Meldungen aus der Forschung

Wenn Klaus Mann getwittert hätte... Dr. Tilmann Lahme im Interview

06.11.2015 Der Leuphana-Wissenschaftler hat für sein neues Buch bisher unzugängliche Quellen ausgewertet.

Herr Dr. Lahme, Ihr neues Buch "Die Manns. Geschichte einer Familie" sorgt für Aufsehen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nicht eine weitere Einzelperson in den Blick zu nehmen, sondern auf alle acht Manns als Familie zu schauen?

Ich wollte eine Familiengeschichte schreiben, in der die unterschiedlichen Perspektiven vorkommen. Die Geschichte der gesamten Familie von Thomas Mann ist in vielen Facetten noch nicht behandelt worden. Mein Buch betont das Familiäre, das Vielstimmige. Es behandelt die große Literatur und die Weltpolitik neben dem Privaten, neben Liebe, Eifersucht, Drogen, wie es sich in der familiären Realität darstellte. Ein Beispiel: Thomas Mann schreibt Ende 1936, beraten von seinem Sohn Golo, den Bonner Brief, seine berühmte Anklage gegen Hitler-Deutschland. Zwischendurch muss er sich mit seiner Frau um die Tochter Monika kümmern, die eine Krise durchleidet. Die Familie macht sich Sorgen um den jüngsten Sohn Michael, ein begabter Musiker, aber er ist gerade von der Musikschule geflogen, weil er den Direktor geschlagen hat. Und Klaus Mann leidet zur gleichen Zeit in den USA, weil er nur als Sohn wahrgenommen wird: Keiner will seinen Roman „Mephisto“ auf Englisch veröffentlichen, aber Vorträge über den berühmten Vater, die will man von ihm hören – und so betäubt er sich mit Drogen und Sex auf dem Männerstrich …

Volker Weidermann hat im „Spiegel“ die Manns als Vorläufer der Selfie-Generation gedeutet. Wieviel ist da dran? 

Ein Freund von Golo Mann hat einmal gesagt: Das Verrückte an den Manns ist gar nicht, dass sie alle schreiben. Das Verrückte ist, dass sie das alles immer auch veröffentlichen müssen. In diesem Sinne kann man die Familie Mann und ihre Neigung, die ganze Welt an ihrem Leben teilhaben zu lassen, ein wenig zugespitzt als Vorläufer von uns sehen, die wir unser Leben auf Facebook oder Instagram öffentlich machen. Der Unterschied ist: Bei den Manns geht es meist über den Weg der Literatur, nicht über das Selfie. Es ist aber interessant, sich vorzustellen, was die Manns mit unseren heutigen Kommunikationsmöglichkeiten angestellt hätten. Vielleicht hätte Klaus Mann zum Beispiel mit Twitter eine literarische Möglichkeit gefunden, sich vom überragenden Vater abzugrenzen. Wenn Thomas Mann, der große Sprachkünstler, eines nicht konnte: sich kurz fassen. 

In Ihrem Buch geht es immer wieder um Geld, vor allem darum, dass die Kinder Geld von der Mutter fordern. Michael Mann ist dabei besonders erfolgreich. Er schickt seiner Mutter lange Wunschzettel, in denen er auflistet, was er alles braucht. Ist das mehr als Schamlosigkeit oder Unbescheidenheit?

Es ist zum einen das Verhalten eines verwöhnten Kindes aus reichem Hause, das man auch aus anderen Familien kennt. Michael Mann kauft sich mit gerade einmal 18 Jahren mit dem Geld der Eltern im Pariser Exil einen Sportwagen, einen Bugatti. Als die Mutter empört reagiert, argumentiert er: Ja, wenn ich mir ein Motorrad gekauft hätte, wäre das doch noch unsinniger gewesen… Dafür, dass man als Flüchtling, selbst wenn man in einem privilegierten Exil lebt wie die Manns, jetzt auf das Geld etwas achten muss, hat er keinen Sinn. Zum anderen ist dieser lockere Umgang mit dem Geld der anderen etwas, das die gesamte Familie auszeichnet, nicht zuletzt Thomas Mann. Trotz seiner lebenslang hohen Einnahmen als Autor erwartet er, dass man ihn zusätzlich finanziell unterstützt. Der amerikanischen Mäzenin Agnes Meyer schreibt Thomas Mann 1941 einen langen Brief, der auf die Forderung hinausläuft, sie möge ihm in Kalifornien ein Haus schenken. Was sie dann, indirekt, auch tut – und in vielen anderen Fällen ist sie den Manns ebenfalls eine enorme Hilfe. Mit großer Dankbarkeit kann sie aber nicht rechnen. Die Familie von Thomas Mann trägt ein riesiges Selbstbewusstsein vor sich her: Wir sind die Manns, die „amazing family“, man ist es uns schuldig, sich um unsere hohen Bedürfnisse zu kümmern. 

Was fasziniert die Leserinnen und Leser an dieser Familie?

Eine großartige Geschichte: Das literarische Genie Thomas Mann im Zentrum, so viele Talente in seiner Familie – und das alles verwoben in die Turbulenzen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, als die Manns als Gegner des Nationalsozialismus so etwas wie die Repräsentanten eines besseren Deutschlands wurden. Wir haben heute aber Abstand genug, um auch auf die Schattenseiten zu schauen, nicht nur die Heldengeschichte der Manns zu sehen, an der sie selbst mit vielen Lügen und Legenden mitgestrickt haben. Wenn man hinter die geschickte Inszenierung dieser Familie und auf die Abgründe blickt, die harten Auseinandersetzungen, die über Briefe und oft auch literarisch ausgetragen werden, oder die persönlichen Folgen sieht, die das Schicksal als Flüchtling für die Manns bedeutet hat, dann wird die Geschichte in meinen Augen wahrhaftiger, lebendiger und faszinierender.

Herr Dr. Lahme, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Stefanie Hennig (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.