Meldungen aus der Forschung

Neues Forschungsprojekt untersucht den Wandel der Anonymität

10.07.2015 Lüneburg. Soziale Netzwerke, Kundenkarten, Smartphone-Ortung: Viele Entwicklungen in unserem Alltag, die sich unter anderem aus immer vielfältiger eingesetzten digitalen Technologien speisen, haben Folgen für die Möglichkeit und das Verständnis von Anonymität. Wissenschaftler der Leuphana Universität Lüneburg wollen jetzt gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Hamburg und Bremen erforschen, wie sich dieser Wandel auswirkt. Die VolkswagenStiftung sieht darin ein Schlüsselthema für Wissenschaft und Gesellschaft. Sie fördert das auf dreieinhalb Jahre angelegte Projekt mit einer Million Euro. Der Anteil der beiden Lüneburger Teilprojekte beträgt rund 430.000 Euro.

An dem Forschungsprojekt beteiligen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Disziplinen: Ethnologie und Kulturananthropologie sind ebenso vertreten wie Medienwissenschaften, Soziologie und Kunstwissenschaft. Sie wollen gemeinsam herausfinden, wie Anonymität gegenwärtig aufrechterhalten, neu gebildet oder abgeschafft wird. Dazu nehmen sie zeitgenössische Online- und Offline-Welten in den Blick, denn dort entstehen nach Meinung der Forschergruppe sogenannte „Anonymitätsregime“. Darunter verstehen sie Regelungs- und Ordnungssysteme, die sich aus dem Zusammenwirken von sozialen, technischen, normativen und politischen Elementen ergeben.

Die Wissenschaftler wollen solche Anonymitätsregime in Deutschland und Großbritannien mit ethnographischen und vergleichenden Methoden erforschen. Sie untersuchen auch, wie sich die veränderte Rolle der Anonymität auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben auswirkt: auf den Einzelnen ebenso wie auf Gemeinschaften und soziale Beziehungen. Besonders wichtig erscheint den Forschern die Frage, inwiefern Anonymität in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auch produktiv ist, etwa mit Blick auf neue Vorstellungen von Eigentum, Kollektivität und Intimität.

Eine Besonderheit des Vorhabens stellen sogenannte kollaborative Formen der Wissensproduktion dar. Dafür arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Experten aus der Praxis, Programmierern und Künstlern zusammen. So sollen theoretische Modelle und künstlerische Positionen zum Thema entstehen, die als Grundlage für künftige politische und rechtliche Diskussionen dienen können.