Meldungen aus der Forschung

Emotionswissen schafft Aufmerksamkeit

07.07.2015 Studie belegt Einfluss der emotionalen Kompetenz auf die Aufmerksamkeitsentwicklung bei Vorschulkindern Junge Kinder, die bereits früh über ein gutes Verständnis ihrer eigenen Emotionen und der ihrer Mitmenschen verfügen, haben in ihrer weiteren Entwicklung weniger Aufmerksamkeitsprobleme als Kinder mit einem niedrigen Emotionsverständnis. Dies belegt eine kürzlich in der Zeitschrift Kindheit & Entwicklung veröffentlichte Studie der Leuphana Universität Lüneburg und der George Mason University, USA, unter der Leitung von Prof. Dr. Maria von Salisch, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg.

Die Ergebnisse stammen aus dem vom Niedersächsischen Forschungsverbund für Bildung und Entwicklung und von der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft geförderten Forschungsprojekt „Elefant – Emotionales Lernen ist fantastisch“. Die Forscherinnen aus Lüneburg und Fairfax, USA, befragten im Rahmen ihrer Studie zur Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen 261 Kinder aus 33 Kindergärten in Niedersachsen sowie ihre Eltern und Erzieherinnen und Erzieher. Insgesamt wurden zwei Untersuchungsblöcke mit einem zeitlichen Abstand von 14 Monaten durchgeführt. Zu Beginn der Studie lag das durchschnittliche Alter der Kinder bei fünf Jahren. Getestet wurden das Emotionsverständnis, die behavioriale Selbstregulation, die komplexe Gedächtnisspanne und das rezeptive Sprachverständnis. Der soziodemographische Hintergrund sowie das Geschlecht der Kinder wurden ebenfalls berücksichtigt.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, welche Faktoren es Kindergartenkindern erleichtern oder erschweren zu lernen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Die Studie zeigt, dass Kinder mit einem umfänglichen Emotionswissen zum Zeitpunkt der ersten Befragung ein gutes Jahr danach weniger Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeitssteuerung hatten als Kinder mit einem anfangs niedrigen Emotionswissen. Dabei geht die Verringerung der Aufmerksamkeitsprobleme bei Kindern mit sehr großem Emotionswissen sogar über den alterstypischen Rückgang hinaus. Unter Emotionswissen wird die Fähigkeit verstanden, Emotionen bei sich und den Mitmenschen zu erkennen und mit Worten zu benennen sowie das eigene emotionale Ausdrucksverhalten zu steuern. Das Ergebnis der Studie hat auch dann Bestand, wenn frühere Aufmerksamkeitsprobleme der Kinder zum Zeitpunkt der ersten Befragung sowie die bekannten Einflussfaktoren Geschlecht, Sozialschicht und Sprachverständnis in die Bewertung mit einbezogen werden. „Das eigene Erleben und Verhalten und das anderer Menschen wird mit fortschreitendem Emotionsverständnis vorhersagbarer. Das bindet weniger Aufmerksamkeit und begünstigt prosoziales Verhalten“, erklärt Professor von Salisch den Befund. „Kinder mit beschränktem Emotionswissen erscheinen hingegen oft abgelenkt. Ihre Aufmerksamkeit wird davon in Anspruch genommen, sich ihre eigenen verwirrenden Gefühlszustände oder die negativen Emotionen ihrer Mitmenschen zu erklären und ihre eigenen daraus entstehenden Emotionen zu regulieren.“

Die Studie erweitert die bisherigen Forschungserkenntnisse zur Entstehung von Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern. „Die bislang gängige Annahme in der Forschung ist, dass vor allem ein Defizit bei den exekutiven Funktionen (EF) ausschlaggebend für die Entstehung von ADHS ist“, so von Salisch. „EF entwickeln sich im Vorschulalter in schnellem Tempo und umfassen – unter anderem – die willentliche Steuerung der Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und Fähigkeiten zur Unterdrückung kognitiver und motorischer Impulse, auch Interferenzkontrolle genannt. Mit unserer Studie haben wir nun nachweisen können, dass neben den EF eben auch das Emotionswissen ein entscheidender erklärender Faktor für die Entstehung von Aufmerksamkeitsproblemen ist. Das Emotionswissen sollte daher in künftigen Studien viel stärker als bisher in den Fokus rücken.“

von Salisch, Maria; Hänel, Martha; Denham, Susanne A. (2015). Emotionswissen, exekutive Funktionen und Veränderungen bei Aufmerksamkeitsproblemen von Vorschulkindern, in: Kindheit und Entwicklung 24 (2), 78-85.

Autorin: Vivien Valentiner (Universitätskommunikation)

Kontakt:

Prof. Dr. Maria von Salisch
Scharnhorststraße 1, C1.115
21335 Lüneburg
Fon 04131.677-1704
Fax 04131.677-1717
salisch@uni.leuphana.de