser in die Religion eingebettet werden kann. Für Schmidt-Salomon ist Gerechtigkeit ein utopischer Zustand. Der Mensch habe die Möglichkeit seine Potenziale zu entfalten. Dabei solle eine gerechte Gesellschaft Fairness für jeden einzelnen schaffen. Elsner ergänzt dies durch zwei Fragen, die sich jeder stellen müsse, um von Gerechtigkeit sprechen zu können. Erstens: „Ist es gerecht, wenn jeder das bekommt, was er verdient?“ und zweitens: „Ist es gerecht, wenn jeder das bekommt, was er braucht?“. Elsner setzt seinen Schwerpunkt bei der zweiten Frage und ergänzt, dass Gerechtigkeit und damit die Verteilung von Ressourcen bei den Schwächsten anzufangen habe.

Aber wer ist überhaupt der Schwächste?

Die Aufgabe von Gerechtigkeit ist laut Elsner die Orientierung an den Schwächsten. Für Elsner werde immer die Ideologie des Fördern und Fordern vertreten, seiner Meinung nach sei aber kein Fordern nötig, da es keine Person gibt, die schwach ist.

Laut Schmidt-Salomon unterscheide eine Person, egal welcher Religion, Gemeinschaft oder Gruppe sie angehört, zwischen der inneren und der äußeren Gruppe. Die innere Gruppe werde durch Hingabe und Güte beeinflusst und der äußeren Gruppe werde häufig Ablehnung und Hass entgegengebracht. Aber kann das gerecht sein?

Poehls sagt „Nein“ dazu, denn sein Ziel des Weltethos fordert, dass alle Werte gemeinsam definiert und umgesetzt werden sollen. Nach Poehls sollen Humanität und Solidarität umgesetzt werden. Dabei soll jeder Mensch gleichbehandelt werden und gleichzeitig sich in den anderen hineinversetzen können. Der Blick soll darauf gerichtet werden, was der andere benötigt. Deshalb stehen für Poehls die Religionen sogar in der Pflicht, Gerechtigkeit zu stiften, da es sonst eine Gotteslästerung wäre.

Aber stiften Religionen denn wirklich Gerechtigkeit?

Schmidt-Salomon, Poehls und Elsner sind bei der Beantwortung dieser Frage alle zwiegespalten. Sie sagen einerseits, dass Religion Gerechtigkeit stiftet, jedoch häufig nur innerhalb der jeweiligen Religion. Andererseits haben durch religiöse Akteure schon vielerlei ungerechte Taten stattgefunden wie beispielsweise die Hinrichtung von Homosexuellen im Iran. Religion kann also beides bieten: den Motor als auch die Bremse der Gerechtigkeit. Oder wie es Schmidt-Salomon zusammenfasst: : „Religion bietet die Hoffnung, dass Ungerechtigkeit nicht bis zum Schluss bleibt.“