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"Datenschutz – Ein Thema für das 21. Jahrhundert" von Peter Schaar

30. Juni 2011 Die Landeszeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 28.6.2011:

Viele soziale Netzwerke sind nur scheinbar kostenlos. Ihr Preis sind Einblicke in die Privatsphäre. "Wir bezahlen mit unseren Daten", sagte Peter Schaar jetzt an der Leuphana. Dort wagte er auf Einladung des Departments für Wirtschaftsinformatik vor rund 70 Zuhörern einen Ausblick auf den Datenschutz als "Thema für das 21. Jahrhundert". Nicht nur die Online-Datensammler bereiten dem Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit Sorgen, sondern zum Beispiel auch neue, digitale Stromzähler.

"Diese Geräte übermitteln nicht wie früher einmal im Jahr den Zählerstand, sondern geben die Daten alle 15 Minuten weiter", erläuterte Schaar. Das bringt große Vorteile, der Verbrauch lässt sich besser überwachen und Stromfresser finden. Es birgt aber auch Gefahren, weiß Schaar: "Ich kann daraus sehr detaillierte Informationen über die Lebensumstände herausfiltern. Wann gehe ich ins Bett oder ins Bad?"

Um den Schutz solcher personenbezogenen Daten geht es seiner Behörde, die laut Schaar insgesamt 90 Mitarbeiter beschäftigt und pro Jahr zwischen 7000 und 8000 Eingaben erhält. "Es geht um Dinge wie Kreditkartendaten, Adressen oder auch Krankengeschichten", nennt er Beispiele. Und er warnt vor den Folgen, wenn Unternehmen zu viel wissen: "Plötzlich ist der Kredit teurer oder ich bekomme einen anderen Versicherungstarif angeboten. Wir hatten den Fall eines sozial eingestellten Arztes, der in Berlin-Neukölln lebt und dort praktiziert. Der sollte für sein Handy nur einen Prepaid-Vertrag erhalten, nur weil er die falsche Nachbarschaft hatte." Schaar konnte helfen. Ein anderes Beispiel sind Warteschleifen am Telefon: "Wir haben da die Vorstellung, dass es funktioniert wie am Postschalter. Alle stellen sich hinten an. Aber es ist anders. Gute Kunden kommen schneller dran." Schaar ist überzeugt: "Das sind Dinge, die sich hinter unserem Rücken abspielen, die aber direkten Einfluss auf unsere Lebensqualität haben."

Wer seine Kunden zielgenau ansprechen will, für den gewinnen Daten einen hohen Wert - denn dazu müssen die Firmen die Nutzer gut kennen. Darauf basieren ganze Geschäftsmodelle, erklärt Schaar und vollzieht den Schwenk zurück in die Welt des Internets: "Ich will niemanden das Recht nehmen, sich als Motorradfahrer zu outen, als katholisch oder als schwul. Was ich nur will: Jeder soll selbst darüber entscheiden können, was er preisgibt. Und das wird immer schwieriger."

Denn das Internet habe einen neuen Charakter. "Es befindet sich nicht mehr wie vor zehn Jahren auf jedem Schreibtisch, sondern in jeder Tasche." Außerdem nimmt die Vernetzung zu zwischen den Dingen und der virtuellen Welt, zum Beispiel über als "RFID" bekannte Funkchips. "Wir bekommen ein Internet der Dinge. Das ist eine neue Qualität."

Dazu tragen Lokalisierungsfunktionen neuer Mobiltelefone bei: "Mit Satelliten- oder WLAN-Ortung kann ich heute nicht nur feststellen, wer sich in welchem Gebäude aufhält. Ich kann jemanden sogar im Raum orten. Ich weiß, wer sich wo im Besprechungszimmer aufhält. Oder im Schlafzimmer."

Und die sozialen Netzwerke sind auch findig darin, ihre Nutzer auszuspähen, weiß Schaar: "Selbst wer gar nicht bei Facebook ist, kann in deren Datensatz landen. Weil ein Freund sein Adressbuch hochgeladen hat. Auch wer dort nur wenig von sich preisgibt, über den erfährt Facebook über seine Freunde sehr viel."

Zur Gegenwehr wünscht sich Schaar: "Ich möchte, dass wir selbstbewusst mit diesen Fragen umgehen, individuell wie als Gesellschaft. Es allein dem Markt zu überlassen, ist gesellschaftlich keine gute Entscheidung. Wir sollten nachdenken, wie wir mit diesen Technologien umgehen, wir müssen dafür Leitplanken setzen." Eine könnte eine Pflicht zu nutzerfreundlichen Voreinstellungen sein: "Privacy by default", nennt Schaar.

Er will das nicht als Fundamentalkritik an neuer Technik verstanden wissen: "Ich will aber aufgeklärte Bürger ins digitale Zeitalter entsenden." Neue Technik-Spielereien und Internetangebote, gibt er offen zu, probiert er oft als einer der ersten aus.

Quelle: Landeszeitung (als pdf)

 

07.01.2012, ieg