Sind Schulen die Treibhäuser der Zukunft?

von Denise Dunckel und Leonie Maaß

 

Leistungsorientierung versus Lernorientierung

Häufig wird bei Menschen zwischen zwei Arten der Orientierung im Leben unterschieden, nämlich zwischen der Leistungsorientierung und der Lernorientierung. Leistungsorientierung meint das sogenannte „Bulimielernen“, also kurzzeitiges Lernen, um seine Leistung zu erbringen, und das Gelernte anschließend wieder zu vergessen. Lernorientierung wiederum meint, dass aus Motivation gelernt wird. Aber was ist Motivation überhaupt und wie erreicht man sie? Laut Kahl ist Motivation eine Freude und „Freude kann man nicht vermitteln, Freude kann man nur anstecken“.

Damit setzt Kahl besonders auf die Begeisterung von Lehrkräften, damit deren Motivation für ihr Fach auf ihre Schüler (SuS) überschwappt. Dietrich findet es ebenfalls wünschenswert, dass diese Ansteckung auf die SuS übergeht. Jedoch könne man Lehrern Motivation nicht “beibringen“ und somit auch nicht an die SuS weitervermitteln. Deshalb werde Motivation meist unzureichend gefördert und SuS würden innere Defizite entwickeln. Doch wie kann man dies aus dem Weg räumen? Schule sollte doch wieder zu einem Ort werden, zu dem man gerne hinmöchte.

Das Problem: „Die SuS haben nur ein Fach, in dem sie motiviert sind und das heißt ‚Durchkommen‘“, sagt Kahl. Durch diese Fixierung auf das eine Fach wird dafür gesorgt, dass der Funkensprung der Motivation verhindert wird. Aber braucht man denn überhaupt mehr Fächer?

 

Fächerkanon versus Freiheit

Für Kahl hätten „Schüler lediglich das Bluffen gelernt “, die Anzahl an Fächern sei irrelevant. Dem widerspricht Dietrich, denn laut Schultheoretikern brauche man die „12 beziehungsweise 13 Fächer in der Schule, damit die Menschen befähigt werden, später selbst ihre Interessen wählen zu können“. Kahl unterstreicht diese Meinung mit dem Beispiel der Villa Monte Schule in der Schweiz, in der das Motto gilt: „Jeder weiß es für sich“.

Die SuS würden Demokratie und Schule im Verbund kennenlernen. Ihnen werde nicht nur beigebracht, was Demokratie ist, sondern sie leben Demokratie in ihrer Schule aus. Sie lernten dadurch das Miteinander und das gegenseitige Unterstützen. Schulen, wie die Villa Monte Schule, würden vom Konzept in Deutschland zumeist nicht umgesetzt, da eine zu große Angst vor dem Scheitern bestehe, erklärt Kahl. Erst wenn diese Angst genommen werde, könne das Konzept von Demokratie und Gerechtigkeit umgesetzt werden.

 

Kunstprojekte versus Kontinuität

Keine Angst hat offensichtlich die Gesamtschule Bremen-Ost (GSO). Dort stellt man seit 2007 Probenräume für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zur Verfügung. Der Musiker und Komponist Mark Scheibe verbringt jeden Monat einige Tage in der GSO, um mit den SuS gemeinsam an neuen Songs und Melodien zu arbeiten. Unterstützt wird er dabei von einigen Orchestermitgliedern. Zweimal jährlich treten die SuS mit ihrer Show unter dem Namen „Melodie des Lebens“ auf.

Durch Projekte wie dieses haben die SuS Erfolgserlebnisse, ihnen wird Anerkennung entgegengebracht und ihr Selbstvertrauen gestärkt. Laut Cornelie Dietrich scheitern aber 80 Prozent der Projekte, die Künstler an Schulen durchführen. Als möglichen Grund nennt sie die Tatsache, dass die Künstler keine pädagogische Ausbildung durchlaufen haben und über keine Erfahrung in der Arbeit mit vielfältigen SuS verfügen. Zudem bauten die SuS eine Beziehung zu den Künstlern auf, die nach Ende des Projektes abbricht. Der Wegfall einer Vertrauensperson und die mangelnde Kontinuität wirkten sich negativ auf das Vertrauen der SuS aus. Dies sei aber der Normalfall. Die Künstler kämmen nur für einen kurzen Zeitraum in die Schule und führen ein Projekt durch. An der GSO bestehe aber die geforderte Kontinuität.

 

Wie können (zukünftige) Lehrkräfte etwas bewegen?

Kahl vertritt den Standpunkt, dass Lehrkräfte nur etwas in einer Schule verändern können, in der sie mit Kollegen zusammenarbeiten, die die gleichen Interessen verfolgen. Als Vorbild nennt er das Beispiel der finnischen Lehrerausbildung, während der jeder Student eine Mentorenschule hat, in der er Erfahrungen sammelt und seine Vorstellungen von gutem Lehren und Lernen entwickelt. Kahl betont außerdem, dass Lehrkräfte eine doppelte Aufgabe erfüllen. Zum einen sind sie Experten für das Lernen und die Kinder. Zum anderen sind sie Fachleute dafür, Menschen für die Mitarbeit an der Schule zu gewinnen, die kontinuierlich für die Kinder da sind und sie begeistern. Im bereits beschriebenen Projekt an der GSO wären dies die Musiker.

Für eine funktionierende Schulentwicklung ist es laut Dietrich schwierig, sich an Vorreitern zu orientieren, da alle SuS unterschiedlich seien und Methoden sich nicht immer auf jeden Schüler anwenden ließen. Das Problem der Ungerechtigkeit im Bildungswesen müsse in Zukunft behoben werden. Konkret bedeute dies, dass die Leistungsbewertung durch Noten überdacht werden und die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ohne Hierarchiegefälle neu definiert werden sollte. Lernen sei ein gemeinsamer Prozess, der von den Lehrern und den Schülern zusammen gestaltet wird.