Meldungen aus der Forschung

Bereitschaft zu kriegerischen Konflikten nimmt weltweit ab

13.03.2015 Studie der Leuphana Universität Lüneburg wertet Daten des World Value Survey aus

Lüneburg. Weltweit sind immer weniger Menschen bereit, ihr Leben in einem Krieg zu riskieren – auch wenn aktuelle Medienberichte ein anderes Bild suggerieren. Zu diesem Schluss kommt ein Forscher der Leuphana Universität Lüneburg zusammen mit Kollegen aus den USA und Schweden. Die Wissenschaftler analysierten dazu Umfrageergebnisse der so genannten Weltwertestudie (World Value Survey) in 48 Gesellschaften, die mehr als 80 Prozent der Weltbevӧlkerung repräsentieren. In 43 Ländern ist die Bereitschaft der Einwohner, in einen Krieg zu ziehen, während der letzten 30 Jahre deutlich gesunken. Lediglich in drei Ländern ist sie leicht gestiegen.

Seit 1981 werden für die Weltwertestudie Menschen rund um den Globus zu ihren Werten und Grundüberzeugungen befragt. Die Teilnehmer sollen unter anderem angeben, ob sie im Falle eines Krieges dazu bereit wären, für ihr Land zu kämpfen. Allein in den letzten 15 Jahren hat der Anteil der Probanden, die diese Frage mit „ja“ beantworten, um 10 Prozentpunkte von durchschnittlich 75 auf 65 Prozent abgenommen.

Auffällig sind allerdings die enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: In Japan zeigten sich bei der letzten Befragung knapp 28 Prozent der Befragten kampfeswillig; in Bangladesh und Qatar antworteten dagegen fast alle Teilnehmer mit „ja“. Professor Dr. Christian Welzel, Politikwissenschaftler an der Leuphana Universität Lüneburg, hat nach Gründen für diese Diskrepanz gesucht. Die demokratische Tradition eines Landes spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle, sagt er. „Stattdessen scheint der Kampfeswillen vor allem davon abzuhängen, inwieweit die jeweilige Gesellschaft emanzipatorische Werte vertritt wie Toleranz gegenüber Homosexualität, die Gleichstellung der Frau, die Garantie persönlicher Freiheit.“

Je liberaler also die Gesellschaft, desto weniger kriegsbereit sind ihre Mitglieder. Für Welzel ist das nicht weiter erstaunlich: „Emanzipatorische Werte erweitern unsere Möglichkeiten, uns frei zu entfalten“, sagt er. „Mit dieser Entwicklung geht zwangsläufig ein Perspektivwechsel einher: weg von den Gefahren, die uns im Daseinskampf drohen; hin zu den Chancen, die uns das Leben bietet.“ Im Gegenzug gewinnt das Leben an Wert; es in einem Krieg aufs Spiel zu setzen, wird zunehmend intolerabel.

Kriege werden seltener

Trotz enormer Unterschiede zwischen den Gesellschaften und autoritärer Rückfälle: Im Schnitt ist die Welt in den letzten dreißig Jahren ein liberalerer Ort geworden. Parallel dazu hat die Zahl kriegerischer Konflikte im selben Zeitraum abgenommen. „Das ist ein eindeutiger Trend, auch wenn uns die aktuelle Medienberichterstattung ein anderes Bild suggerieren mag“, betont Welzel. Der Aufstieg emanzipatorischer Werte sei eine pazifistische Kraft, so Welzels positives Fazit. „Diese Kraft erschwert es Regierungen – vor allem, wenn sie demokratisch gewählt sind – mehr und mehr, öffentlichen Rückhalt für kriegerische Auseinandersetzungen zu finden.“

Publikation: Welzel, C. (2014). People's Declining Willingness to Fight in Wars: The Individual-level Basis of the Long Peace. Journal of Peace Research.

Zum weiteren Hintergrund siehe auch Welzels Monographie Freedom Rising: Human Empowerment and the Quest for Emancipation (Cambridge University Press, 2014, www.cambridge.org/welzel)


Kontakt:
Prof. Dr. Christian Welzel
Institut für Politikwissenschaft, Leuphana Universität Lüneburg
Telefon: 04131/677-2453
E-Mail: christian.welzel@uni.leuphana.de; cwelzel@gmail.com