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Forschung & ProjekteFORSCHUNG & PROJEKTE

Nadine Dablé, M.A.

 

 

Leere als Strategie

 

Die ästhetische Kategorie Leerstelle in den audiovisuellen Erzählformen Film und Fernsehen

 

Leerstellen erfüllen eine wichtige narrative Funktion innerhalb der Programmformen. Durch die Dialektik von Offenbaren und Verschweigen entsteht eine besondere Form der Kommunikation zwischen Medium und Zuschauer. Der Zuschauer füllt,  ausgehend von den manifest oder auch nur latent gegebenen Informationen, die Leerstelle auf und entwickelt einen Erwartungshorizont, der im weiteren Rezeptionsgang dann verändert und angepasst wird. Das bedeutet, dass jeder Zuschauer durch seine individuellen Konkretisationen des Unbestimmten letztendlich die Sendung selbst miterzeugt, die in dieser Form dann auch nur in seinem Bewusstsein existiert. Damit stellen Leerstellen ein wichtiges Stilmittel der dynamischen Konstruktion von Sendungen dar und sind elementar für das Verständnis der Rezeption.

Dass das zeitgenössische Fernsehprogramm mit seiner straff organisierten 24-Stunden Programmstruktur und nach der ökonomischen Wegrationalisierung von Ansagerin und Abspann noch Raum für Leerstellen haben soll, mag im ersten Moment verwundern. Gemeint sind damit allerdings keine Lücken im Programmflow, keine Zeiten von Nicht-Sendung, keine Abwesenheit von Programm. Gemeint sind vielmehr Stellen von Unbestimmtheit, das Fehlen von Informationen, Auslassungen im sukzessiven Narrationsprozess der verschiedenen Erzählformen des Fernsehens. Diese Leerstellen entstehen einerseits aufgrund medienspezifischer Bedingungen zwangsläufig, sie können andererseits aber auch intentional und wohl platziert auftreten.

Aufgrund der Omnipräsenz und der Relevanz solcher Unbestimmtheitsstellen in den verschiedenen Formen des Fernsehens – fiktional sowie non-fiktional - verwundert es sehr, dass bisher noch kein theoretischer Ansatz entwickelt wurde, mit dem man dieses Phänomen analytisch beschreibbar machen kann.

Diesem Desiderat soll mit der Dissertation begegnet werden. Den Ausgangspunkt stellt die literaturwissenschaftliche Leerstellentheorie dar, jedoch muss unmittelbar auch eine weiterführende Übertragung geleistet werden, um die Anwendbarkeit auf audiovisuelle Erzählformen zu gewährleisten. Dazu sollen Kategorien ausdifferenziert werden, durch die sich die verschiedenen Formen der auftretenden Leerstellen beschreiben und analysieren lassen. Diese Kategorisierung kann dann die Grundlage liefern für eine empirische Überprüfung an verschiedenen Sendeformen hinsichtlich der Qualitäten und der Quantitäten von Leerstellen selbst sowie der dominanten Strategien ihres Auftretens. Außerdem muss auch ein Blick auf die manifeste Umgebung der Leerstelle geworfen werden, da hier die Bedingungen für den „Variabilitätsbereich“ der individuellen Auffüllungen liegen müssen.



26.03.2010, webredak