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„Es muss ein klares ‚Ja‘ zu dieser Einwanderung geben.“

13.01.2016 Seit Oktober 2015 ist Prof. Dr. Manuela Bojadžijev als Juniorprofessorin für Globalisierte Kulturen am Institut für Soziologie und Kulturorganisation (ISKO) der Leuphana tätig. Im Interview spricht sie über Lehren aus früheren Erfahrungen mit Migrationsbewegungen und sagt, worauf es in der jetzigen Situation ankommt.

Prof. Bojadžijev, in Ihrer bisherigen Forschungsarbeit haben Sie sich intensiv mit Migration und Rassismus in der deutschen Nachkriegsgeschichte auseinandergesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge: Was können wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen?

Wenn wir Migration in der deutschen Nachkriegsgeschichte betrachten, gibt es drei Bezugsgrößen, die eine Rolle spielen. Die eine ist die Flüchtlingsmigration nach dem 2. Weltkrieg, die zweite ist die Gastarbeitermigration. Die dritte wird erstaunlicherweise selten erwähnt, ist für uns aber die lehrreichste. Ich spreche von der Migration in den 90er Jahren, als zahlreiche Flüchtlinge aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zu uns kamen. Der Jugoslawienkrieg und die daraus resultierende Flüchtlingsbewegung war in gewisser Weise bereits ein Prototyp unserer heutigen Situation. Einer der größten Fehler von damals war, dass den Leuten nur ein temporärer Aufenthalt gewährt wurde. Dies führte dazu, dass viele Personen zum Teil Jahrzehnte lang mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus hier lebten und nicht in der Lage waren, ihr Leben in Deutschland vernünftig zu organisieren, weil sie in unerträglich häufigen Abständen ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern mussten. Dieser Fehler darf auf keinen Fall wieder gemacht werden. 

Was kann die Politik, was können wir als Aufnahmegesellschaft also dieses Mal besser machen?

Es muss ein klares „Ja“ zu dieser Einwanderung geben und dieses „Ja“ muss dann auch ausgestaltet werden. Unsere Gesellschaft muss in allen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Bereichen gegenüber der Einwanderung geöffnet werden – und zwar aufgrund der Tatsache, dass wir Migration schlichtweg nicht aufhalten können. Historisch hat es immer Migrationsbewegungen gegeben und es wird sie weiterhin geben. Die Globalisierung verstärkt diese Entwicklung noch. Mit dieser Tatsache müssen wir einen proaktiven Umgang finden. Die enorme Unterstützung der Flüchtlinge, die im Laufe der letzten Monate aus der Zivilgesellschaft gekommen ist, zeigt ja, dass viele Mitglieder unserer Gesellschaft dies bereits begriffen haben. An dieser Stelle muss Unterstützung erfolgen und diese Personen müssen gestärkt werden. Die Grenzen, auf die sie stoßen, sind richtungsweisend für anzugehende Transformationen. Hier muss Begleitforschung her.

Und langfristig gesehen?

Wir müssen begreifen, dass Migration kein Randphänomen ist, sondern dass diese Personen langfristig als Bürger dieses Landes verstanden werden müssen. Meine Einschätzung ist, dass die Migration ein Seismograph für den Zustand unseres demokratischen Gemeinwesens – in Deutschland und Europa – insgesamt ist. Das bedeutet, wir müssen die Perspektive auf die Migrationsforschung verändern, weg von den Migranten auf die Gesellschaft. Die zentrale Frage lautet: Wie organisieren wir die Gesellschaft so, dass wir die Leute einbinden können? Wenn es Missstände gibt in den Fragen der sozialen Versorgung, dann können diese nicht als Spezialfälle in Bezug auf die Migrantinnen und Migranten behandelt werden, sondern müssen als gesamtgesellschaftliche Herausforderungen angegangen werden. Konkret meine ich: Wenn wir sowieso ein Problem mit Wohnraum haben – und das hatten wir ja schon, bevor diese Flüchtlingsbewegung kam – dann muss Wohnraum geschaffen werden. Ähnliche Fragen betreffen die Bereiche Bildung und Gesundheit, wenn wir nicht riskieren wollen, dass es zu einer strukturellen migrantischen Unterschichtung der Gesellschaft mit allen dazugehörigen Effekten kommen soll.

Häufig zu hören ist in der aktuellen Diskussion die Forderung nach einer besseren Integration der Migrantinnen und Migranten in unsere Gesellschaft. Sie stehen dem Begriff der „Integration“ kritisch gegenüber. Was ist das Problem aus Ihrer Sicht?

Das Grundproblem ist das asymmetrische Verhältnis, das dem Begriff inhärent ist. Er suggeriert eine Homogenität der Gesellschaft, die es so gar nicht gibt. Es wird ein Gegensatz konstruiert zwischen „uns Deutschen“, die wir allesamt angeblich demokratisch, antirassistisch, nicht homophob, nicht sexistisch und für Geschlechtergerechtigkeit sind, und „den Migrant_innen“, die diese Werte eben alle nicht teilen und sie erst lernen müssen. Das ist natürlich Quatsch. Stattdessen sind beide Gruppen, also die der Einheimischen und die der Einwandernden, in sich sehr heterogen.

Was muss geschehen, damit sich Migrantinnen und Migranten in Deutschland ein erfolgreiches und sicheres Leben aufbauen können?

Wir müssen die Bedingungen schaffen, unter denen sich diese Personen bestmöglich in die Gesellschaft einfinden können. Bisher sind wir aber weit davon entfernt. Es gibt eine konstante, strukturelle Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten in unserer Gesellschaft. Diese müssen endlich weiter in Hinblick auf die Frage untersucht werden, wir wir die Bereiche Bildung, Wohnen, Arbeit, Gesundheit, vielleicht auch Transport so umbauen müssen, dass diese Benachteiligungen beseitigt werden. Benachteiligungen werden etwa durch die geltende Ausländer- und Sozialgesetzgebung zementiert. Beispielsweise gibt es in Deutschland 59 verschiedene Formen des befristeten Aufenthalts. Stellen Sie sich das einmal vor! Es gibt viele Fälle, in denen beispielsweise eine Mutter einen anderen Aufenthaltstitel hat als ihre Tochter. Dabei geht es um sozialrechtliche Fragen, d. h. mit dem einen Aufenthaltstitel sind mehr Rechte verknüpft als mit dem anderen. Es entsteht also eine flexible Hierarchie, innerhalb derer wir soziale Ungleichheit produzieren und reproduzieren. Und dabei ist die Dimension des Rassismus, die in Deutschland trotz einer langen Tradition kritischer theoretischer wie empirischer Arbeiten in der Wissenschaft kaum untersucht wird, noch gar nicht berücksichtigt. Hier gibt es also viel, was von gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Seite geleistet werden muss.

Für Sie ist die Dimension der Handlungsfähigkeit von Migrantinnen und Migranten sehr wichtig. Wie können sie selbst dazu beitragen, sich in unserer Gesellschaft einzufinden?

Einerseits gibt es in der Art und Weise, wie sie überhaupt hierherkommen, eine Handlungsfähigkeit. Dieser Sommer ist ja wirklich beispielhaft dafür gewesen: die Menschen wollten einfach nicht mehr am Budapester Bahnhof sitzen, sondern machten sich aus eigener Kraft auf den Weg und wählten ihre Ziele. Handlungsfähigkeit wird aber auch sichtbar in der Art und Weise, wie die Migrantinnen und Migranten dann ihr Leben hier gestalten. Da geht es um alle Frage des Lebens, die ich ja auch bereits angesprochen habe, es geht um Wohnen, Bildung, Spracherwerb, Kenntnisse der rechtlichen Situation oder den Zugang zur Gesundheitsversorgung. In der Geschichte der Migration kann man zeigen, dass es sehr viele selbst organisierte Praktiken der Integration gegeben hat. Migrantinnen und Migranten haben beispielsweise Zentren, Vereine oder Organisationen gegründet, in denen sie die Versorgung in all diesen Bereichen gewährleistet haben, weil sie anders nicht gewährleistet wurde. Im Kern geht es immer wieder darum Grenzen zu überwinden. Und dabei sind eben nicht nur territoriale Grenzen gemeint, sondern auch rechtliche oder gesellschaftliche Grenzen, die die Migrantinnen und Migranten mit ihrer selbstorganisierten Kraft überwinden. Hier lässt sich für die Gesamtgesellschaft viel lernen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Bojadžijev!

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Prof. Dr. Manuela Bojadžijev ist seit Oktober 2015 als Juniorprofessorin für Globalisierte Kulturen am Institut für Soziologie und Kulturorganisation (ISKO) der Leuphana tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Rassismus- und Migrationstheorie, der europäischen Migrationsgeschichte sowie der Postcolonial Studies.

Nach Studium und Promotion im Fach Politikwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt/M. war Manuela Bojadžijev zunächst in dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt „Migration“ tätig. Im Teilprojekt „Transit Migration“ arbeitete sie gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern zur Entstehung eines neuen Europäischen Grenzregimes und zu Bewegungen transnationaler Migration über die Grenzen der EU hinweg. Ein besonderer Fokus Bojadžijevs lag schon damals auf der aktuell in den Medien so häufig thematisierten sogenannten „Balkanroute“. Nach Stationen in Goldsmiths, University of London, und an der City University London führte sie ihr wissenschaftlicher Karriereweg an die Freie Universität Berlin. Zuletzt war Professor Bojadžijev als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität Berlin tätig. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gründete sie dort 2014 das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM).

Weitere Informationen:

Personenhomepage von Prof. Dr. Manuela Bojadžijev

Das Interview führte Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.