Meldungen aus der Forschung

"Social Entrepreneurship war am Anfang mein 'Hobby-Forschungsfeld'"

03.08.2015 Dr. Jantje Halberstadt ist an der Leuphana Universität Lüneburg Juniorprofessorin für Social Entrepreneurship. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Sustainability Entrepreneurship, Strategisches Management, Innovationsmanagement, Ursprungs- und Diffusionsforschung sowie Women Entrepreneurship. Im Interview spricht die studierte Betriebswirtschaftlerin darüber, wie sie Professorin geworden ist, was sie an ihrem Beruf besonders mag und was sie anderen Nachwuchsforscherinnen mit auf den Weg geben würde.

Professorin Halberstadt, wie sind Sie Professorin geworden?

Lauter Zufälle (sofern es denn Zufälle gibt). Ich habe mich im weitesten Sinne immer unternehmerisch verhalten, Möglichkeiten gesehen und wahrgenommen. Professorin zu werden war nie mein Plan. Ich bin selten strategisch vorgegangen, sondern habe gemacht, was mir im jeweiligen Moment am sinnvollsten erschien und gleichzeitig am meisten Spaß gemacht hat. Das ist dann die Wissenschaft geworden. Dass mir wissenschaftliches Arbeiten liegt, habe ich bereits im Studium bemerkt und mich daher für die Promotion entschieden. Wie interessant und vielfältig die Tätigkeitsbereiche von Wissenschaftler_innen tatsächlich sind, habe ich erst später festgestellt. So habe ich mich neben der Forschung viel in der Lehre engagiert, ohne per Deputat dazu verpflichtet gewesen zu sein, aus eigenem Antrieb Praxisprojekte initiiert und als Gleichstellungsbeauftragte gearbeitet. Dass das den Weg in die Professur positiv beeinflusst, war mir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst. Vielmehr ist mir dadurch ex post klar geworden, dass ich die von mir favorisierten Tätigkeitsfelder besonders gut im Rahmen einer Professur bearbeiten kann. Das Themenfeld Social Entrepreneurship gehörte neben den Gender Studies zu meinen „Hobby-Forschungsbereichen“. Dass ich mich damit nun in Vollzeit befasse und in Forschung, Lehre und Praxis zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen darf, finde ich großartig. So hoffe ich auch, dass sich meine wissenschaftliche Karriere (ich stehe ja noch ganz am Anfang) entsprechend weiterentwickelt. Nach wie vor kann ich mir, wenn das nicht klappt, aber ebenso vorstellen, etwas anders zu machen, zum Beispiel Top-Managerin, Sterneköchin oder Frisörin zu werden und/oder ein eigenes Unternehmen zu gründen. 

Gab es während Ihrer Laufbahnentwicklung auch kritische Phasen?

Bislang Gott sei Dank noch nicht. 

Welche Rolle spielt die Thematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie während Ihres Werdegangs?

Keine. Vielleicht sollte ich mich fragen, ob mein Beruf in irgendeiner Weise dafür verantwortlich ist. Oder umgekehrt …

Wie wichtig sind Netzwerke für Ihre berufliche Tätigkeit?

Netzwerke sind auf keinen Fall zu unterschätzen. Sie können auch indirekte Wirkungen haben, zum Beispiel motivieren oder Chancen aufzeigen. Ohne dass mich damals jemand auf die Ausschreibung der Promotionsstelle aufmerksam gemacht hätte, wäre mir die Information vermutlich entgangen. Auf die Ausschreibung der Juniorprofessur Social Entrepreneurship an der Leuphana Universität hatte ich zwar bereits mit einer Bewerbung reagiert, erhielt aber zusätzliche Motivation aus meinem Umfeld. Auch in meinem persönlichen wie beruflichen Alltag helfen mir Netzwerke ständig. Es ist immer von Vorteil, persönlich fachlich vernetzt zu sein. An der Leuphana Universität habe ich schnell viele tolle Menschen kennengelernt und erhielt Zugang zu Netzwerken. Das hat nicht nur zur Beschleunigung organisatorischer Angelegenheit beigetragen, sondern auch frühe Forschungs- und Lehrkooperationen begünstigt. Auch meine internationalen Koopera­tionen sind zum Großteil entstanden und gewachsen, weil bereits Kontakte bestanden und ich so erste Ansprechpartner_innen hatte. Es ist zudem erfreulich zu erleben, dass man selbst Menschen vernetzen kann und daraus wiederum langfristige und erfolgreiche Kooperationsbeziehungen mit weitreichenden Ideen und Projekten entstehen. Ich bin jedenfalls gespannt, welche interessanten Menschen ich noch kennenlernen darf und finde es schade, wenn das Nutzen von Netzwerken oft eher negativ dargestellt wird. Es sollte nicht mit Ausnutzen von Kontakten gleichgesetzt werden oder damit, sich über ein Netzwerk einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. 

Was wünschen Sie sich für Ihr Berufsfeld Wissenschaft?

Es gibt meinerseits wenig Kritik zu äußern. Schwierig sind aus meiner Sicht bestimmte Anreizstrukturen und die Erfolgsmessung der Tätigkeit von Professor_innen. Mit Kolleg_innen diskutiere ich zum Beispiel viel über die Möglichkeiten und Grenzen einer objektiven und fairen Bewertung der Leistung von Studierenden vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Bewertung der eigenen Lehrqualität durch die Studierenden dadurch beeinflusst werden kann. In Bezug auf die Publikationsleistungen geht es in der Regel darum, Artikel in guten Journals zu platzieren. Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach der angemessenen Balance zwischen Quantität und Qualität der Artikel, sondern auch wie bestimmt wird, was ein gutes Journal ist (z. B. Diskussion um Journal-Rankings), wie sehr man Wissenschafts-Trends und Methoden-Hypes folgen muss/darf/kann und welche A-Journals vielleicht „Vitamin-B-Journals“ sein könnten. Insgesamt ist der Job aus meiner Sicht durchaus mit viel Verantwortung, Arbeit und mitunter sehr stressigen Phasen verbunden. Die Flexibilität z. B., die ich grundsätzlich sehr schätze, führt oft dazu, dass man mehr Arbeit – gedanklich wie in Form von Papierstapeln – mit nach Hause nimmt als in anderen Berufen. Positiv interpretiert kann das aber auch heißen, dass wir uns beruflich mit so interessanten Fragestellungen und Projekten beschäftigen, dass sie auch Teil unseres Privatlebens werden. 

Was würden Sie Frauen für den Beruf der Professorin bzw. für eine akademische Laufbahn mit auf den Weg geben?

„Kann nicht“ wohnt in der „Will nicht“-Straße. Das kann zum einen so verstanden werden, dass wir uns selbst mehr zutrauen sollten. Zum anderen ist es darauf gerichtet, ein externes „Geht nicht“ nicht immer widerspruchslos zu akzeptieren, sondern nach Möglichkeiten zur Anregung einer erneuten, wohlwollenden Prüfung des ursprünglichen Anliegens zu suchen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Es beläuft sich auf die Klassiker: Frieden, Gesundheit und dass Schalke Deutscher Meister wird. 


Das Interview ist im Juni 2015 erschienen in der Broschüre "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit." Die Interviews führten Nele Bastian und Corinna Kröger (Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg.)