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Prof. Ernst Ulrich v. Weizsäcker über Auswege aus dem Klima-Kollaps
08. Juni 2010 Erderwärmung, Artensterben und immer knapper werdende Bodenschätze: Die Welt wird im 21. Jahrhundert mit dramatischen ökologischen Herausforderungen konfrontiert, denen politische und wirtschaftliche Interessen entgegenstehen. Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker, international renommierter Vordenker einer nachhaltigen Ökonomie, stellte jetzt im Rahmen der Vortragsreihe „Sustainability Lectures“ an der Leuphana Universität Lüneburg seine Lösungsstrategien für einen Ausweg aus dem Klima-Dilemma vor.
Auf Einladung des Instituts für Umweltkommunikation der Leuphana sprach von Weizsäcker über seinen Anssatz für einen Ausweg aus der Klimakatastrophe und stellte sein neues Buch „Faktor 5. Die Formel zu nachhaltigem Wachstum“ vor. Der studierte Physiker und Biologe ist überzeugt: „Wir müssen mindestens fünfmal so effizient werden im Umgang mit knappen Ressourcen und Energie wie bisher. Mit der Formel Faktor 5 kann man die Klimakrise einigermaßen meistern.“ Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete beschreibt, wie in verschiedenen Wirtschaftsbereichen mit dem höchsten Energieverbrauch und den größten Treibhausgas-Emissionen alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden könnten, um die knappen Ressourcen wesentlich effizienter zu nutzen. Das bedeute beispielsweise: Fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde rauszuholen – oder aus einer Tonne Kupfererz oder einem Kubikmeter Wasser.
Die steigende Gefahr einer Klima-Katastrophe ist laut von Weizsäcker jedoch nicht nur ökologisch bedingt, „es ist eine ganz massiv ökonomische Gefahr, die daraus resultiert, dass man die Sorgfalt nicht einhält“, so der Experte. Die Lage sei brandgefährlich, „wir müssen dringend handeln. Vor allem beim Meeresspiegel sehe ich größte Bedrohungen“, sagt von Weizsäcker. „Im Moment sind wir dabei, Grönland mechanisch zu destabilisieren. Wenn das Grönland-Eis ins Meer stürzt, steht halb Bangladesch unter Wasser“, prognostiziert er.
Von Weizsäcker fordert globales Umdenken. „Ich möchte dazu beitragen, dass sich unsere Geisteshaltung, was Zukunft betrifft und was Nachhaltigkeit betrifft, endlich ändert. Im Moment ist das noch schwierig.“ Wie groß das Potenzial für eine viel bessere Nutzung der Ressourcen ist, dokumentiert er mit verschiedenen Analysen. Das Passivhaus benötigt beispielsweise bei hohem Wohnkomfort nur ein Achtel bis ein Zehntel der Energie wie eines vergleichbaren Altbaus. „Leider haben sich Neuerungen noch nicht durchgesetzt. Ein Passivhaus bringt eine Rendite von drei Prozent pro Jahr. Auf dem Kapitalmarkt bekomme ich bis zu zehn Prozent, dann wird das gemacht“, weiß von Weizsäcker.
Um die weltweite Umweltbelastung entscheidend zu verringern, sieht er auch die Politik in der Verantwortung und fordert einen Handel mit CO2-Emissionen. „Pro Kopf sollte es weltweit gleiche Emissionsrechte geben, die dann zwischen den Staaten gehandelt werden.“ Der Umweltwissenschaftler hält es für möglich, die Umwelt ohne Wohlstandverlust in den wohlhabenden Staaten bei gleichzeitigem Anheben des Lebensstandards in den ärmeren Ländern zu sichern. „Bisher gibt es Länder, die sind arm und sauber, andere sind reich und schmutzig. Reich und CO2-arm, das ist das Ziel“, so von Weizsäcker.
Ein Video zur Veranstaltung mit Prof. Weizsäcker finden Sie hier
Zur Person:
Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker, ein Neffe des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, war unter anderem Präsident der Universität Kassel, Direktor am UNO-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Von 1998 bis 2005 war der studierte Physiker und Biologe Mitglied des Deutschen Bundestags und während dieser Amtszeit Vorsitzender des Umweltausschusses.
Zu den weiteren Referenten der Vortragsreihe "Sustainability Lectures" zählten:
Ulrich Grober: "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Ein Streifzug durch die Begriffsgeschichte"
Ortwin Renn: "Klimaschutz unter Druck? Das Spannungsfeld von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit"
Uwe Schneidewind: "Transformationsforschung – eine integrierte Perspektive in der Nachhaltigkeitsforschung"
Hans-Peter Dürr: "Lebensstile – Zahlenspiele: Wie viel menschliche Aktivität verträgt die Geobiosphäre?"
Lenelis Kruse: "Biodiversität – eine Herausforderung für 'Nachhaltigkeit lernen'"
Ausführliche Informationen zu den Teilnehmern auf dem Podium finden Sie hier



