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Wie viel Partizipation braucht Nachhaltigkeit? Professor Jens Newig über öffentliche Beteiligung an umweltpolitischen Entscheidungsprozessen

07.06.2017 Elbvertiefung, Endlager Gorleben, Ausbau Schienentrasse – in Lüneburg und Umgebung gibt es genügend Umweltthemen, die Bürger_innen oder Naturschutzverbände auf den Plan rufen. Aber was kann diese Form der Partizipation tatsächlich bewirken? Welche Rolle spielt öffentliche Beteiligung, wenn Nachhaltigkeit politisch umgesetzt werden soll? Dieser Frage geht Jens Newig auf den Grund. Er ist an der Leuphana Professor für Governance und Nachhaltigkeit und hat gemeinsam mit seinem Forschungsteam Überraschendes herausgefunden.

Wenn Jens Newig über seine Arbeit an der Leuphana redet, dann schwingt sehr viel Begeisterung mit: „Spannend“ sei sein Job, betont er, die Forschung „wahnsinnig interessant“ und das internationale Team „einfach toll“. Gemeinsam mit zehn Teammitgliedern arbeitet der Lüneburger derzeit an einer großen Studie (EDGE - Evaluating the Delivery of participatory environmental Governance using an Evidence-based research design), die kurz vorm Abschluss steht. „Unsere Forschung konzentriert sich auf zwei miteinander verknüpfte Schwerpunkte“, leitet der gebürtige Kieler in das Thema ein. Zum einen auf das Thema Nachhaltigkeit. „Wir haben die ökologische Nachhaltigkeit im Fokus, es geht also um Umweltressourcennutzung, Klimawandel oder Energietransformation.“ Zum anderen auf das Thema Governance und damit auf die Frage, welchen Einfluss die öffentliche Beteiligung zum Beispiel von Gesellschaft, Stakeholdern oder Institutionen auf Entscheidungen hat. „Wir wollten in unserer Studie wissen, wie Prozesse so gesteuert werden können, dass sie sich in Richtung Nachhaltigkeit bewegen“, erklärt Newig. Oder knapp zusammengefasst: „Welche Rolle spielt öffentliche Partizipation für Nachhaltigkeit?“

In der Wissenschaftsliteratur wird diese Frage ziemlich eindeutig beantwortet, beobachtet der Lüneburger. Demnach ist die allgemeine Meinung, dass mehr Partizipation zu mehr Nachhaltigkeit führt. „Wir aber haben das hinterfragt und wollten uns die Prozesse genauer anschauen.“ Ein intensiver Blick, der viel Datenmaterial erfordert – aus diesem Grund hat der Wissenschaftler in einem aufwendigen Verfahren auf die Arbeit anderer Experten zurückgegriffen. „Es gibt wahnsinnig viele Fallstudien, Doktorarbeiten und Publikationen zu diesem Thema. In die haben wir uns eingearbeitet, Daten unter anderem aus den USA, Kanada, Europa und Australien zusammengefasst und ausgewertet.“ Etwa 5 Jahre hat das gedauert, herausgekommen ist eine Metastudie, die nun einen weiteren und damit differenzierteren Überblick über das Thema bietet.

Miteinander reden hilft, aber …

Auch wenn derzeit noch an den letzten Ausführungen und Auswertungen der Studie gefeilt wird, stehen wichtige Ergebnisse bereits fest: Miteinander reden hilft – aber eben nicht immer. „Generell stimmt es, dass Partizipation mit Umweltoutcomes korreliert, das heißt: Je partizipativer ein Entscheidungsprozess, desto besser das Ergebnis für die Umwelt“, so Jens Newig. „Aber wir kennen jetzt die entscheidenden Einflussfaktoren.“ Und die stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang: Die Effektivität von Partizipation hängt davon ab, wer worüber spricht. Um das zu erläutern, beginnt der Universitätsprofessor mit dem ‚worüber‘, also mit dem Umweltthema: „Geht es um Probleme, die von uns Menschen als Individuen weit weg sind, die auf den ersten Blick keine direkte Auswirkung auf uns haben, da können öffentliche Beteiligung und ein reger Austausch sehr erfolgreich sein“, veranschaulicht der Wissenschaftler. Als mögliches Umweltoutcomes nennt er hierfür Ressourcenschutz oder auch die Bekämpfung des Klimawandels. Anders verhält es sich bei Umweltthemen, die direkt die Gesundheit der Menschen betreffen. „Luftverschmutzung in der Nachbarschaft oder Lärm gehören dazu“, sagt Newig und ergänzt: „Im Unterschied zu den großen, entfernten Umweltthemen beeinflusst hier der diskursive Austausch kaum, ob sich am Ende die Umweltqualität verbessert.“ Vom ‚worüber‘ lenkt der 47-jährige anschließend zu dem ‚wer‘, also zu den Gesprächsbeteiligten wie NGOs, Verwaltung oder Bürger_innen. „Es ist unheimlich wichtig auszuwählen, welche Beteiligten aus der Öffentlichkeit am Tisch sitzen, das spielt eine entscheidende Rolle“, sagt er. Welche Auswirkung das hat, erklärt er anhand eines Forschungsergebnisses: „Themen wie Klimawandel oder Ressourcenschutz gehören in den Bereich, in dem die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure wie Umweltorganisationen einen positiven Einfluss auf das Ergebnis hat. Aber wenn die Beteiligten individuelle Bürger_innen sind, gibt es keinen messbaren Einfluss.“ Genau dieser Punkt hat den Wissenschaftler sehr überrascht, wo doch in allen politischen Bereichen die Mitnahme der Bürger_innen immer wieder betont wird.

Doch wenn nun Bürgerbeteiligung in vielen Fällen Nachhaltigkeit nicht voran bringt, ist sie dann nicht zumindest aus demokratischer Sicht geboten? „Das ist eine ganz große Kiste, die Sie da aufmachen“, antwortet Newig, der auch Mitglied im Zentrum für Demokratieforschung an der Leuphana ist. Vor diesem Hintergrund betrachtet er das Thema aus einer anderen Perspektive und wirft seinerseits die Frage in den Raum: „Ist Bürgerbeteiligung überhaupt demokratisch?“ Wieder erklärt er diesen Diskussionsansatz anhand eines Beispiels: „Wenn eine Gemeinde beim Thema ‚neue Schienentrasse’ die Bürger_innen zur informellen Beteiligung wie einer Versammlung einlädt, dann kritisieren Demokratietheoretiker: Welche Legimitation hat das? Denn es ist nicht kontrollierbar, ob wirklich alle Teile der Gesellschaft - Ältere, Menschen mit Behinderung etc. - dieselben Chancen haben, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. Das kann die Demokratie eher erodieren als stärken.“

Die Leuphana als Ort für ungewöhnliche Forschungswege? „Absolut!“

Noch ist das aktuelle Forschungsprojekt zur öffentlichen Beteiligung nicht komplett abgeschlossen, doch neue Ideen treiben den Wissenschaftler bereits. „Wir haben gerade ein Projekt gestartet, bei dem es um fernverbundene Beziehungen geht“, erläutert er. Dabei geht es um Regionen auf der Erde, die durch bestimmte Prozesse miteinander verknüpft sind – mit nicht nachhaltigen Folgen: Beispielsweise produziert Brasilien in großen Mengen Soja, was unter anderem Urwaldrodungen nach sich zieht. In Norddeutschland eingesetzt treibt Soja wiederum die Fleischindustrie an. „Wir wollen nun klären, wer in einem solchen Fall aktiv werden muss: Ist es Deutschland, Brasilien oder die World Trade Organisation? Sind es staatliche oder nicht staatliche Akteure, die entsprechende Prozesse steuern können?“

Für die Klärung dieser und ähnlicher Fragen ist nach Meinung von Jens Newig die Leuphana Universität Lüneburg genau der richtige Ort. „Hier lassen sich auch ungewöhnliche Ideen umsetzen“, sagt er. Zum Beispiel mit Hilfe der Institution der Kleinforschungsprojekte. „Man kann sich darüber auf unkompliziertem Wege für eine Anschubfinanzierung bewerben. Das ist eine tolle Möglichkeit, um die wissenschaftliche Basis für einen großen Forschungsantrag zu schaffen.“ Gleichzeitig aber richtet er auch Wünsche an die Leuphana: „Im Sinne der sozialen und institutionellen Nachhaltigkeit wäre es wichtig, verlässlichere Perspektiven für Nachwuchswissenschaftler_innen zu schaffen, also mehr tenure-track Junior-Professuren und auch unbefristete Mitarbeiterstellen“, so Newig. Das gleiche gelte für den Verwaltungsbereich. Für seine persönliche Zukunft stehen hingegen Zeit und Muße ganz oben auf der Wunschliste. Denn: „Im Alltag der Forschungsprojekte kommt man oft nicht dazu, die Projektergebnisse zu reflektieren.“ Abstand zum Forschungsalltag ermöglicht sein großes Hobby: „Ich singe im Chor der Johanniskantorei in Lüneburg“, sagt der 47-jährige und zeigt hier die gleiche Begeisterung, die ihn bei seiner Forschungsarbeit begleitet: „Wir haben im Mai gerade die Marienvesper von Claudio Monteverdi doppelchörig aufgeführt – das ist ein Erlebnis fürs Leben!“


Kontakt

Prof. Dr. Jens Newig
Universitätsallee 1, C11.105
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1726
Fax +49.4131.677-2819
newig@uni.leuphana.de


Autorin: Urte Modlich, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.