Meldungen aus der Forschung

Seit meinem 11. Lebensjahr wollte ich Forscherin/Naturwissenschaftlerin werden

16.09.2015 Brigitte Urban ist Professorin für Ökologie, insbesondere Landschaftswandel am Institut für Ökologie, Fakultät Nachhaltigkeit. Zu ihren Lehr- und Arbeitsgebieten zählen Biologie, Geowissenschaften, Bodenkunde, Global Change und Ressourcenmanagement. Sie ist Mitglied im Kuratorium des wissenschaftlichen Beirates des Leibnitz-Instituts für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (LIAG) und war Vizepräsidentin der Fachhochschule Nordostniedersachsen. In der Interview-Reihe "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit." beschreibt sie ihren Werdegang als Professorin.

"ALS PROFESSORIN ZU ARBEITEN ERFORDERT EINE NICHT NACHLASSENDE BEGEISTERUNG."

Was war Ihre persönliche Motivation diesen Beruf zu wählen? Wie kam es zu der Professorinnen-Laufbahn?
Seit meinem 11. Lebensjahr wollte ich Forscherin/Naturwissenschaftlerin werden (aus großer Neugier an allen naturwissenschaftlichen Phänomenen und der Kulturgeschichte des Menschen). Mich interessier(t)en Hintergründe (Driving Forces) der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Menschen, Umwelt- und Klimaveränderungen bzw. die Auswirkungen Jahrtausende alter anthropogener Eingriffe in Natur und Umwelt. Ich studierte daher Biologie mit dem nichtbiologischen Nebenfach Ur- und Frühgeschichte und besuchte Vorlesungen und Übungen zur Quartär- und Umweltgeologie, Bodenkunde und Paläontologie. Ab dem 2. Semester arbeitete ich als studentische Hilfskraft überwiegend im Geologischen Institut, mehrfach auch im Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln und lernte dabei geobiowissenschaftlich-bodenkundliche und archäobiologische Methoden (Dendrochronologie, Pollenanalyse u. a.) kennen. In dieser interdisziplinären Richtung weiter zu forschen und zu lehren führte mich über die Promotion an der Universität Hohenheim und Assistentinnenstelle am Institut für Bodenkunde an der Universität Bonn in die Professorinnen-Laufbahn.

Wo liegen Ihre Schwerpunkte in der Forschung bzw. im Transfer?
Umwelt-, Klima- und Landschaftsrekonstruktion, historische Geobotanik; Nutzung und Schutz der natürlichen Ressourcen (insbesondere des Bodens, des Wassers und der Luft); Landschaftswandel (Landscape Change).

Wenn Sie auf Ihren Werdegang zurückblicken: Gab es während Ihrer Laufbahnentwicklung zu irgendeinem Zeitpunkt kritische Phasen?
Siehe oben; fachlich gab es keine kritischen Phasen.

Welche Rolle spielt die Thematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie während Ihres Werdegangs?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre sehr schwer realisierbar. Ich gab meine Assistentinnenstelle in Bonn und damit meine Habilitationsmöglichkeit wegen der Familie auf. Dennoch forschte und lehrte ich weiter und führte ein DFG-Projekt durch.

Wie wichtig sind Netzwerke für Ihre berufliche Tätigkeit?
Ende der 70er Jahre gab es keinerlei Netzwerke junger Wissenschaftler_innen oder Förderprogramme. Netzwerke habe ich mir daher im Zuge meiner wissenschaftlichen Tätigkeiten (Forschungsprojektakquise, internationale Forschungszusammenarbeit und Kongressbesuche) unabhängig und selbstständig aufgebaut.

Um Ihren Beruf „realistisch“ darzustellen, hätte ich gerne eine „kritische Würdigung“ von Ihnen. Wenn Sie also einen kritischen Blick auf Ihren Beruf werfen, was würden Sie dazu sagen?
Ich sehe unseren Beruf heute als sehr stark mit administrativen Aufgaben belastet; die Zeit für die Forschung, das Publizieren, die Vorbereitung und Durchführung der Lehre, das Interagieren mit den Arbeitsgruppenmitgliedern wird dadurch eingeschränkt (Siehe auch unten).

Mehr Frauen in Professuren – ein bundes- und landesweites Ziel! Welche Maßnahmen sollten an Hochschulen Ihrer Meinung nach ergriffen werden?
Juniorprofessuren, speziell für junge Wissenschaftlerinnen, könnten eine Maßnahme sein. Die Berücksichtigung von Bewerberinnen bei Personaleinstellungen sollte intensiv verfolgt werden. Eine mindestens paritätische Beteiligung und Übernahme von Leitungsaufgaben in der Hochschulselbstverwaltung (Präsidium, Vizepräsidentschaft, Dekanatsführung usw.) und in Gutachter_innen-Gremien halte ich in diesem Kontext und aus eigener Erfahrung für zielführend.

Was würden Sie Frauen für den Beruf der Professorin bzw. für eine akademische Laufbahn mit auf den Weg geben?
Als Professorin zu arbeiten (d.h. zu lehren und zu forschen) erfordert eine nicht nachlassende Begeisterung und auch die Bereitschaft, private Interessen oftmals hintenan zu stellen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Eine Personalausstattung meiner Professur, mehr Zeit für die Forschung, mehr Kolleginnen.

Das Interview ist im Juni 2015 erschienen in der Broschüre "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit."  Die Interviews führten Nele Bastian und Corinna Kröger, Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg.


Prof. Dr. Brigitte Urban
Universitätsallee 1, C13.117
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2816
Fax +49.4131.677-1548
brigitte.urban@leuphana.de