Meldungen aus der Forschung

Im Forschungsinterview: Prof. Dr. Michael Ahlers

21.04.2015 Prof. Dr. Michael Ahlers ist Professor für Musikdidaktik am Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung an der Fakultät Bildung. Im Interview berichtet er über aktuelle Forschungsaktivitäten im Bereich der Popmusik-Vermittlung.

Professor Ahlers, gerade ist Ihr neuer Sammelband „Popmusik-Vermittlung zwischen Schule, Universität und Beruf“ im LIT-Verlag erschienen. Worum geht es dabei?

Der Sammelband ist das Ergebnis eines Symposiums, das wir im vergangenen Jahr hier an der Leuphana durchgeführt haben. Dabei haben wir versucht, verschiedene Akteure aus dem wissenschaftlichen, aber auch aus dem praktischen Umfeld zum Thema „Popmusik-Vermittlung“ zusammenzubekommen, soll heißen: Leute, die berufsvorbereitend ausbilden, aber eben auch universitäre Einrichtungen. Wir wollten schauen, was der aktuelle Stand der Dinge ist. Popmusik an sich ist eine große wirtschaftliche Praxis, aber auch natürlich eine kulturelle und soziale Praxis und da ist disziplinenübergreifend im deutschsprachigen Bereich noch wenig erschienen. Der Sammelband bringt verschiedene Perspektiven und Methodiken nun in kompakter Form zusammen. 

Welche Disziplinen waren an dem Symposium beteiligt? 

Natürlich hatten wir erwartungsgemäß viele Kolleginnen und Kollegen aus der Musikpädagogik da. Zusätzlich haben aber auch Kolleginnen und Kollegen teilgenommen, die sich instrumentalpädagogisch in diesem Bereich umgetan haben, sowie Forschende aus den Kulturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Medien- und Kommunikationswissenschaften.  Auch Branchenvertreter, also Akteure aus der Musikwirtschaft, waren dabei.

Wie ist die Forschungssituation zum Thema „Vermittlung von Popmusik“ in Deutschland? Und welche Rolle spielt die Forschung hier an der Leuphana in diesem Zusammenhang?

Vermittlung ist natürlich ein großer Bereich, da kümmern sich viele Leute drum, und zwar sowohl im schulischen als auch beispielsweise im Bereich der Konzertpädagogik. Um es kurz zu machen: Die Situation ist diffus und wenig konturiert. Wir versuchen, in dem Feld neue Impulse zu setzen. Ich glaube, dass die Leuphana dafür hervorragend geeignet ist. Schon in den 1980er Jahren haben sich Lüneburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die Qualifizierung von Lehrkräften im Bereich Popmusik bemüht. In der neueren Vergangenheit erschien ein wichtiger Sammelband der Kollegen Rolf Großmann und Christian Bielefeld unter dem Titel „PopMusicology“ zu dem Thema [Erschienen im transcript Verlag, 2008, Anm. d. Red.]. Lüneburg hat also sowohl eine Forschungs- und Lehrtradition auf diesem Gebiet. Mit unseren Aktivitäten versuchen wir nun, Lüneburg wieder neu auf der Landkarte der Popmusik-Forschung zu verorten. Gerade mit dem bald startenden Bachelor-Minor „Popular Music Studies“ sind wir einer der wenigen Hochschulstandorte Deutschlands, die das auf universitärer Ebene betreiben.

Was reizt Sie persönlich an dem Thema Popmusik?

Ich bin selbst begeisterter Musiker und Producer. Auch jetzt springe ich noch hin und wieder bei Konzerten von befreundeten Musikern ein. Wissenschaftlich bewege ich mich jetzt schon seit einigen Jahren in dem Umfeld der Popmusik-Forschung, forsche aber auch in pädagogischen Gebieten. Zu meiner Paderborner Zeit habe ich den dortigen Studiengang „Populäre Musik und Medien“ mit aufgebaut und durch die verschiedenen Akkreditierungen mit konturieren können. Auch in der internationalen „Popforschungs-Community“ bin ich unterwegs. Ich denke, dass ich gerade durch meine hiesige Denomination, die ja im Bereich der Didaktik liegt, eine wichtige Schnittstelle zwischen den verschiedenen Disziplinen aufmachen kann. Denn üblicherweise ist es so, dass die Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler wenig bis nichts mit Pädagogik zu tun haben. Ich kann versuchen, da zumindest schon einmal eine „Interdisziplinarität in persona“ zu sein. Über den neuen Sammelband habe ich es geschafft, dass sich Fachwissenschaftler und Pädagogen unterhalten haben und ich hoffe auch für die Zukunft auf einen fruchtbaren Diskurs zwischen den Disziplinen und Institutionen.

Mit welchen anderen Disziplinen inner- und außerhalb der Leuphana arbeiten Sie in Ihrer Forschung zusammen?

Die kulturwissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen hier an der Leuphana liegen mir natürlich sehr nahe, zumal es da ja auch eine große Expertise in dem Bereich gibt, mit dem ich mich jetzt beschäftige. Auf Projektbasis oder Veranstaltungsebene arbeiten wir sehr eng zusammen. Außerdem bin ich Teil eines relativ jungen Netzwerkes namens „Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung“. Es bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Wirtschaftswissenschaft und der Kulturwissenschaft zusammen. Das Netzwerk ist sehr offen und wir denken das Thema ohne Schranken, d.h. wir verstehen uns weder als reine Dienstleistungs- oder Auftragsforschung für die Musikwirtschaft noch als reine Elfenbeintürme. In der Vergangenheit haben sich viele deutsche Musikwissenschaftler ja sozusagen als Gegenpol zu den kommerziellen Interessen der Musikwirtschaft verstanden, das sehen wir anders.

Sie planen die Verankerung des Themas auch in der Lehre. Zum Wintersemester 2015/2016 startet ein englischsprachiger Minor „Popular Music Studies“ im Bachelor-Studiengang. An wen richtet sich das Studienangebot?

Die Zielgruppe des neuen Minor „Popular Music Studies“ wird sich sicherlich sehr stark aus der Gruppe der KuWi-Studierenden rekrutieren. Gleichwohl ist das Studienfach natürlich auch für Studierende anderer Fakultäten geöffnet. Ich hoffe sehr, dass sich für diesen Bereich, der eben nicht ein rein kulturwissenschaftlicher ist, eine bunt gemischte Gruppe von Studierenden interessieren wird. Mein Wunsch ist, dass da beispielsweise Wirtschaftsfachleute neben den Kulturfachleuten sitzen und sie zusammen an diesem spannenden Thema arbeiten.

Was sind die Studieninhalte?

„Popular Music Studies“ ist ja ein Minor, also ein Nebenfach, und umfasst daher insgesamt 30 Kreditpunkte. Selbstverständlich kann man in diesem Rahmen keine extrem große Tiefe erreichen, aber wir möchten den Studierenden einen Überblick über die internationale Popmusik-Forschung geben. Und diese bewegt sich eben in verschiedenen Feldern wie der Soziologie, der Geschichte, der Wirtschaft und so weiter. Wir versuchen, den Studierenden möglichst viel inhaltliche Breite zu bieten. Das Ganze erfolgt ausschließlich in englischer Sprache, weil wir vorwiegend auf internationale Literatur und Forschung rekurrieren. Das ist gerade für Leute interessant, die später wirklich in dem Bereich arbeiten wollen – wir nehmen nicht den Umweg über eine Übersetzung ins Deutsche, sondern wir bewegen uns in dem Programm komplett im Englischen. Das kann natürlich auch spätere Arbeitsmarktchancen verbessern, wenn man nicht nur in Deutschland gucken muss, sondern auch international weiß, worüber gesprochen wird.

Ein kleiner Ausblick: Was haben Sie noch an Forschungsaktivitäten im Bereich „Popmusik-Vermittlung“ für dieses Jahr geplant?

Es ist mir kürzlich gelungen, einen Artikel im Journal der International Association for the Study of Popular Music (IASPM) unterzubringen, einer renommierten internationalen Fachzeitschrift im Bereich der Popmusik-Forschung. Im Herbst werde ich beim sogenannten Ann Arbor Symposion, einer Schwerpunkttagung zum Thema „Teaching Popular Music“ in der Nähe von Chicago, einen Vortrag dazu halten. Außerdem wird voraussichtlich Ende des Jahres ein englischsprachiges Kompendium im Ashgate-Verlag erscheinen, das ich zusammen mit meinem Paderborner Kollegen Christoph Jacke herausgebe. Wir haben es geschafft, die herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum dazu zu bewegen, ihren spezifischen Blickwinkel auf Popmusik in kurzen Artikeln für die internationale Forschungsgemeinschaft zusammenzufassen.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation).

 

Weitere Informationen:

Personenhomepage von Prof. Dr. Michael Ahlers

Symposium 2014 „Popmusik-Vermittlung zwischen Schule, Hochschule und Beruf“