Meldungen aus der Forschung

Aktuelle Studie stellt Wissen über globale Artenvielfalt in Frage

10.12.2015 Lüneburg. Bis heute wissen wir nicht genau, mit wie vielen Arten von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen wir uns die Welt teilen. Ein genaues Verständnis dieser globalen Biodiversität stellt die Wissenschaft vor eine große Aufgabe. Hinzu kommt, dass das Zusammenwirken von Organismen in Ökosystemen durch vielfachen menschlichen Einfluss zunehmend bedroht ist und wirksamer Schutzstrategien bedarf. Wissenschaftler der internationalen Forschergruppe „BEF-China“, darunter zahlreiche Forscher der Leuphana Universität Lüneburg, zeigen nun in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Nature Communications, dass die vorliegenden Schätzungen der globalen Biodiversität möglicherweise von falschen Annahmen ausgegangen sein könnten.

Die bisherigen Ansätze basieren in vielen Fällen auf Hochrechnungen von lokalen Beziehungen zwischen dem meist gut bekannten Artenreichtum höherer Pflanzen und den geschätzten Artenzahlen von auf diesen Pflanzen lebenden Insekten in den artenreichsten Ökosystemen der Erde, den tropischen Wäldern. Umstritten ist allerdings, ob der Artenreichtum verschiedener Organismengruppen wie Insekten, Spinnen, Pilze oder Bakterien tatsächlich basierend auf einer einfachen Beziehung zum Artenreichtum von höheren Pflanzen vorhergesagt werden kann. Die aktuelle Studie zeigt nun, dass sich diese Beziehung mit zunehmender Größe der betrachteten Waldfläche stark verändert. Versucht man, aus der Zahl an Baum- und Straucharten dieser Wälder die Zahl an Arten aller anderen Gruppen vorherzusagen, erleidet man Schiffbruch. Die Ergebnisse deuten an, dass regionale und eventuell globale Annahmen zur Biodiversität möglicherweise um bis zu 50 Prozent unter- oder überschätzt werden, wenn sie nur auf dem bislang sehr begrenzten Wissen weniger Gruppen von Arten basieren.

„Die Besonderheit unseres in China gelegenen Projektgebietes ist, dass es die aktuelle Situation der Wälder auf der Erde besser widerspiegelt als die bislang vorwiegend untersuchten tropischen Tieflandregenwälder“, so PD Dr. Andreas Schuldt, unter dessen Federführung die Studie durchgeführt wurde. „47 Prozent der Wälder in den feuchten Tropen und Subtropen befinden sich in Gebirgen und damit in einer sehr vergleichbaren Situation wie der unseres Projektgebiets. Wir können nun davon ausgehen, dass in solchen Situationen unterschiedlicher Höhe, Hangneigung und Sonnenausrichtung Artenzahlen anders mit der Fläche zunehmen, als in Flachland-Regenwäldern“. Bislang konzentrierte sich ein Großteil der Regenwaldforschung auf die leichter zugänglichen Regenwälder im Flachland. Die neue Studie zeigt die Notwendigkeit, intensivere Untersuchungen auch in den Berg-Regenwäldern durchzuführen.

Das Forscher-Team hat im Rahmen seiner Untersuchungen eine komplette Inventur einer Vielzahl von Pflanzen- und Tiergruppen, sowie erstmals auch von Pilzen und Bakterien im Boden, auf 27 Probeflächen im Naturschutzgebiet Gutianshan in der Provinz Zhejiang westlich von Shanghai vorgenommen. Dabei wurden über 77,000 Individuen und mehr als 1000 Pflanzen- und Tierarten sowie über 6000 taxonomischen Einheiten an Mikroorganismen registriert. Ermöglicht hat das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie finanziert die Forschergruppe BEF-China seit acht Jahren. Ein Ziel der Forscher bleibt es, die Artenzahlen auf großen Flächen, wie die ganzer Gebiete, Kontinente oder der Erde, aus den Umweltbedingungen direkt vorherzusagen. Die Methoden an räumlicher Statistik, die in dieser Studie kombiniert wurden, haben dafür ein Fundament gelegt.

Direkt zur Studie: dx.doi.org/10.1038/ncomms10169

Schuldt, A., Wubet, T., Buscot, F., Staab, M., Assmann, T., Böhnke-Kammerlander, M., Both, S., Erfmeier, A., Klein, A.M., Ma, K.P., Pietsch, K., Schulze, S., Wirth, C., Zhang, J.Y., Zumstein, P. & Bruelheide, H. (2015): Multitrophic diversity in a biodiverse forest is highly nonlinear across spatial scales. - Nature Communications 6:10169, DOI: 10.1038/ncomms10169.

Links
BEF China
www.idiv.de/de/forschung/forschungsplattformen/bef_china.html

Weitere Informationen

PD Dr. Andreas Schuldt
Institut für Ökologie, Leuphana Universität Lüneburg
Fon +49-4131-677-2965
www.leuphana.de/andreas-schuldt

Prof. Dr. Helge Bruelheide
Professor für Geobotanik, Institut für Biologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg & Stellvertretender Direktor iDiv
Tel.: +49-345–55-26222
www.botanik.uni-halle.de/geobotanik/helge_bruelheide/