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Forscherin erklärt Unternehmergeist: Woran man einen Entrepreneur erkennt

17.12.2015 Dr. Silke Tegtmeier arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Exist – Gründungskultur“ an der Leuphana. Sie forscht zu Entrepreneurship, mit einem Schwerpunkt auf „entrepreneurial mindsets“. Im November 2015 wurde Silke Tegtmeier in das Steering Committee (President-elect) des European Council for Small Business and Entrepreneurship (ECSB) gewählt. Der ECSB ist die größte europaweite Vereinigung von Forschern, Lehrenden und Praktikern im Bereich Entrepreneurship. Die Non-profit Organisation will die Wettbewerbsfähigkeit von kleinen und mttelständischen Unternehmen (KMU) in Europa verbessern. Flaggschiff ist die RENT - RESEARCH IN ENTREPRENEURSHIP AND SMALL BUSINESS – Konferenz. Im Interview erklärt Dr. Tegtmeier, was einen Entrepreneur auszeichnet – und warum sie in erster Linie Forscherin und nicht Unternehmerin ist.

Frau Tegtmeier, Sie forschen seit mehr als 10 Jahren zu den Themen Gründung und Entrepreneurship. Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Entrepreneurship, Unternehmertum und Existenzgründung?
Zunächst lässt sich sagen, dass eine Existenzgründung immer personenbezogen ist. Der Begriff Existenzgründung meint darüberhinaus nicht ausschließlich Unternehmensgründung, sondern kann auch eine Unternehmensnachfolge sein. Es geht hier schlicht um den Übergang in die hauptberufliche Selbständigkeit.

Entrepreneurship im Sinne Schumpeters fragt nach dem Kern unternehmerischen Denkens und Handelns. Also das Erkennen von unternehmerischen Gelegenheiten. Ein Entrepreneur versucht, seine Kreativität und Innovationen am Markt umzusetzen. Im Schumpeter’schen Sinne spricht man von der „kreativen Zerstörung“ – Neues entsteht durch die Zerstörung des Alten. Wenn in einem Unternehmen nichts mehr geändert wird, ist der Entrepreneur irgendwann nur noch ein Manager.

Entrepreneure sind also innovativer als Manager. Handelt es sich bei dem sprichwörtlichen „Unternehmergeist“ um eine angeborene Eigenschaft?
Nein. Man kann nicht sagen, dass es einem in die Wiege gelegt wird. Manchmal wird behauptet, Unternehmer hätten per se eine höhere Risikobereitschaft. Das stimmt aber nicht, denn auch als Unternehmerin oder Unternehmer sollte ich nur kalkulierbare Risiken eingehen. Auch das Leistungsmotiv lässt sich auf viele Berufsgruppen übertragen. Maßgeblich ist vielleicht eher die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Selbständigkeit: Wie gehe ich mit dem hohen Workload um? Wie wichtig ist mir Unabhängigkeit? Was sagt mein soziales Umfeld dazu? Ist die Selbständigkeit für mich zu diesem Zeitpunkt real überhaupt umsetzbar?

Und wenn sie es nicht ist? Dann bin ich kein Entrepreneur?

Zunächst ist zumindest ein Teil des Unternehmerischen in mir, das sogenannte Entrepreneurial Mindset. Vielleicht bin ich jemand, der ständig neue und gute Ideen hat, damit aber nicht sein Geld verdient. Weit gefasst lässt sich zum Beispiel auch die Arbeit von einigen studentischen Initiativen dem unternehmerischen Denken zuordnen, auch wenn hier kein Gewinn abfällt. In unserem EXIST IV-Projekt verfolgen wir angelehnt an die EU-Definition solch ein breites Verständnis von dem Begriff „Entrepreneurship“. Hier ist meiner Auffassung nach aber auch Vorsicht geboten, denn Entrepreneurship sollte auch nicht beliebig werden. Ich finde, als Entrepreneur muss meine Idee auch in eine praktische Umsetzung am Markt münden. Es sollten also Werte geschaffen werden.

Wenn man soviel darüber weiß, hat man dann nicht auch Lust irgendwann selbst zu gründen? Könnten Sie sich das für sich selbst auch vorstellen?
Ich habe das durchaus manchmal im Hinterkopf. Allerdings würde ich nicht als klassische Gründerin ein Unternehmen aufbauen, sondern kann mir eher eine Unternehmensbeteiligung vorstellen. Ich würde Kapital und meine Beratungsleistung in ein Unternehmen einbringen, vergleichbar mit einem„Business Angel“. Eine eigene Gründung könnte ich mir nebenbei aber nicht vorstellen. Mein Job an der Universität fordert mich zu 120%.  Ich habe nach meinem Studium das universitäre Umfeld gesucht. Ich mag den Kontext Hochschule und habe meine Biographie danach ausgerichtet. In meiner derzeitigen Position ist eine Existenzgründung nicht denkbar, weil ich jemand bin, der sich ganz auf etwas einlässt.

Sie haben sich für die Forschung entschieden. Was unterscheidet Ihren Blick auf Entrepreneurship als Forscherin von dem desjenigen, der selbst Entrepreneur ist?
Als Unternehmer oder Unternehmerin steht das persönliche Interesse am Unternehmertum im Vordergrund, besonders die erfolgreiche Umsetzung einer Geschäftsidee. Als Forscherin nehme ich vor allem eine wissenschaftliche Perspektive auf das Phänomen ein. Durch diese Brille betrachtet geht mein Interesse über die Besonderheiten des Einzelfalls hinaus. Ich interessiere mich für Bestimmungsgründe, Besonderheiten und Erfolgsdeterminanten des Entrepreneurship insgesamt. Vereinfacht gesagt: Jeder Einzelfall ist anders, aber es gibt Gemeinsamkeiten, die Entrepreneurship auszeichnen.

Sind Forscher nicht auch Unternehmer, vor allem was ihre Selbständigkeit, Freiheit und Neugierde angeht?
In erster Linie trete ich als Forscherin nicht am Markt auf und nutze damit keine unternehmerische Gelegenheit zur Schaffung von Werten für einen Kundenkreis. Allerdings sehe ich durchaus auch Parallelen besonders in den Punkten, die Sie ansprechen. Als Forscherin bin ich im Wesentlichen frei und selbständig in der Auswahl und Bearbeitung der Forschungsfragen, die mich persönlich interessieren. Natürlich gibt es hier einschränkende Rahmenbedingungen, die gibt es in der unternehmerischen Praxis aber ja auch. In meiner Position denke und handele ich auch unternehmerisch innerhalb einer etablierten Organisation, hier: der Universität. Mit der Leuphana Conference on Entrepreneurship habe ich eine eigene Idee konzeptionell, inhaltlich und organisatorisch umgesetzt und möchte damit einen Mehrwert für die Teilnehmer schaffen. Auch ich werbe finanzielle Mittel ein, stelle Kalkulationen auf usw. Als Wissenschaftlerin hängt mein Gehalt nicht davon ab, aber projektbezogen bin ich auch nah am Unternehmerischen.

Wieso sind Sie nach Ihrem Studium in das universitäre Umfeld gegangen?

Das universitäre Umfeld ist sehr dynamisch. In Lehre und Forschung lässt sich ständig Neues ausprobieren und ich schätze die Freiheit, die mir meine Tätigkeit in beiden Bereichen gibt. Ich kann mich immer wieder ausprobieren und kontinuierlich weiterentwickeln. Das finde ich spannend, ebenso wie die Impulse, die mir Forschende, Lehrende und Studierende geben durch die Fragen und Ideen, die sie einbringen.

Welche Branche bietet derzeit die besten Gründungs-Chancen in Deutschland und weltweit?
Wenn ich von einer „grünen Wiese“ ausgehe und keine persönlichen Vorlieben habe, würde ich bei der Trendforschung anfangen. Also, welche gesellschaftlichen Themen gibt es, die uns deutschlandweit oder global umtreiben? Der Demografische Wandel wäre so ein Beispiel. Ich würde nach einer Geschäftsidee suchen, die sich gezielt an ältere Menschen richtet. Oder das Thema Umwelt oder aktuell in Deutschland das Thema Flüchtlinge. Welche Dienstleistungen oder Produkte können die Flüchtlinge gebrauchen oder andersherum, welches Know-How und welche Ideen bringen die Flüchtlinge mit und welches Potential liegt darin?

Nur mal angenommen, in welcher Branche würden Sie persönlich gründen?
Wenn ich mich privat umschaue, würde ich vielleicht im Bereich des Wassersports etwas ausprobieren, denn durch das Hobby meines Freundes kenne ich mich mit Kite surfing ein bisschen aus Manchmal haben auch meine Studierenden tolle Ideen, wo man sofort Lust hätte, sich unternehmerisch zu engagieren.

Das Interview führte Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.