Meldungen aus der Forschung

„Nachhaltigkeit sollte stärker in der Verfassung verankert werden“

01.10.2015 Professor Doktor Thomas Schomerus forscht an der Leuphana Universität Lüneburg zu Energie- und Ressourceneffizienz. Im Interview spricht er darüber, was technologisch, gesellschaftlich und rechtlich passieren müsste, um Nachhaltigkeit zu fördern.

Prof. Dr. Thomas Schomerus ist Professor für öffentliches Recht, insbesondere Energie- und Umweltrecht an der Leuphana Universität Lüneburg. 2005 erhielt er die Ehrendoktorwürde, 2014 wurde er zum Richter am Oberverwaltungsgericht ernannt. Seine Forschungsgebiete sind das Recht der Erneuerbaren Energien, Energie- und Ressourceneffizienz sowie Informations- und Abfallrecht.

Herr Schomerus, wie nachhaltig sind erneuerbare Energien wirklich?
Nehmen wir als Beispiel Energiesparlampen, die überall eingesetzt wurden. Dann kam raus: Sie enthalten Schadstoffe. Jetzt haben wir LED-Lampen, die sind energie- und ressourceneffizient, sind aber sehr hell und können zu stärkerer Lichtverschmutzung führen. Das muss ganzheitlich und langfristig gedacht werden, erst dann können wir von Nachhaltigkeit sprechen. Es ist immer ein Konflikt zwischen Energie- und Ressourceneffizienz. Sehr wichtig ist Langlebigkeit, denn die Frage ist: Wo macht neu statt alt Sinn? Habe ich einen alten Kühlschrank, der viel Energie verbraucht, macht ein neuer wahrscheinlich Sinn. Aber die gesamte Problematik ist zu komplex für eine einfache Lösung, es ist immer eine Vernetzung von verschiedenen Faktoren.

Das ist für mich als Verbraucher das große Problem: Die Thematik ist zu komplex, um Hintergründe zu verstehen und Unternehmen vertrauen zu können.
Das sehen wir auch als Auftrag der Universität: Die Forschung, aber auch die Transferleistung nehmen wir sehr ernst. Wichtig ist auch die Vernetzung von Akteuren, denn durch Schwarmintelligenz entstehen innovative Ideen. Ganz richtig, das Vertrauen ist nicht immer da, sehen Sie sich nur VW an, ein schreckliches Beispiel. Nehmen wir den Rebound- oder auch Backfire-Effekt: Ein Unternehmen erzielt Einsparungen durch Effizienzsteigerung. Wenn ich jetzt aber die eingesparten Gelder in nicht nachhaltige Projekte investiere, konterkariere ich durch die Wiederverwendung des Geldes die ursprüngliche Effizienzsteigerung. Wir müssen immer die Ganzheit und Vernetzung sehen, die Aufgabe dabei ist, Ansatzpunkte zu erkennen. Ein Projekt, an dem wir in der Nachhaltigkeitsfakultät zu diesem Thema gerade arbeiten, nennt sich Leverage Points for Sustainability Transformation.

Sie sprechen von innovativen Ideen durch Vernetzung der Akteure: Wird Technologie also das Problem lösen?
Ohne ein Umdenken in den Köpfen geht es nicht. Eine Idee an der wir arbeiten ist zum Beispiel die Instrumentalisierung von Neid: Viele Gebäude und Wohnungen haben einen Energieausweis, der liegt irgendwo in irgendeiner Schublade. Die Idee besteht nun darin, die eigene Energieeffizienz nach außen zu tragen, also in Form von einer Plakette, die an die Wohnungs- oder Haustür geklebt wird. So sieht Familie Müller, wie nachhaltig Familie Peters lebt, und werden dadurch vielleicht angeregt, ebenfalls nachhaltiger zu leben.

So wie jemand, der das blank polierte Auto des Nachbars sieht, und dann anfängt sein eigenes zu putzen?
Genau. Das wäre eine Idee.

Wie kann man die Bürgerinnen und Bürger bei solchen Ideen mitnehmen?
Der Volksentscheid, der in Hamburg für die Rückkäufe von privatisierten Energiekonzernen durchgeführt wurde, gibt ein tolles Beispiel. Es ist ein guter Weg, Bürger in die Mitverantwortung zu ziehen.

Sie haben zusätzlich den Vorschlag gemacht, Nachhaltigkeit stärker in der Verfassung zu fixieren.
Dadurch würde die Nachhaltigkeit in der Rechtsordnung einen höheren Rang einnehmen und eine bessere Argumentationsgrundlage geben, als es derzeit der Fall ist. Wenn es der Wunsch einer Gesellschaft ist, kann eine Verfassungsänderung auch durchgesetzt werden. Es könnten also Themen der Nachhaltigkeit, wie die Energiewende, stärker in der Verfassung verankert werden.

Professor Schomerus, vielen Dank für das Interview!

Autor: Jannik Böker (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um
Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.