Zuerst einmal sind wir Verbraucher – Demokratie in Zeiten von Facebook

Bei einem MIDO-Workshop 2013 werden die Risiken und Chancen des Internets erklärt

Von Theresa Henne

„Wer von euch nutzt das Internet?“, fragt Nang Nyi in die Runde. Niemand hebt die Hand. „Okay. Wer von euch nutzt Facebook?“ Nun gibt es Bewegung. Natürlich. Alle nutzen Facebook. In einem Land, in dem gerade einmal 45 Prozent der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen sind, verfügen laut einer Studie des ThinkTank LIRNEasia etwa 50 Prozent der Bevölkerung über ein Smartphone und benutzen das Internet – auch wenn ihnen Letzteres nicht immer bewusst ist. 

Nach Jahrzehnten der Militärdiktatur erwacht Myanmar erst langsam aus seiner Lethargie. Die Freiheiten des Netzes zu nutzen, muss erst mühsam erlernt werden. Technisches Verständnis ist besonders in ländlichen Regionen kaum vorhanden. Das Konzept des Internets ist unverständlich. Die Installation von Apps, das Anlegen eines Mail-Kontos und die Registrierung in sozialen Netzwerken werden meist dankbar dem Mobilfunk-Verkäufer überlassen. So geben laut LIRNEasia-Studie nur 22 Prozent der Handybesitzer an, online selbständig nach Informationen suchen zu können.  

Noch allzu häufig scheint der Glaube zu herrschen:  Wer braucht schon das Internet, wenn man Facebook hat? Solch grundlegende Unkenntnis hat Folgen, denn Myanmars digitaler Markt wird von Facebook dominiert.

Während 2015 die Zahl der aktiven Facebook-Accounts von der Myanmar Times noch auf knapp fünf Millionen geschätzt wurde, hat sie sich innerhalb eines Jahres bereits verdoppelt. Im Sommer 2016 waren demnach 20 Prozent der Bevölkerung bei Facebook registriert. Mit den Themen Privatsphäre und Datenschutz befassen sich aber offenbar nur die wenigsten der zehn Millionen User, wenn sie fleißig Selfies ihrer Kinder posten, Freunde und Familie online über Krankenhausaufenthalte informieren und mit ihrem Boss über die Gehaltserhöhung chatten. 

Um zu einem kritischeren Umgang mit dem Internet aufzurufen, organisiert die Nichtregierungsorganisation Myanmar ICT Development Organisation (MIDO) Workshops, in denen neben technischen Grundlagen Leitlinien für ein verantwortungsvolles User-Verhalten vermittelt werden. 

Bei einem MIDO-Workshop 2013 werden die Risiken und Chancen des Internets erklärt

Am Anfang eines solchen Workshops stellt die Bloggerin Nang Nyi nun die Frage: „Wer von euch nutzt das Internet?“ Die Antwort würde Mark Zuckerberg gefallen: Facebook ist das Internet. Aber ist das überhaupt ein Problem? Ist Facebook nicht einfach nur eine Plattform, ein Ort des Austauschs oder sogar die politische Öffentlichkeit der Zukunft, die digitale Rettung der Demokratie? Jeder kann einem Millionen-Publikum seine Meinung mitteilen. Selbstproduzierter Content, hübsch geordnet und nach mathematischer Relevanz vorsortiert. Ist Facebook nicht einfach die neue, die bessere Realität?

Eli Pariser, amerikanischer Netz-Aktivist und Präsident der NGO MoveOn.org, würde dem sicherlich widersprechen. In seinem Buch „The Filterbubble“ erörtert er die Problematik für Demokratie und Gesellschaft, wenn Informationen von Facebook, Google und Co geordnet und aussortiert werden. Das Phänomen der „Filterbubble“ basiert auf einem Algorithmus, der einen Beitrag, dessen Inhalt in das Interessenschema des Users passt, mit einer höheren Relevanz bewertet als einen Post, der eine andere Meinung vertritt. 

Tipps für die Horizont-Erweiterung:

Abonniere auf Facebook Politiker unterschiedlicher Parteien (das ist möglich, ohne die Person dabei zu liken) und komme durch Posts und deren Kommentarspalten in Kontakt mit fremden Meinungen und Logiken. Begegnung schafft Verständnis und ermöglicht konstruktives Denken. 

Beware online "filter bubbles" | Eli Pariser

Was für Folgen diese algorithmische Vorsortierung und die Filterbubbles haben können, zeigte sich am Beispiel der jüngsten US-Wahl. Die Wähler versanken während des Wahlkampfes in dem Sud ihrer eigenen politischen Sichtweise, ohne online mit Gegenwürfen und Alternativen konfrontiert zu werden, wie John Herrman in der New York Times im August 2016 analysierte. Auch die vereinfachende Weltsicht Donald Trumps blieb so in der Filterbubble seiner Anhänger unhinterfragt.

Statt eine neue politische Öffentlichkeit zu erschaffen, wurde mit Facebook ein System erschaffen, das politische Lager in dem Glauben lässt, sie seien mit ihrer Meinung in der Mehrheit. Durch Analyse der Profildaten ermittelt der Algorithmus politische Standpunkte und, statt Zeit und Energie des Users mit Informationen zu verschwenden, die ihn rein statistisch nicht interessieren, schneidert Facebook eine digitale Realität nach Maß – mit Folgen für den politischen Diskurs. Der Harvard-Jurist und frühere Obama-Berater Cass Sunstein schrieb dazu in seinem 2001 erschienenen Buch „Republica.com“: „Unerwartete Begegnungen mit fremden, ja irritierenden Themen und Meinungen sind zentral für die Demokratie und die Freiheit selbst“.

Organisationen wie das „Tactical Technology Collective“ haben den Kampf mit den Internetgiganten aufgenommen und bieten auf ihre Internetseite Tipps und Toolkits, um die Internet-Nutzung sicherer zu machen. Unter „Me and My Shadow“ erklären sie, wie man wieder Herr seines persönlichen Daten-Schatten werden kann oder beschreiben unter „Security-in-a-box-Toolkit“, wie man seinen Computer gegen Angriffe von außen schützen kann. Besonders hilfreich kann auch der „Reveal“ Button sein, der relevante Sätze aus meterlangen Datenschutzrichtlinien herausfiltert und über die Konditionen der kostenlosen Dienstleistungen aufklärt. Über Fort- und Rückschritte in der deutschen und internationalen Netzpolitik informiert netzpoltik.org, die man auch über Facebook abonnieren kann. 

Die Baumeister der digitalen Wirklichkeit bestimmen die Wahrnehmung politischer Debatten, aber scheinen ihre gesellschaftliche Verantwortung zu ignorieren. Aber warum sollten Programmierer von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken nicht ebenso einer Branchenethik unterliegen wie Redakteure und Journalisten? „Wer filtert, muss es transparent machen. Wer Relevanz definiert, muss es erläutern. Wer weglässt, muss darauf hinweisen“, fordert Eli Pariser. Bei der Entwicklung der kostenlosen Dienstleistungen betrachten Internetfirmen die User in erster Linie als Verbraucher, um deren Aufmerksamkeit online eine milliardenschwere Werbeindustrie kämpft. Durch seinen Algorithmus und die Auswahl der angezeigten Informationen opfert Facebook Meinungsvielfalt zugunsten einer personalisierten Marketingstrategie, mit der das Unternehmen 2016 über 23 Milliarden Dollar Gewinn einnahm. 

Eli Pariser zeigt durch MoveOn.org, dass das Internet aber mehr sein kann als nur die Spielwiese für Konsum und Unterhaltung. Mit seiner Organisation will er Netzaktivismus auf die Straße bringen und nicht bei den Themen Privatsphäre und Datenschutz stehen bleiben. Über eine internet-basierte Abstimmungs- und Beteiligungsplattform organisiert MoveOn.Org politische Kampagnen, die nicht selten in Demonstrationen enden. Prominente Namen wie Mark Ruffalo, Michael Stipe, Shonda Rimes, Michael Moore und Bryan Cranston unterstützen die Initiative „United Against Hate“ von MoveOn.Org und unterschrieben mit insgesamt 100 anderen Künstlern einen offenen Brief, der die US-Bürger zu einer Koalition gegen Trump und seine hasserfüllte Ideologie aufruft.  

Auch in Myanmar diskutierten im November letzten Jahres unter dem Motto „Digital Rights are Human Rights!“ die Zivilgesellschaft, die TechCommunity, Medien und Parlamentsmitglieder über Meinungsfreiheit, Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Minderheiten, sowie über die Inklusion der bisher vom technologischen Fortschritt ausgeschlossenen Teile der Bevölkerung. Gerade in einem Land in dem nahezu jedes technische Verständnis fehlt, sind die meinungsfilternden Algorithmen Facebooks besonders gefährlich.  


Was hat Netzpolitik mit Gerechtigkeit zu tun? Hier ein paar Denkanstöße:

Ist es gerecht, dass …

… nicht alle Meinungen auf der Facebook-Pinnwand gleich bewertet werden?

… Internetgiganten wie Facebook und Google nicht rechtlich zur Transparenz über Funktionsweise ihrer Algorithmen verpflichtet sind?

… eine „Plattform“ wie Facebook nicht dem gleichen rechtlichen Rahmen unterliegen wie Fernsehsender, Zeitungen oder andere Medienorganisationen?

… wir, um am sozialen Leben online teilnehmen zu können, Privatsphäre und persönliche Daten opfern müssen?

Die Autorin: Theresa Henne verbrachte ein halbes Jahr in Myanmar und absolvierte dort zwei Praktika, eines davon bei der früheren Exil-Zeitung Mizzima. Ihr zweites Praktikum bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Yangon ermöglichte ihr die Zusammenarbeit mit MIDO (Myanmar ICT Development Organisation). MIDO arbeitet mit Facebook zusammen, um Richtlinien des Unternehmens an den lokalen Kontext anzupassen.