Meldungen aus der Forschung

MECS Jahrestagung: Dealing With Climate Change

01.07.2015 In der vergangenen Woche versammelten sich etwa 16 internationale Forscherinnen und Forscher aus den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften, um die Bedeutung von Computersimulationen bei der Erforschung und Bewältigung des Klimawandels zu diskutieren. Sie waren zu Gast bei der Jahrestagung der DFG-Kollegforschergruppe “Medienkulturen der Computersimulation” (MECS ). Die Veranstaltung fand im Museum Lüneburg statt.

Der amerikanische Technikhistoriker Paul N. Edwards (University of Michigan) hielt am Donnerstag einen öffentlichen Abendvortrag zu den “Infrastrukturen des Wissens im Anthropozän”. Sein Buch “The Vast Machine” war vom Economist zum Fachbuch des Jahres 2010 gekürt worden. Edwards zeigte anschaulich die komplexen Herausforderungen in der Modellierung des Klimawandels. Ohne Computersimulationen, so Edwards, gäbe es kein Wissen über die weltumspannenden Prozesse in der Atmosphäre und deren Beeinflussung durch die industrialisierten Gesellschaften.

Simulationen beeinflussen unsere heutigen Vorstellungen des Klimawandels, wie beim El Niño

Neben Edwards Überblick wurde in detailreichen Fallstudien dargestellt, wie Simulationen zukünftige Lebenswelten unter den Bedingungen verschiedener Szenarien des Klimawandels vorstellbar machen, aber auch, wie diese aktuell ein Problembewusstsein für die Zusammenhänge von globalem Klima und lokalen Effekten herstellen. Sabine Höhler (KTH Stockholm) etwa widmete sich in ihrem Beitrag der durch satellitengestützter Visualisierung und Vorhersage veränderten Wahrnehmung des El Niño-Phänomens. Sam Randalls (UCL London) zeigte anhand von Strategiespielen, wie stark Konzepte zum Umgang mit dem Klimaproblem von ökonomischen Kalkülen und Rationalitäten durchsetzt sind.

Klimaforschung ist oft politisch begründet

Dass die Entwicklung der Klimaforschung selbst von Anfang an eng mit politischen und technologischen Interessen verknüpft war, zeigten die wissenschaftshistorisch und institutspolitisch orientierten Beiträge von Martin Mahony (MECS / King’s College London) und Dania Achermann (Aarhus University). Die nationalen Interessen bei der Einrichtung des Hadley Centre in UK und die Rolle Margaret Thatchers standen bei Mahony im Mittelpunkt, während Achermann die Vorgeschichte der Gründung des Max Planck Instituts für Meteorologie in Hamburg untersuchte. In beiden Fällen verkörpern die Institutsneugründungen auch einen Wechsel zur Simulation als bevorzugter Forschungsmethodik.

Wie war das Klima als die Dinosaurier ausstarben?

Unerwartete Perspektivierungen boten die Beiträge von Christoph Rosol (MPI-WG Berlin) und Rafico Ruiz (DCRL Leuphana / McGill University). Rosol untersuchte die Modellierung und Simulation von paleoklimatischen Bedingungen, wie sie beispielsweise während des Aussterbens der Dinosaurier geherrscht haben. Solche Berechnungen dienen einerseits zur Kalibrierierung der Simulationsmodelle für die Berechnung des zukünftigen Erdklimas, bebildern diese andererseits und lassen Vorstellungen der Vergangenheit und Zukunftsvisionen untrennbar erscheinen. Ruiz zeigte, wie seit der Mitte des letzten Jahrhunderts immer wieder Projekte zur Nutzung von Eisbergen als Trinkwasserquellen für wasserarme Regionen vorangetrieben wurden.

Aktuell entwickelt der französische Ingenieur Georges Mougin in Zusammenarbeit mit dem Software-Unternehmen Dassault Systèmes interaktive Simulationen solcher Szenarien. Diese Vorhaben illustrieren exemplarisch die großtechnischen Phantasien zur Beherrschung des Klimawandels und die zentrale Rolle von Computersimulationen und der IT-Industrie darin.

Übertragung der Forschung in die Politik

Die Tagung fand ihren Abschluss mit einem Vortrag von Oliver Geden (Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin). Geden berät als Klima- und Energiepolitikexperte die Bundesregierung zum Klimawandel und hat mit seiner im Mai erfolgten Veröffentlichung eines Kommentars in Nature auch in der deutschen Presse große Aufmerksamkeit erzeugt. Geden zeigte in seinem Beitrag, wie zwischen Politik und Wissenschaft mit unrealistischen Annahmen zum Klimawandel und zum Klimamanagement gearbeitet wird und hier das System einer “Ko-Produktion von Unverantwortlichkeit” entstanden sei, die wesentlich über die Darstellbarkeit machbarer Zukünfte in klimaökonomischen Modellen funktioniere.

FAZIT: Ohne Simulationen ist der Klimawandel für uns nicht begreifbar

Ohne Computersimulationen – so waren sich die Vortragenden einig – ist der Klimawandel als Phänomen nicht zu denken und als Problem nicht zu lösen. Als Forschungstechnologien machen Simulationen die komplexen Zusammenhänge einerseits wissenschaftlich beschreibbar, als Szenariotechniken geben sie andererseits Handlungsanweisungen. Diese damit verbundene Kopplung von Politik und Epistemologie im Medium der Simulation stellt eine der großen Herausforderungen für die Forschung dar. Die Organisatoren danken allen Gästen für eine engagierte Diskussion. Eine Publikation der Beiträge ist in Planung.

Weitere Informationen

Jantje Sieling
Geschäftsführung MECS
Leuphana Universität Lüneburg
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