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Urteil und Reflexion: Zum Verhältnis von Kunstkritik und Kunstgeschichte

17.08.2015 Kunstkritik und Kunstgeschichte gelten traditionell als zwei voneinander getrennte Sphären. Während sich die Kunstgeschichte um eine objektivierende Distanz zur Kunst bemüht und sich dabei einer Wertung zu enthalten sucht, bezieht die Kunstkritik mit Qualitäts- und Werturteilen zu der von ihr betrachteten Kunst Position. Erst seit den 1980er Jahren, als die Gegenwartskunst Eingang in die akademische Kunstgeschichte fand, sind die Grenzen unscharf geworden. Doch existiert nicht seit jeher eine enge Wechselbeziehung zwischen beiden Bereichen? Dieser Frage geht Leuphana Professorin Beate Söntgen im aktuellen, von ihr als Gastherausgeberin betreuten Heft der Zeitschrift für Kunstgeschichte nach.

Unter dem Titel „Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte“ beleuchten die  Beiträge exemplarisch die vielfältigen Verflechtungen und Überschneidungen zwischen Kunstkritik und Kunstgeschichte. Dabei werden grundlegende Fragen nach den Akteuren des Kunstfeldes und der Rolle des Wertes mit historischen Fallstudien verknüpft. Hervorgegangen sind die Beiträge aus einer gleichnamigen Sektion, die Beate Söntgen zusammen mit Prof. Dr. Peter Geimer von der Freien Universität Berlin beim Deutschen Kunsthistorikertag 2013 in Greifswald leitete.

„Unsere Arbeitshypothese war, dass die Situation der Entdifferenzierung zwischen Kunstkritik und Kunstgeschichte, die wir seit einigen Jahren beobachten, nur das sichtbar macht, was unter der Oberfläche schon lange existiert,“ so Beate Söntgen. „Trotz aller Abgrenzung voneinander gibt es auch viele Gemeinsamkeiten: Kunstkritik und Kunstgeschichte bedienen sich vergleichbarer oder sogar wechselseitig entlehnter Verfahren, seien es Kategorien-, Wert- und Genealogiebildungen.“ Besonders deutlich werden die Überschneidungen zwischen den beiden Feldern anhand einzelner Akteure. „Bereits um 1900 lassen sich vielfältige personelle Verflechtungen zwischen Kunstgeschichte und Kunstkritik beobachten. Der deutsche Kunsthistoriker Julius Meyer-Graefe beispielsweise war auch als Kritiker, Kurator, Berater und Händler tätig. Und auch in den 1960er Jahren bewegten sich Autoren wie Clement Greenberg oder Meyer Schapiro sowohl im Gegenstandbereich wie auch im Schreibstil zwischen Kunstgeschichte und Kunstkritik. Anders als heute wurden derartige Vermischungen jedoch nicht explizit thematisiert.

“Überschneidungen lassen sich gegenwärtig auch hinsichtlich des Problems der Teilhabe der Kritik am kritisierten – und zugleich häufig selbst kritischen – Gegenstand beobachten. „Dass die Kritik immer schon Teil des kritisierten Gegenstands ist, ist kein zeitspezifisches, vom heutigen Kunstmarkt generiertes Problem, sondern ein grundlegendes Wesensmerkmal der Kunstkritik,“ erläutert Söntgen. In letzter Zeit zeichnet sich eine Neubestimmung des kunstkritischen Selbstverständnisses und der kunstkritischen Praktiken ab. „Das wertende Urteil, einst Grundlage und Ziel der Kunstkritik, tritt seit einiger Zeit zugunsten einer der Kunstgeschichte nahen Reflexion von künstlerischen Konzepten und Kontexten sowie des eigenen Standpunktes zurück.“ Umgekehrt erkenne auch die Kunstgeschichte inzwischen an, dass sie, ähnlich wie die Kunstkritik, durch ihre Beschreibungen und Analysen zum Prozess der Wertschöpfung an symbolischem oder ökonomischem Kapital im Kunstmarkt beitrage.

Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten von Kritik ist ein Forschungsschwerpunkt Beate Söntgens. Unter ihrer Leitung entstand der an der Leuphana angesiedelte interdisziplinäre Forschungsverbund „Kulturen der Kritik“, an dem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Kunst-, Medien- und Literaturwissenschaft, der Philosophie, der Soziologie und der Wissenschaftsgeschichte beteiligen. Eine weitere Intensivierung der Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet ist geplant.

Weitere Informationen:

Söntgen, B. (2015). Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte: Eine Einleitung. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 78 (1), 9-15.

Personenhomepage von Prof. Dr. Beate Söntgen

Forschungsschwerpunkt „Kulturen der Kritik“ der Fakultät Kulturwissenschaften

Autorin: Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.