Meldungen aus der Forschung

Familienzeiten sollten in einer wissenschaftlichen Karriere selbstverständlich sein

23.09.2015 Die Juniorprofessorin für Internationale Beziehungen, Vera van Hüllen, arbeitet seit 2013 am Institut für Politikwissenschaft und am Zentrum für Demokratieforschung der Leuphana Universität Lüneburg. Zu ihren Forschungsgebieten zählen Internationale Beziehungen, Regionale Kooperationen, Demokratieförderung, Menschenrechte und die Europäischen Union. Im Interview der Reihe "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit." erzählt sie, warum sie Professorin geworden ist und welche Rolle die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie spielen.

"WER GAR ZU VIEL BEDENKT, WIRD WENIG LEISTEN." (Friedrich Schiller)

Was war Ihre persönliche Motivation diesen Beruf zu wählen? Wie kam es zu der Professorinnen-Laufbahn?
Die Entscheidung, es weiter in der Wissenschaft zu versuchen, fiel irgendwann während der Promotion. Ich hatte in der Zeit das Glück, in einem sehr großen Team zu arbeiten, in dem Kollegialität und Zusammenarbeit selbstverständlich waren. Die Universität schafft einen Raum von Möglichkeiten, der im Rahmen einer Professur individuell gestaltet werden kann – um zum Beispiel ein möglichst anregendes Umfeld für wissenschaftliches Arbeiten zu schaffen. Ich habe immer wieder erlebt, dass sich Forschung nur im Austausch mit anderen wirklich weiterentwickelt hat. Von daher glaube ich an das Ideal einer Wissenschaft als Gemeinschaftsprojekt, zu dem neben kooperativer Forschung auch Selbstverwaltung, Lehre und Nachwuchsförderung gehören.

Wo liegen Ihre Schwerpunkte in der Forschung bzw. im Transfer?

Meine Forschungsschwerpunkte haben sich im Laufe der Zeit von der Europäischen Union (EU) in die Internationalen Beziehungen verschoben. Dabei interessieren mich insbesondere die Außenbeziehungen der EU, Internationale Demokratieförderung und Menschenrechtspolitik sowie regionale Kooperation und Konflikte im Nahen Osten und Nordafrika. Aktuell untersuche ich beispielsweise die Rolle der Arabischen Liga und des Golfkooperationsrates für die Demokratisierung bzw. Stabilisierung autoritärer Regime im Rahmen des Arabischen Frühlings.

Wenn Sie auf Ihren Werdegang zurückblicken: Gab es während Ihrer Laufbahnentwicklung zu irgendeinem Zeitpunkt kritische Phasen?
Jeder Übergang – von der Schule an die Uni, vom Studium in die Promotion etc. – war irgendwie ein kritischer Moment der Weichenstellung. Die Zeit als Postdoc nach der Promotion erscheint mir aber als die offenste und unsicherste Phase, die schließlich auch mit einer Juniorprofessur noch nicht abgeschlossen ist.

Welche Rolle spielt die Thematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie während Ihres Werdegangs?
Mein Umfeld an der Freien Universität Berlin hat mir erlaubt, eine sehr flexible Lösung für eine Pflegezeit zu finden, und dafür bin ich sehr dankbar. Diese Flexibilität macht vieles möglich, aber es muss in der Zukunft noch selbstverständlicher werden, dass Männer und Frauen Familienzeiten nehmen. Neben der gesellschaftlichen Anerkennung geht es auch ganz konkret darum, dass diese Auszeiten bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen berücksichtigt werden, denn in der Regel mindern sie nicht die Qualität der Arbeit, sondern lediglich den Umfang des „Outputs“.

Wie wichtig sind Netzwerke für Ihre berufliche Tätigkeit?
Netzwerke sind wichtig. Wie gesagt, damit Wissenschaft gelingt, braucht es Austausch und dafür wiederum Kontakte zu Menschen, die wir kennen, mit denen wir schon gearbeitet haben und die wir einschätzen können. Auf Initiative von Doktorand_innen aus Heidelberg, Frankfurt und Berlin haben wir beispielsweise in der Anfangszeit unserer Promotionen das Netzwerk „Externe Demokratisierungspolitik“ aufgebaut. Inzwischen sind wir alle über die Promotion hinaus und über Europa verstreut, aber wir treffen uns weiter regelmäßig für inhaltlichen Austausch und gemeinsame Projekte. Dank verschiedener Fördermittel können wir auch immer wieder Gäste einladen und so den Kreis unserer Kontakte erweitern und in einem gewissen Rahmen selber bereits Nachwuchsförderung betreiben.

Um Ihren Beruf „realistisch“ darzustellen, hätte ich gerne eine „kritische Würdigung“ von Ihnen. Wenn Sie also einen kritischen Blick auf Ihren Beruf werfen, was würden Sie dazu sagen?
Natürlich herrscht in der Wissenschaft und an den Universitäten ein permanenter Wettbewerb um knappe Ressourcen – nicht zuletzt die eigene Stelle. Diese Konkurrenz unter Kolleg_innen macht die Verwirklichung eines kooperativen Arbeitsumfeldes schwierig. Die Tendenz, „Leistung“ anhand quantifizierbarer Kriterien zu messen, tut ihr Übriges dazu. In dem Versuch, den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden, besteht die Gefahr, dass bei allem „Erfolg“ letztlich die Qualität von Forschung und Lehre leidet.

Mehr Frauen in Professuren – ein bundes- und landesweites Ziel! Welche Maßnahmen sollten an Hochschulen Ihrer Meinung nach ergriffen werden?
Viele Frauen gehen der Wissenschaft ja erst nach der Promotion verloren – hier sollten wir genauer hinschauen, was passiert. Aber grundsätzlich sind an den Hochschulen schon einige Maßnahmen getroffen worden, die in meinen Augen langfristig dazu beitragen können, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben Gleichstellungsbeauftragte, wir haben Transparenzregeln für Einstellungs- und Berufungsverfahren. Das schafft Rechtfertigungsdruck und verändert so hoffentlich nach und nach auch das Denken aller Beteiligten – wenn es denn immer wieder energisch eingefordert wird.

Was würden Sie Frauen für den Beruf der Professorin bzw. für eine akademische Laufbahn mit auf den Weg geben?
Neben der wissenschaftlichen Qualifikation bedarf es einer gewissen Überzeugung und Begeisterung für die Sache, eines Netzwerkes von Kolleg_innen und Mentor_innen, denn für Einzelkämpferinnen sehe ich wenig Chancen, sowie des Pragmatismus und Durchhalte­vermögens, denn auf dem Weg wird es immer wieder zu Frustrationen kommen. Das gilt für Frauen und Männer. Was mir unter Frauen dagegen besonders weit verbreitet zu sein scheint, sind permanente Selbstzweifel – auch gute Frauen müssen oft noch lernen, mehr auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, damit sie den Weg entsprechend selbstbewusst gehen.

Das Interview ist im Juni 2015 erschienen in der Broschüre "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit."  Die Interviews führten Nele Bastian und Corinna Kröger, Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg.


Prof. Dr. Vera van Hüllen
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