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„Wir schreiben dem Markt zu viel symbolische Macht zu“ – Kunstsoziologin Larissa Buchholz im Interview

07.08.2015 Larissa Buchholz forscht als Junior Fellow in der Harvard Society of Fellows zu kunstsoziologischen Fragen. Im Forschungsinterview erklärt sie, wie sie das Verhältnis zwischen künstlerisch-ästhetischer Anerkennung und ökonomischem Erfolg untersucht und was sie dabei herausgefunden hat.

Frau Buchholz, Sie forschen dazu, in welchem Verhältnis künstlerische Anerkennung und ökonomischer Erfolg stehen. Eine alte Frage... 

... die in den letzten 10 Jahren an Brisanz gewonnen hat. Seit Beginn des Milleniums gewinnt der Kunstmarkt im zeitgenössischen Segment enorm an Bedeutung. 

 

Was heißt das?

Das Geldvolumen, das im Markt steckt erfuhr ein starkes Wachstum. Die Aktivitäten der Auktionshäuser haben zugenommen. Die Zahl der Rekordpreise, die auf Auktionen erzielt werden, ist ebenfalls inflationsbereinigt gestiegen, immer begleitet von einem entsprechenden Medienecho. Da gibt es einen Hype. Meiner Ansicht nach führt das zu einer verzerrten Wahrnehmung. Wir fokussieren uns auf die spektakulären Fälle und schreiben dem Markt zuviel symbolische Macht zu, über die er de facto nicht verfügt. Meine Untersuchungen zeigen, dass es sich in Wirklichkeit nicht so verhält, dass der Kunstmarkt eine dominante Rolle in der Bestimmung der künstlerisch wichtigen Positionen einnimmt. Es ist nicht so, dass ökonomischer Erfolg und künstlerische Anerkennung eng zusammenhängen.

 

Wie haben Sie das untersucht?

Ich habe zwei Bewertungssysteme im Kunstfeld systematisch miteinander verglichen. Ein Bewertungssystem bemisst den ökonomischen Erfolg auf der Basis der Verkaufszahlen im globalen Auktionsmarkt und bestimmt auf dieser Grundlage die führenden Markt Künstler. Die zweite Bewertungsdimension─künstlerische Anerkennung─wurde über eine Datenbank repräsentiert, die die künstlerische Elite im globalen Ausstellungsbetrieb erfasst. Sie basiert auf kuratorischen Kriterien. Der untersuchte Zeitraum betrug 15 Jahre, seit 1998. Ich habe also die führenden (lebenden) Künstler in den Spitzensegmenten des globalen Ausstellungsbetriebs und des Auktionsmarktes vergleichend untersucht.

 

Was kam bei dem Vergleich heraus?

Wenn es stimmen würde, dass der Markt soviel Macht hat, wie nicht selten behauptet wird, dann hätte ich feststellen müssen, dass es zu einer wachsenden Überlappung der beiden Spitzensegmente in dem untersuchten Zeitraum kommt. Aber was ich statistisch feststellen konnte, war das Gegenteil: eine zunehmende Divergenz. 

 

Bedeutet das für jeden Künstler, dass er sich entscheiden muss zwischen Kunst oder Geld?

Ich habe die individuellen Laufbahnen von Künstlern ebenfalls eingehend analysiert. Ich wollte wissen: Was passiert im Verlauf der einzelnen Künstlerkarriere? Dazu habe ich mir die führenden Künstler angesehen, wieder aus beiden Bewertungssystemen – Ausstellungssystem und Auktionsmarkt. Daraufhin habe ich untersucht: Wie verhalten sich ökonomische Position und künstlerische Anerkennung im Verlauf einer Karriere. Ich habe auf diese Weise 179 Künstlerlaufbahnen analysiert. Über die Skalierung der Ergebnisse konnte ich 3 dominante Karrieremuster im globalen Kunstfeld herausarbeiten.

 

Was sind das für 3 Karrieretypen?

Eine Mehrheit der führenden Künstler ist entweder künstlerisch hoch anerkannt, aber weniger stark präsent am Markt – oder andersherum. Nur 10 % erreichen gleichermaßen Erfolg in beiden Dimensionen. 

 

Wer zum Beispiel?


Gerhard Richter. Das ist ein klassischer Fall, der nach beiden Kriterien außerordentlich erfolgreich ist. Ansonsten aber gilt: The higher economic success, the lower cultural recognition. Und andersherum. 


Was bedeuten Ihre Forschungsergebnisse für die Kulturförderung?

Ich habe keine konkreten Forderungen, aber die Studie hat durchaus normative Implikationen. Es gibt einen Kunstsoziologen in Frankreich, der aufgrund seiner Studien behauptet, dass der Markt entscheidend ist, um Künstler international erfolgreich zu machen. Die Implikation seiner Arbeit ist, dass der Staat den Markt und speziell Verkäufe stärker fördern muss. Meine These ist: Nein, genau das nicht. Der Markt funktioniert schon für sich. Es gibt aber ein Segment, da wird Kunst wirklich ernsthaft betrieben und das muss der Staat fördern─wie z.B. internationale Stipendien, Artist-in-residence-Programme oder allgemein internationalen kulturellen Austausch. Denn da entstehen auch Positionen, die langfristig künstlerisch Bestand haben. 

 

Frau Buchholz, vielen Dank!

 

Das Interview führte Stefanie Hennig (Universitätskommunikation).


Larissa Buchholz hat in Lüneburg in den Magisterhauptfächern Kulturtheorie und Kunst- und Bildwissenschaften studiert. Sie war lange Jahre studentische Vertreterin des Faches Kulturtheorie und von 2002 bis 2004 als solche auch Mitglied im Vorstand des Instituts für Kulturtheorie des Fachbereichs Kulturwissenschaften. In die USA wechselte sie auf der Grundlage eines Fulbright Stipendiums, das sie zunächst an die University of Stony Brook (Long Island) führte, wo sie nach einem Masterabschluss in Soziologie als Doktorandin an die Columbia University nach Manhattan wechselte. Larissa Buchholz ist die erste weibliche (Nachwuchs-)Wissenschaftlerin überhaupt, die jemals in dieser Disziplin in die in den 1930er Jahren eingerichtete Harvard Society of Fellows aufgenommen wurde. Der Leuphana Universität Lüneburg, an der sie Ende letzten Jahres in dem vom Inkubator Projekt KIM organisierten Symposium „Passion Investments in Art Markets“ präsentierte, bleibt sie weiterhin verbunden. 

 

Im Juli 2015 präsentierte sie gemeinsam mit Projektleiterin Cornelia Kastelan, M.A. und Dr. Christoph Behnke von der Fakultät Kulturwissenschaften den Band "Art in the Periphery of the Center“ (Sternberg Press), für den sie auch einen Beitrag verfasst hat.