Tierleid verhindern – aber wie?

von Moana Wirth

Gespräche hallen durch den Hörsaal, die Diskussionspartner stehen bereits vorne, unterhalten sich, warten auf ihren Einsatz. Ihre Gesprächsfetzen deuten darauf hin, dass das Thema des Abends zwischen ihnen bereits angeschnitten wurde: Ernährung. Doch nicht irgendeine Ernährung, viel eher geht es hier um die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, die Konsum mit sich bringt. Tierrecht, gerechter Anbau, gerechte Haltung, gerechter Konsum und andere Themen, die die Diskussion mit sich bringen wird. Von „Paläo.. bis vegan“ heißt die Veranstaltung, die in den folgenden Minuten zum Nachdenken anregen und interessanten Gesprächsstoff bieten sollte.

Die Redner und Diskussionspartner sind Ursula Hudson, Kulturwissenschaftlerin und Vorsitzende von Slow Food, Thomas Schönberger, Geograf, Bildungsreferent und Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland und die Lead-Autorin im Weltagrarrat, ausgebildete Tierärztin und Autorin des Buches „Kühe sind keine Klimakiller“, Anita Idel, die die Veranstaltung gleichzeitig auch moderiert.

Und Anita Idel gibt auch gleich die Stoßrichtung des Abends vor: Die Agrarkultur, wie sie momentan praktiziert wird, sei das Problem, darüber müsse man auch nicht mehr diskutieren. „Wachsen oder Weichen“, nennt sie die Konkurrenz zwischen den Bauern und Konzernen, den Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum. Es heiße „mehr Eier, mehr Milch, mehr Fleisch“, ohne an die Folgen für Tier und Mensch zu denken, ergänzt sie und geht dann auf den Schmerzmittel- und Antibiotikagebrauch und die Züchtung der Tiere auf Hochleistung in der Landwirtschaft ein. Hier erfordere es eine Kooperation der Klugen, um Veränderung hervor zu bringen: „Wenn wir andere Agrarsysteme wollen, müssen wir in die Diskussion einsteigen.“

Ursula Hudson stößt ins gleiche Horn: „Essen ist der Treiber vieler Probleme“ und der Konsum eben diesen Essens ein politischer Akt. Was Hudson jedoch lobt, ist der gute Geschmack von lokalem und gerechtem Essen. Es sei ein Instrument der Erkenntnis und habe man einmal von wirklich gutem Essen gekostet, würde einem das andere gar nicht mehr schmecken.

Kommunikationsprobleme

Die erste Frage der Publikumsdiskussion betrifft im Anschluss das Kommunikationsproblem zwischen Bauern und Nachhaltigkeitsbeauftragten, bei dem Bauern oft Angst vor Schuldzuweisung hätten und deshalb kein Gespräch führen wollen würden.

Laut Hudson sei Kommunikation aber ein wichtiger Punkt und unabdingbar, nur müsse sie besser gestaltet werden. Zum Beispiel durch gemeinsames Erarbeiten von Lösungen. Die Phrase „alle an einen Tisch bringen“ fällt sehr oft in der folgenden Diskussion.

Die Angst aller Bauern würde sich jedoch nicht nur durch Kommunikation auflösen, wirft Schönberger ein. Trotzdem ergänzt er, dass es unabdingbar sei, die Gemeinsamkeiten zwischen allen Befürwortern von Veränderung in der Agrarwirtschaft zu finden und dann gemeinsam bis zu einem Punkt zu kämpfen, an dem sich die Vorstellungen wieder unterscheiden. Denn nur gemeinsam sei man stark. Zum Abschluss erzählt Idel von ihrer eigenen Erfahrung und dass Gespräche mit Bauern unter vier Augen immer gute Gespräche gewesen seien, doch auch die Ratlosigkeit der Bauern aufzeigen würden.

Handeln – nur wie?

Was also kann man tun?  Für Ursula Hudson hat die Antwort eine gesamtgesellschaftliche Dimension: „Wir müssen etwas tun, mit Betonung auf dem 'wir'“. Die Konsumenten müssten aufhören, nur das Billigste zu kaufen und sich stattdessen mit der Qualität und der Herkunft ihres Produktes auseinandersetzen. Idel ergänzt das mit zentralen politischen Forderungen: Die Politik solle einen Außenschutz stellen, der Tiere vor Ausbeutung schützt. Doch dies würde erst geschehen, wenn die Gesellschaft es auch fordert. Sie begleitet ihre Argumentation mit den einprägsamen Worten: „Wir stehen vor großen Herausforderungen, wir können uns nicht leisten zu warten.“

Es fehlt die Aufklärung

Der Konsument müsste wissen, was er kaufen soll, um zur Veränderung beizutragen, doch dies sei oft nicht der Fall, wird als nächster Diskussionsanstoß aus dem Publikum gegeben.

Schönberger stimmt dem zu und ergänzt, dass gerade diese aufgeklärten Konsumenten schon existieren und Veränderung schaffen würden. Als Beispiel nennt er den Konzern Rügenwalder oder auch Rügenwalder Mühle. Der einst reine Fleischkonzern, führe nun vegetarische Produkte und ziele darauf ab, 40 Prozent seiner Produkte in Zukunft vegetarisch herzustellen. Jedoch fügt er hinzu, dass dies nicht reichen würde, man könne nicht auf Veränderung warten, Ordnungspolitik sei ein Muss, doch auch diese müsse erst von der Gesellschaft gewollt sein, um wirklich eingeführt werden zu können.