Vergangene Tagungen
Die Leib-Körper Unterscheidung in Philosophie, Kulturwissenschaften und Künsten - Tagung an der Universität Hildesheim
Die Leib-Körper Unterscheidung in Philosophie, Kulturwissenschaften und Künsten - Tagung an der Universität Hildesheim
6. - 9. Oktober 2010
Domäne - Hörsaal 2A
Mittwoch, 6. Oktober 2010
| 14:00 | Begrüßung |
| 14:30-15:30 | Hans-Peter Krüger: Leib-Körper in der Philosophischen Anthropologie |
| 16:00-17:00 | Mathias Obert: Leib ohne Schatten: Leib und Körper in der chinesischsprachigen Philosophie |
| 17:30-18:30 | Katrin Wille: Unterscheidungstheoretische Reflexion auf Leib-Körper-Unterscheidungen |
| 20:00-22:00 | Praktischer Körperworkshop: Jens Johannsen: Ist „Body-Mind“ Leib? (Body-Mind Centering“) (offen für alle Interessierten) |
Donnerstag, 7. Oktober 2010
| 9:30-10:30 | Kerstin Andermann: Geordneter Körper - chaotischer Leib? Die Andeutung des Leibes durch den Eigensinn des Körpers bei Gilles Deleuze |
| 11:00-12:00 | Thomas Fuchs: Das Leib-Körper-Problem |
| 12:15-13:15 | Rudolf zur Lippe: Leib und Körper – Glieder und Hülle |
| 13:15-15:30 | Mittagspause |
| 15:30-16:30 | Stefan Drees: Zur Relevanz der Leib-Körper-Problematik in der Musik |
| 17:00-18:00 | Robert Gugutzer: Leib und Körper in der Soziologie. Ein Plädoyer |
| 18:30-19:30 | Mónica Alarcón: Phänomenologische Untersuchung in Bewegung (Lecture-Performance) |
| 20:00 | Empfang auf der Domäne mit Abendessen |
Freitag, 8. Oktober 2010
| 9:30-10:30 | Christopf Demmerling: Manchmal ist es sinnvoll über Dinge zu sprechen, die es nicht gibt. Plädoyer für die Leib-Körper-Unterscheidung |
| 11:00-12:00 | Andrea Molzio: Braucht die Psyche einen Leib? Gedanken zur Phänomenologie der Leiblichkeit in der Psychotherapie |
| 12:15-13:15 | Christian Steineck: Überlegungen zur Leibphilosophie anhand neuerer japanischer Beiträge |
| 13:15-15:30 | Mittagspause |
| 15:30-16:30 | Tobias Klass: Jenseits von physis und psyché: Nietzsches Denken am „Leitfaden des Leibes“ |
| 17:00-18:00 | Undine Eberlein: Leiberfahrung in Tai Chi und modernem Tanz |
| 19:00 | Gemeinsames Abendessen auf der Domäne |
Samstag, 9. Oktober 2010
| 9:30-10:30 | Miriam Fischer: Die Unterscheidung von Leib und Körper bei Husserl |
| 11:00-12:00 | Sven Sellmer: Auf der Suche nach Körpern, Leibern und Seelen in altindischen Texten |
| 12:00-13:00 | Rolf Elberfeld: Leib als symbolische Form / Rückblick auf die Tagung |
| 13:00 | Ende der Tagung |
Die Tagung wird organisiert von
Prof. Dr. Rolf Elberfeld und Dr. Kerstin Andermann
im Rahmen des Kulturphilosophischen Forschungskolloquiums Niedersachsen (Uni Hildesheim, Uni Lüneburg, Uni Braunschweig) und in Kooperation mit dem „Herder-Kolleg. Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“ (Uni Hildesheim)
Anfragen sind zu richten an das Sekretariat des „Herder-Kollegs“ der Uni Hildesheim: Beate Büscher (buescher@uni-hildesheim.de)
Erläuterung des Tagungsthemas
In verschiedenen Sprachen wie dem Deutschen, Niederländischen oder Schwedischen werden die Wörter „Leib“ und „Körper“ unterschieden. In verschiedenen romanischen Sprachen, aber auch z.B. im Englischen steht hierfür nur ein Wort – corps, body usw. – zur Verfügung. Diese begriffliche Unterscheidung und ihre jeweilige Verwendung hat in den deutschsprachigen Diskursen zu Leiblichkeit und Körperlichkeit eine Teilung bewirkt, deren systematische und disziplinäre Konsequenzen bisher nicht in den Blick genommen wurden. Dabei ist die Tatsache, dass auch in den (Fach-)sprachen, die nicht über die begriffliche Unterscheidung von Leib und Körper verfügen, verschiedene Differenzierungen des Körperbegriffs eingeführt werden (so unterscheidet z.B. Merleau-Ponty zwischen corps propre, corps phénoménal, corps vivant), ein Indiz dafür, dass die Unterscheidung von Leib und Körper nicht nur nominal ist, sondern ganz verschiedene Dimensionen des Phänomens bezeichnet.
Während in der Philosophie des 19. Jahrhunderts (Feuerbach, Nietzsche) weitgehend vom „Leib“ gesprochen wird, wenn es um die Körperlichkeit des Menschen geht, oder die Begriffe lediglich in sehr vager terminologischer Abgrenzung genutzt werden, findet der Begriff des „Körpers“ eher in mathematischen und naturwissenschaftlichen Kontexten Verwendung. Im 20. Jahrhundert dagegen wird die Unterscheidung von „Leib“ und „Körper“ für die systematische Reflexion selbst eingesetzt, um zentrale Aspekte der philosophischen Bestimmung des menschlichen Lebens explizierbar zu machen (so z.B: bei Plessner, Husserl und Merleau-Ponty). Der konstruktive Einsatz dieser Unterscheidung in der Philosophie wird in unterschiedlichen Ansätzen bis in die Gegenwart weitergeführt (so z.B. durch Waldenfels, Schmitz, Rombach, zur Lippe, Böhme, Fuchs).
In den Kulturwissenschaften ist demgegenüber zu beobachten, dass die genannte Unterscheidung häufig bewusst umgangen und nur vom „Körper“ gesprochen wird. So verwendet die „Historische Anthropologie“ (Kamper, Wulf u.a.) sehr bewußt ausschließlich den Begriff „Körper“, was in verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen (z.B. in der Tanzwissenschaft) deutliche Spuren hinterlassen hat. Es ist also zu fragen, was genau die philosophischen Erträge sind, wenn die Unterscheidung für die philosophische und theoretische Arbeit beibehalten wird, und welche Vorteile es umgekehrt gegebenenfalls haben könnte, die Unterscheidung aus der theoretischen Diskussion auszublenden und nur vom ‚Körper’ bzw. von ‚body’ zu sprechen. Da es eine der zentralen Aufgaben der Philosophie ist, begriffliche Differenzierungsarbeit zu leisten und menschliche Lebenszusammenhänge begrifflich zu erhellen, ist als Ergebnis dieser Tagung eine klare Bestimmung des Mehrwerts der Unterscheidung von Leib und Körper zu erwarten, dessen fokussierte Darstellung für ganz unterschiedliche philosophische wie kulturwissenschaftliche Bereiche von hohem Wert sein könnte.
Ein weiterer Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Unterscheidung von Leib und Körper betrifft die Annahme, mit dem Begriff des Leibes werde eine unhintergehbare Ursprünglichkeit und Natürlichkeit des Subjekts und die Möglichkeit einer reinen und unmittelbaren Erfahrung unterstellt, die dem gleichursprünglichen Ineinander von Körper und Welt als etwas Drittes vorhergehe und im Moment ihrer Überformung durch Kultur nur kompromittiert und entfremdet werden könne. Einwände dieser Art stellen den Begriff des Leibes regelmäßig in den Kontext reaktionärer und kulturpessimistischer Bewegungen und sehen vitalistische und essentialistische Konnotationen in ihm angelegt. Die spezifische Leistung der Kulturphilosophie besteht demgegenüber gerade darin, die unhintergehbar doppelte Verschränkung von Natürlichkeit und Künstlichkeit und die „vermittelte Unmittelbarkeit“ (Plessner) der menschlichen Existenzweise zu verdeutlichen. Ein kulturwissenschaftlich und interkulturell geprägter Zugriff, wie er mit der geplanten Tagung erfolgen soll, kann auf dieser Grundlage einen neuen Blick auf das Begriffspaar Körper und Leib befördern und einseitige Verabsolutierungen zugunsten des Leibes oder zugunsten des Körpers überwinden.
Ein wesentlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Frage nach Leiblichkeit und Körperlichkeit wurde im Rahmen der Phänomenologie geleistet. Vielmehr noch lässt sich sagen, dass diese Unterscheidung in ihrer bis heute vorliegenden Bestimmung von der Phänomenologie geprägt wurde und eines ihrer Kernthemen ausmacht. Husserl sieht eine unauflösliche Verschränkung von Körper und Leib, kennzeichnet den Leib aber besonders durch den Charakter des Unzugänglichen, des „bei der Wahrnehmung seiner selbst im Wege stehenden“ und als ein „merkwürdig unvollkommen konstituiertes Ding“. Die von Husserl im Zuge der Explikation der Fremderfahrung thematisierte Unterscheidung zwischen der Wahrnehmung des eigenen Leibes hier und des fremden Körpers dort hebt auf die heterogene Gegebenheitsweise und Wahrnehmung der Eigenleiblichkeit als Innenleiblichkeit und der Außenerscheinungsweise des fremden Körpers ab, die nicht in Deckung gebracht werden können. Diese Nichtkoinzidenz zeitigt eine spezifische Fremdheit des eigenen Leibkörpers in Bezug auf seine körperliche Außenerscheinungsweise, die dem Ego selbst (trotz Spiegelerfahrungen) unzugänglich bleiben muss und nur intersubjektiv, im Anderen realisierbar ist, und eine Fremderfahrung des Anderen in Bezug auf dessen je eigene Leiberfahrung, die dem eigenen Ich nur im Modus des „original Unzugänglichen“ zugänglich ist. Wird die Unterscheidung von Leib und Körper vorschnell zugunsten des Körpers marginalisiert, geht die Differenz und das Differenzierungsgeschehen zwischen Eigenem und Fremden (Selbstbezug/Selbstentzug – Fremdbezug/Fremdentzug) verloren, worauf nicht zuletzt Bernhard Waldenfels Nachdruck legt. Fällt diese Unterscheidung indes einer vermeintlich primären Instanz reiner Leiblichkeit und Selbstaffektion (vor jeder eigenen und fremden Körpererfahrung) zum Opfer, geht nicht nur das chiastische In-und Auseinander von eigenem und fremdem Leibkörper, sondern auch die intersubjektive Dimension verloren, die diesen Chiasmus auszeichnet.
Theoretiker wie Marcel Mauss oder Michel Foucault haben in einschlägigen soziologischen und kulturhistorischen Studien gezeigt, wie der menschliche Körper zum Objekt von Drill und Dressur, Habitualisierung, Reglementierung, Normierung und Disziplinierung werden konnte. Dabei handelt es sich um eine Untersuchungsperspektive, die von den Kulturwissenschaften aufgegriffen, verfeinert und variiert, von den philosophischen Leib-Körper-Konzepten jedoch weitgehend ignoriert worden ist. Mit der Verkreuzung dieser Perspektiven zeichnen sich nicht nur entscheidende Korrekturen in beide Richtungen ab; der Leibkörper könnte sich zudem als jene widerständige, idiosynkratische und eigensinnige Instanz erweisen, die der Totalität des externen Zugriffs auf den Leibkörper als Körperding Lügen straft.
Die Kulturphilosophie hat es bisher versäumt, diesen Diskursen und namentlich der Differenzierung von Leib und Körper in ausreichendem Maße Rechnung zu tragen. Die Tagung soll hier Abhilfe schaffen, indem sie phänomenologische, kulturwissenschaftliche und kulturphilosophische Ansätze auf ihre Tauglichkeit und gegenseitige Explikationskraft hin überprüft.
Der gemeinsame Ausgangspunkt der aktuellen Auseinandersetzungen, die sich implizit oder explizit um die zu verhandelnde Unterscheidung drehen, ist eine Abgrenzung vom reduktionistischen Zugriff der positivistischen Wissenschaften auf den Menschen und die körperlich-leiblichen Bedingungen seines In-der-Welt-seins. Dabei ist der Impuls einer Rehabilitierung des Subjektiven und des Fremden, des Singulären und des Ereignishaften und vor allem die Rehabilitierung eines nicht unter die Normen einer empiristischen und objektivierenden Wissenschaft zu ordnenden Erfahrungslebens aufs engste mit den Debatten um das Begriffspaar Körper und Leib verbunden. Ihre Unterscheidung etabliert sich mit einer Philosophie der Erfahrung, die ihren Gegenstand weder empiristisch zergliedert, noch unter die transzendentalphilosophischen Prämissen apriorischer Möglichkeitsbedingungen stellt.
Die Thematisierung von Körper und Leib prägt sich gleichzeitig auch in dem Maße aus, in dem die Grenzen der Bewusstseinsphilosophie deutlich werden und so entwickeln sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert die Grundlagen der heutigen Thematisierung des Körpers und des Leibes - und das heißt der menschlichen Erfahrungszusammenhänge, die die Kulturphilosophie, auch vermittelt durch die Kulturwissenschaften und eine interkulturelle Perspektive, in den Blick nimmt.
Um die Auseinandersetzung nicht allein in der Konfrontation von germanischen und romanischen Sprachen zu verorten, erfordert das Thema, Perspektiven jenseits des Kreises der indoeuropäischen Sprachen einzubeziehen. Als Bezugspunkte hierfür bieten sich die chinesische und japanische Sprache sowie das Sanskrit besonders an. Zum einen bieten sie sprachliche Differenzierungen auf verschiedenen Ebenen, die noch über die duale Unterscheidung von Leib und Körper hinausgehen, und zum anderen finden sich sowohl in der indischen, chinesischen und japanischen Tradition philosophische, ästhetische und medizinische Reflexionen zur Leiblichkeit, die nicht von der Leib-Seele Unterscheidung ausgehen, diese Unterscheidung anders setzen und das gesamte psychophysische Problem anders in den Blick nehmen. Diese interkulturelle Öffnung des Themas verspricht ein kontrastives Potential, das bisher noch zu wenig für die konstruktive Themenentwicklung genutzt worden ist.
Die Frage nach der Unterscheidung oder Nichtunterscheidung von Leib und Körper im Zusammenhang mit der interkulturellen Erweiterung ist eine explizit kulturphilosophische Frage, die im Rahmen der geplanten Tagung fruchtbar gemacht und das Gespräch zwischen Kulturwissenschaft und Philosophie befördern soll. So soll ein produktiver und kritischer Impuls in die deutschsprachigen Kulturwissenschaften vermittelt werden, um die vorschnelle und alleinige Orientierung am englischsprachigen Körperdiskurs und die Aufgabe der Leib/Körper-Unterscheidung im interdisziplinären Gespräch kritisch zu hinterfragen.
1. Treffen des Kulturphilosophischen Forschungskollegs
1. Treffen des Kulturphilosophischen Forschungskollegs
Programm für den 02. Juli 2010:
Ort:
Raum C.1.8 (Campus)
Scharnhorststr. 1 Leuphana Universität Lüneburg
21335 Lüneburg
Zeit:
Freitag, 02. Juli 2010
Beginn: 14:00
Ende: 18:00
Vorläufiges Programm:
14:00 Ankunft und Begrüßung
14:15 Elena Alessiato: „1914: Thomas Mann und die Philosophie“
15.15 Kerstin Andermann: Impulsreferat von 10min zur Spinoza Lektürediskussion
Lektürediskussion: Baruch de Spinoza, Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. (Lateinisch-Deutsch) Hrsg. von W. Bartuschat, Hamburg, Meiner 2007. (Dritter Teil, S. 219-262 und Fünfter Teil, S. 527-565) (Texte im Anhang)
16:15 Kaffeepause
16:30 Fortsetzung Lektürediskussion
18:00 Ende (evtl. gemeinsames Abendessen in Lüneburg)
Tagung Oktober 2008



