Meldungen aus der Forschung

Neuberufung: Prof. Dr. Vicky Temperton verstärkt Fakultät Nachhaltigkeit

21.05.2015 Im Fokus der Forschung: Biodiversität und Renaturierung

Seit Anfang April 2015 ist Prof. Dr. Vicky Temperton als Professorin für Ecosystem Functioning und Ecosystem Services am Institut für Ökologie (IFÖ) der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Die gebürtige Engländerin forscht bereits seit vielen Jahren in Deutschland. Nach Studium und Promotion in England und Schottland führte ihr wissenschaftlicher Karriereweg sie zunächst als Postdoc an die Universität Jena. Nach einer dreijährigen Station am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena wechselte sie vor knapp zehn Jahren an das Forschungszentrum Jülich, wo sie bis zu ihrem Wechsel nach Lüneburg als Forschungsgruppenleiterin tätig war. Parallel habilitierte sich Temperton an der Universität Bayreuth. 

Tempertons Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Biodiversitäts- und Ökosystemforschung. Ihr Hauptinteresse gilt der Frage, wie Pflanzenarten miteinander interagieren und welche Auswirkungen diese Interaktion auf die Entwicklung und das Funktionieren von Ökosystemen hat. Dabei konzentriert sich Temperton insbesondere auf Graslandhabitate. „Ein bisschen kann man die Interaktion verschiedener Pflanzenarten mit dem Zusammenspiel von Spielern in einer Fußballmannschaft vergleichen,“ so Temperton. „Jeder Spieler hat unterschiedliche Qualitäten, die er in das Team einbringt. Erst durch das Zusammenwirken der Spieler kann sich eine erfolgreiche Mannschaft bilden. Auch Pflanzenarten haben jeweils unterschiedliche Eigenschaften, die sich gegenseitig beeinflussen und damit auch Auswirkungen auf das Ökosystem insgesamt haben.“

Im Fokus von Tempertons Forschungsarbeit stehen Pflanzen, die in der Lage sind, Stickstoff aus der Luft zu binden – sogenannte Stickstoff-Fixierer oder Leguminosen. Ihre Wechselwirkung mit den in ihrer Nachbarschaft wachsenden Pflanzenarten ist es, was Temperton interessiert. Dabei betrachtet sie vor allem die unterirdische Interaktion der Pflanzen. „Ich sehe mir sowohl Komplementaritätseffekte als auch Prioritäteneffekte an. Es interessiert mich also einerseits, wie sich die Pflanzenarten gegenseitig ergänzen, und andererseits, welche Rolle die zeitliche Komponente dabei spielt – d.h. ob es beispielsweise einen Unterschied macht, welche Pflanzenart zuerst da ist,“ erklärt die Wissenschaftlerin.

Tempertons Forschungsergebnisse geben Aufschluss darüber, was bei der Renaturierung von Graslandflächen zu beachten ist. Renaturierung gewinnt als Instrument gegen Biodiversitätsverlust weltweit an Bedeutung. Ziel von Renaturierungsmaßnahmen ist es, mit Hilfe von physikalischen oder chemischen Veränderungen ökologische Systeme zu stabilisieren und durch das gezielte Einführen von Organismen – also von Pflanzen oder Tieren – degradierte Standorte wieder neu zu beleben. In Europa wird künftig insbesondere die Renaturierung von artenreichem Grünland eine immer größere Rolle spielen. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft einerseits und die vollständige Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen aufgrund von Rentabilitätserwägungen andererseits nimmt die Zahl extensiv genutzter Wiesen und Graslandschaften in Europa stetig ab. Dadurch ist auch die Artenvielfalt in Gefahr. „Die Artenvielfalt auf Grasland ist extrem groß,“ so Temperton. „Pflanzengemeinschaften auf Wiesen und Grasflächen in Mittel- und Osteuropa sind – auf kleiner Skala – die artenreichsten Lebensräume der Welt.“ Durch Naturschutz und Renaturierungsprojekte sollen diese Ökosysteme erhalten oder wiederhergestellt werden.

Die von Temperton durchgeführte Forschung zeigt, welche Pflanzenarten am effektivsten für die Renaturierung eingesetzt werden können und in welcher Reihenfolge sie ausgesät werden sollten. Dabei möchte die Wissenschaftlerin bei zukünftigen Forschungsprojekten neben heimischen verstärkt auch den Effekt exotischer Pflanzenarten in den Blick nehmen. „Exotische invasive Arten können häufig gut gegen einheimische Arten konkurrieren. Durch den Klimawandel und den Verlust an einheimischen Arten bei gleichzeitiger Zunahme exotischer Arten beobachten wir ganz neuartige Konstellationen im Gefüge der Ökosysteme,“ erläutert sie. „Ziel der Renaturierung kann es daher nicht einfach sein, die ursprüngliche Pflanzengesellschaft wiederherzustellen. Neben der Vergangenheit müssen wir auch gegenwärtige und zukünftige klimatische und ökologische Bedingungen berücksichtigen, um auf dieser Grundlage gut funktionierende und artenreiche Ökosysteme zu etablieren und zu schützen.“ Doch möglicherweise birgt Renaturierung neben der Erhöhung der Biodiversität noch weiteres Nutzungspotenzial. Temperton interessiert dabei vor allem, wie Renaturierung zur Lieferung von Ökosystemdienstleistungen – d.h. zum Nutzen der Natur aus menschlicher Perspektive – beitragen kann. „Es kann sein, dass man mit der Renaturierung beide Ziele erreichen kann, aber wir wissen bislang einfach zu wenig über die Zusammenhänge,“ erklärt Temperton. „Vor dem Hintergrund, dass Renaturierung eine immer größere Rolle in der Biodiversitätspolitik spielt, gibt es hier dringenden Forschungsbedarf.“

Ihrer künftigen Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Leuphana sieht Temperton mit Freude entgegen. Die trans- und interdisziplinäre Ausrichtung der Universität und insbesondere der Fakultät Nachhaltigkeit komme ihrer eigenen wissenschaftlichen Ausrichtung entgegen, betont die Wissenschaftlerin, für die der Aspekt der Handlungsorientierung eine große Rolle spielt. „Ich freue mich sehr darauf, mit meinen Kolleginnen und Kollegen hier an der Fakultät in künftigen Forschungsprojekten zu kooperieren. Ich denke, dass sich unsere jeweiligen Forschungsschwerpunkte hervorragend gegenseitig ergänzen und wir daraus spannende neue Perspektiven entwickeln können,“ so Temperton. 

Weitere Informationen:

Personenhomepage von Prof. Dr. Vicky Temperton

Seite des Instituts für Ökologie (IFÖ)

Autorin: Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation)