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Nachgeahmte Realität: Wo liegen die Grenzen der Simulation?

13.05.2015 Seit April forscht Dr. Regina Peldszus an der Leuphana zur Realitätstreue von Simulationen in sicherheitsrelevanten Bereichen. Sie ist eine von sieben neuen Fellows in der DFG-geförderten Kollegforschergruppe „Medienkulturen der Computersimulation“ (MECS).

Der menschliche Faktor in komplexen technischen Systemen – das ist es, was Regina Peldszus interessiert. Ihr besonderer Fokus liegt dabei auf der Interaktion von Mensch und Technologie im Bereich der Raumfahrt. Zuletzt untersuchte sie als Internal Research Fellow bei der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) in Darmstadt, wie Menschen durch ihre alltägliche Arbeit dazu beitragen, ein großes soziotechnisches System wie die Satellitensteuerung stabiler zu machen. „In der Entwicklung und im Betrieb technischer Systeme wurde der Mensch traditionell in erster Linie als Risikofaktor gesehen,“ so Peldszus. „In dieser Wahrnehmung ist das System perfekt und erst die fehlerhafte Bedienung durch den Menschen führt zu Problemen. Der Ansatz ist heutzutage ein anderer. Mich interessiert, wie Menschen durch ihr alltägliches Handeln innerhalb von komplexen Systemen kreative Lösungen für technisch oder organisatorisch Unvorhergesehenes entwickeln und das gesamte System dadurch resilienter, also widerstandsfähiger machen.“

Ihr Thema fand die gebürtige Berlinerin über Umwege. Während ihres Masterstudiums in „Design Studies“ am Central Saint Martins in London entdeckte sie für sich den Bereich der Raumfahrt als inhaltlichen Schwerpunkt, ein Thema, das sie seit ihrer Jugend fasziniert. Während ihrer Promotion an der Kingston University untersuchte Peldszus Schnittstellen zwischen Mensch und Systemdesign bei explorativen Weltraummissionen.

Am MECS beschäftigt sich Regina Peldszus mit Facetten der Realitätstreue von Simulationen in sicherheitsrelevanten Bereichen. Der vollständige Titel ihres Projekts lautet „Operational Ethics & Fidelity of Simulation in Safety-Critical Domains“. Grundlage des Projekts sind gut dokumentierte Simulationen, die in verschiedenen sicherheitsrelevanten Bereichen durchgeführt wurden, beispielsweise im Bereich der Nukleartechnik, der Medizin oder der Raumfahrt. Peldszus untersucht dabei drei Aspekte: das physische Design des Simulators, das für die Simulation entworfene Szenario sowie die Organisations- oder Policyebene. Zum letzten Punkt gehören insbesondere Richtlinien, Sicherheitsstandards oder Wertvorstellungen, die für die untersuchten Simulationen von Bedeutung sind.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die Frage, wie Simulationen dazu beitragen können, soziotechnische Systeme stabiler und sicherer zu machen. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf dem Aspekt der Realitätstreue (englisch: fidelity). „Die Frage ist, wie realitätsgetreu die Simulation sein muss, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, zum Beispiel im Training komplexer oder unerwarteter Abläufe,“ erklärt Peldszus. „Die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben eine sehr wirklichkeitsnahe Simulation der Realität. Aber nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. Neben praktischen Aspekten können die Grenzen der Realitätstreue beispielsweise auch in ethischen Erwägungen liegen. Dabei tauchen Fragen auf wie: Was kann ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zumuten? Muss ich die betroffenen Akteure vorher immer darüber unterrichten, dass sie sich in einer Simulationssituation befinden?“

Regina Peldszus ist eine von insgesamt sieben Fellows, die im April ans MECS gekommen sind, um hier für maximal sechs Monate zu Fragestellungen rund um das Thema Computersimulation zu forschen. Neben Peldszus gehören zur aktuellen Fellow-Kohorte auch Prof. Dr. Frank Pasemann, Prof. Dr. Rolf Grossmann, Dr. Martin Mahoney, Dr. Markus Rautzenberg, Matthias Wannhoff sowie Malte Pelleter.  

Die Kollegforschergruppe „Medienkulturen der Computersimulation“ (MECS) an der Leuphana existiert seit April 2013. Sie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zunächst für vier Jahre bewilligt. Ein Antrag auf Verlängerung des Projekts um weitere vier Jahre ist geplant. Geleitet wird das MECS von Prof. Dr. Claus Pias und Prof. Dr. Martin Warnke. Acht Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Kollegforschergruppe tätig und untersuchen in ihren jeweiligen Forschungsprojekten unterschiedliche Aspekte der Computersimulation. Als eine seiner Hauptaufgaben sieht das MECS den Aufbau eines (inter-)nationalen und transdisziplinären Forschernetzwerks. Um dieses Ziel erreichen zu können, werden in jedem Semester Senior-, Research- oder Junior-Forschungsstipendien für die Dauer von bis zu sechs Monaten vergeben, sowie kürzere Einladungen zu Workshops und Vorträgen ausgesprochen. 

Weitere Informationen: Seite der Kollegforschergruppe „Medienkulturen der Computersimulation“ (MECS)

Autorin: Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation)