Studium und Job – ein Spagat zwischen Uni und Geldverdienen

Ein Bericht von Lisa Holldorf

„Das Studium war die beste Zeit meines Lebens“, schwärmt Inas Mutter. „Rotwein am Abend und Küchentischphilosophie“, schwelgen auch ihre Freundinnen in Erinnerung. Bei Ina sieht das anders aus. Da der Bafög-Zuschuss nicht ausreicht, um das Studium und ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet Ina in ihrer Freizeit. Ihr geht es damit wie der Mehrheit der Studierenden. Immerhin 61 Prozent gehen neben dem Vollzeitstudium einer Erwerbstätigkeit nach.

Ina bezieht einen Bafög-Zuschuss, wie 24 Prozent aller Studierenden in Deutschland. Diesen empfangen Studierende, deren Eltern sich die finanzielle Unterstützung der Kinder während des Erststudiums nicht leisten können. „Ich arbeite nicht, um mir mehr leisten zu können, sondern um mir überhaupt etwas leisten zu können“, sagt Ina. Ihr geht es wie mehr als drei Viertel der befragten Studierenden aus der 20. Sozialerhebung der Studentenwerke. Ina erklärt: „Rund elf bis zwölf Stunden wöchentlich arbeite ich in der Redaktion eines Stadtmagazins, um mein Studium und Leben zu finanzieren.“ Immerhin 57 Prozent der Studierenden mit Nebenjob könnten ohne ihre Erwerbstätigkeit nicht studieren. Für die Mehrheit der Studierenden gehört die Erwerbstätigkeit zum Alltag. Sie prägt ihre finanzielle Situation ebenso wie ihr Zeitbudget und ihr soziales Leben.

Fällt das BaföG weg, wird es eng

Arbeiten Studierende nebenbei, fällt es ihnen schwer, genug Credit Points zu sammeln, um in der Regelstudienzeit ihres Studienganges zu bleiben. Die Folge: Der Bafög-Zuschuss fällt nach der Regelstudienzeit im siebten Semester weg, so auch bei Ina. Damit ist Ina unter ihren Kommilitoninnen kein Einzelfall. 39 Prozent der ehemaligen Bafög-Empfänger geben an, keinen Zuschuss mehr zu beziehen, weil die Förderungshöchstdauer überschritten wurde.

Es gibt natürlich Sonderregelungen. Unter diese fallen: Studierende mit Kindern, Studierende mit Schwerstbehinderung, Studierende, die sich ehrenamtlich in einem der Hochschulgremien engagieren, Studierende, die die Abschlussprüfung erstmalig nicht bestehen und weitere schwerwiegende Gründe wie beispielsweise der Tod eines nahen Verwandten. Sind diese Punkte nicht gegeben, ist die Chance auf eine Verlängerung des Bafög-Zuschusses sehr gering. Ina möchte einen guten Abschluss machen und würde gerne mehr Zeit in den Studienabschluss investieren – stattdessen muss sie mehr arbeiten.

An der Bafög-Hotline malt die Dame am anderen Ende der Leitung Inas Zukunft ziemlich schwarz. Die Ämter sind knallhart: Wenn kein Auslandsaufenthalt im Rahmen eines Praktikums oder Auslandssemesters vorliegt, gibt es keine Lücke im System. Ina wird sich nun bemühen, im siebten Semester noch mehr Stunden in der Woche zu arbeiten oder eine mögliche Studienabschlusshilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist ein gering verzinstes Bankdarlehen für maximal zwölf Monate.

Druck von beiden Seiten

Laut der 20. Sozialerhebung der Studentenwerke investieren Studierende ohne Nebenjob ungefähr 39 Stunden wöchentlich in ihr Erststudium; erwerbstätige Studierende rund sechs Stunden weniger. Mit zehn bis fünfzehn Stunden Arbeit in der Woche bleiben Ina deutlich weniger Stunden zum Studieren. In Inas Woche sind zwei Tage komplett für die Arbeit eingeplant, denn sie hat überdies einen langen Anfahrtsweg. Diese Tage fehlen ihr vor allem in Prüfungsphasen für die Vorbereitung: Dann bestimmen Stress, Druck und in der Folge auch Schlafstörungen und Konzentrationsschwächen Inas Alltag. Manchmal nagt schon die Frage an ihr: Ist das gerecht? Sie sagt: „Mein Fokus hat sich durch das Jobben vom Studium auf die Arbeit verschoben. Ich fühle mich durch die Anwesenheitspflicht auf der Arbeit und die Prüfungen an der Uni dauerhaft gestresst.“

Der Sinn von Bafög ist es, Studierende finanziell zu unterstützen, damit diese sich auf ihr Studium konzentrieren können, denn das Studium sollte der Hauptjob eines jeden Studenten bleiben. Der Fehler steckt im System, wenn dies in einigen Fällen nicht gelingt. Arbeiten Studierende mit geringem Bafög-Zuschuss wie Ina in der Endphase des Studiums würde es beispielsweise sehr helfen, nach Regelstudienzeit weiterhin einen Zuschuss zu bekommen.

Dennoch sieht Ina in ihrem Job einen entscheidenden Vorteil: „Ich sammle Lebens- und Berufserfahrung  und habe dadurch hoffentlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“