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Philosophin Steffi Hobuß im Interview

22.07.2015 Nach einem Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Sozialpsychologie an der Universität Hannover und einer Promotion in Bielefeld ist Dr. Steffi Hobuß seit 1996 als Philosophin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Ihre Habilitation zur "Theorie der visuellen Wahrnehmung bei Platon und Aristoteles" schließt sie 2015 ab.

Die Philosophin Steffi Hobuß forscht seit 1996 an der Leuphana.

Sie haben gerade den Lehrpreis bekommen. Was ist gute Lehre für Sie?

Das werde ich immer wieder gefragt. Ich finde es grundsätzlich ganz schwierig, gute Lehre kontextunabhängig zu bestimmen. Ich meine, dass es tatsächlich keine harten kontextunabhängigen Kriterien für gute Lehre gibt. Oder sie werden dermaßen allgemein, dass es nicht mehr viel aussagt. Es kommt auf das Veranstaltungsformat an. Eine gute Lehre in einer großen Vorlesung ist etwas anderes als gute Lehre in einem kleinen Seminar. Klar, gute Lehre hat immer etwas damit zu tun, dass Studierende etwas von der Begeisterung der Lehrenden erfahren, dass gute Lehre sie dazu anregt, sich hinterher weiter selbstständig mit dem Thema zu beschäftigen. Aber das sind natürlich sehr allgemeine Sachen. Außerdem beschäftige ich mich gerade gemeinsam mit Anke Timmann von der Lehrwerkstatt damit, dass Lernen immer auch Verlernen bedeutet, und wie sich ein Konzept weiter entwickeln lässt, das ich „produktive Verunsicherung“ nenne.

Was hat Sie in Ihrer Lehre beeinflusst?

Die Lehrenden in meinem eigenen Studium haben mich sehr geprägt – bei denen habe ich mich vor allem mit intensiver Textlektüre beschäftigt. Das ist für mich immer noch ein Merkmal guter Lehre: Dass sich Studierende und Lehrende gemeinsam diesem Erkenntnisunternehmen aussetzen. Dass das Empfinden dafür gestärkt wird, dass es eine gemeinsame Veranstaltung ist.

Aber ist das nicht ein bisschen altmodisch an einem Text zu sitzen und den einfach zu lesen?

Nein, in der Philosophie ist das das Kerngeschäft, lesen und versuchen zu verstehen.

Ist Denken und „Dinge verstehen“ nicht das Kerngeschäft der Philosophie?

Stimmt. Aber Denken ist immer „etwas denken“ und „etwas verstehen“. Ich kann nicht denken ohne ein Etwas. Das erlebe ich manchmal, dass Studierende sagen „Toll, ich bin jetzt an der Uni, ich werde jetzt einfach mal losdenken“. Das ist auch nicht falsch. Aber manchmal schreiben Leute bei mir Essays und sagen dabei: „Ich will mich nicht immer nur an etwas Bestehendem abarbeiten und historische Positionen vertreten, sondern ich will von mir aus entwickeln, was ich jetzt gerade denke!“ Das ist dann nicht immer originell. Bei meiner Lehre geht es einerseits darum, die Leute darin zu bestärken, ihre eigenen Überlegungen zu entwickeln. Aber ich möchte sie auch davor bewahren, etwas für superoriginell zu halten, was gar nicht so neu ist. 

Wann macht Ihnen Lehre am meisten Spaß?

Wenn ich merke, dass in irgendeiner Form etwas zurückkommt. Wenn ich merke, da ist so etwas wie Partizipation. Und wenn ich selber auch etwas gelernt habe. 

Nachdem Sie über die Theorie visueller Wahrnehmung geforscht und geschrieben haben, beschäftigen Sie sich in Ihrem aktuellen Projekt mit kultureller Erinnerung.

Ja.

Ist Erinnerung nicht mehr ein psychologisches Thema als ein philosophisches?

Es ist auch ein psychologisches Thema. Es ist aber auch eine Frage für die Literatur, für die Geschichtswissenschaft, für die Philosophie. Also es ist ein Thema, das man sehr interdisziplinär behandeln kann. Ich forsche ja zu kollektiver beziehungsweise kultureller Erinnerung. Das fällt in die Zuständigkeit von Philosophie und Kulturwissenschaften. 

Aber Erinnerung ist doch etwas sehr Persönliches. Wie kann das denn kollektiv sein? 

Mein Ausgangspunkt ist die Sprachphilosophie. Eine der großen Einsichten der Sprachphilosophie ist, dass Sprachbedeutung nichts Privates ist. Viele Leute haben die Alltagstheorie: „Ich habe Gefühle in mir drin und Vorstellungen und Gedanken. Und diese Gedanken kann ich dann in zweiter Instanz nach außen transportieren und versprachlichen.“ Die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts zeigt, dass das so nicht stimmt. Wir werden alle in Sprache hineingeboren. Du kommst auf die Welt und niemand fragt Dich, ob Du Sprache willst und welche. Sprache wird schon vorausgesetzt, damit Du überhaupt ein Subjekt wirst, das seine Gedanken ausdrücken kann. Sprache ist nicht privat. Und genauso ist Erinnerung nicht privat. Wir erleben Erinnerung zwar als etwas ganz Persönliches. Aber wir können unsere Erinnerung nicht einordnen und ihr eine Bedeutung geben ohne einen sozialen Rahmen. 

Aber auch wenn es keine Sprache gäbe, gäbe es noch Gedanken. Zum Beispiel „Hunger!“.

Ist „Hunger!“ wirklich ein Gedanke? Das würde ich nicht sagen. Ich meine, man kann Hunger haben, und das ist nicht dasselbe wie den Gedanken zu formulieren, dass man Hunger hat. Ich will jetzt nichts Ontologisches sagen, etwa im dem Sinne, dass es keine Gedanken ohne Sprache gibt. Aber man kann Gedanken nur fassen, wenn da auch Sprache ist. Nur dann kann man Gedanken individuieren. 

Was konkret interessiert sie an Erinnerung?

Vieles, ich habe aktuell mehrere Projekte. Ich bin in einem großen Europäischen COST-Netzwerk, wo es um transnationale Erinnerung in Europa geht. Hier interessiert uns besonders die Erinnerung an die Kriege, Unruhen und Migrationswellen im 20. Jahrhundert – wie funktioniert sie und wie steht sie in Beziehung zu nationalen Erzählungen? Nation ist ein Narrativ, das im 19. Jahrhundert erfunden wurde. Trotzdem kommt vielen Leuten Nationalität als etwas ganz Natürliches vor. Hier kann man zeigen, wie Erinnerung dazu beiträgt, dass sich Leute zu einem bestimmten Kollektiv zugehörig empfinden und nicht zu einem anderen. Von den ganz kleinen regionalen Kollektiven bis zur EU. Es geht auch darum, ob es eine gesamteuropäische Erinnerung gibt – auch wenn ich diesen Punkt heikel finde. 

Wenn Sie sagen, dass Sie das Thema interdisziplinär angehen – reden Sie auch mit Neurowissenschaftlern?

Ja, klar, sicherlich tauschen wir uns aus. Aber Neurowissenschaftler_innen gehen oft individualistisch vor. Wir schauen eher auf Kollektive. Interdisziplinarität ist Arbeitsteilung. Man kann hier schwer sagen, wer mehr Recht hat. 

Noch was anderes: Sie sind Mitglied der International Association of Women Philosophers (IAPh). Über Ihrem Schreibtisch hängt „Die Schule von Athen“ von Raffael. Das sind alles nur Männer.

"Die Schule von Athen" - Fresko von Raffael

Da ist vielleicht immerhin eine Frau drauf, links unten, vielleicht Hypatia. Aber das ist umstritten. An der Leuphana gibt es tatsächlich mehrere Philosophinnen, außer mir Kerstin Andermann, Yvonne Förster und weitere. Ansonsten ist es in der Philosophie wie in allen Geisteswissenschaften so, dass es bis zur Promotion mehr Frauen als Männer gibt und danach mehr Männer als Frauen. Tatsächlich fallen einem, wenn man an Philosophie denkt, mehr Männer als Frauen ein. In der IAPh geht es zum zweierlei: Zum einen beschäftigen wir uns mit feministischer Theorie, also einem philosophischen Verständnis des Verhältnisses der Geschlechter. Zum anderen geht es darum zu zeigen, dass es Frauen in der Philosophie gibt und dass diese auch eine Rolle spielen sollten. Also sowohl um den Gegenstand und um eine Art Berufsvertretung. 

Aber ist Geschlecht und so nicht eher ein Thema für die Sozialwissenschaften?

Nicht unbedingt. Über Teildisziplinen wie Sozialphilosophie oder Ethik gibt es wichtige Anknüpfungspunkte. Zumal einem die Philosophie das Handwerkszeug gibt, die richtig interessanten Fragen zu stellen. 

Vielen Dank für das Interview! 

Das Interview führte Martin Gierczak (Universitätskommunikation).