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Nachhaltige Entwicklung: Nicht das „Ob“, sondern das „Wie“ ist für die junge Generation entscheidend

04.02.2016 Die jüngere Generation befürwortet mehrheitlich das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft und engagiert sich dafür auf vielfältige Weise. Dies zeigen die Ergebnisse des „Nachhaltigkeitsbarometers 2015“, einer repräsentativen Studie des UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“, die Chair-Inhaber Prof. Dr. Gerd Michelsen gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Barth, Dr. Clemens Mader und Heiko Grunenberg im Auftrag von Greenpeace durchführte. Dazu wurden vergangenen Sommer deutschlandweit 1.511 zufällig ausgewählte Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren zu ihrem Nachhaltigkeitsbewusstsein befragt. Im Interview erläutert Professor Michelsen die Ergebnisse der Studie.

Professor Michelsen, Ihre Ausgangsfrage für das Nachhaltigkeitsbarometer war „Was bewegt die Jugendlichen?“ Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Ja, unsere Daten zeigen deutlich, dass nachhaltige Entwicklung die jüngere Generation bewegt. Gegenüber unserer ersten Befragung im Jahr 2012 ist die Zustimmung zu den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft sogar noch einmal größer geworden. Die dahinterstehenden Prinzipien werden breit befürwortet: Schutz der Umwelt, soziale Aspekte und zukunftsorientiertes Wirtschaften werden kaum noch als voneinander getrennte konkurrierende Bereiche wahrgenommen. Eine breite Diskussion über das Für und Wider wird kaum mehr geführt, es geht eigentlich nur noch um die Art und Weise der Umsetzung. Die jüngere Generation verlangt viel mehr Engagement und Umsteuern als die Älteren und sie ist bereit, daran selbst mitzuwirken. Insofern fordern die Jüngeren auch spürbare Veränderungen und ein Ende der kleinteiligen Justierungen und des „Weiter so!“

In welcher Weise möchten die Jüngeren zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?

Es gibt zahlreiche neue Formen des Engagements, die von den Befragten genannt wurden. Diese Formen sind für die ältere Generation mitunter unkonventionell, weil spontaner, aktionsorientiert, online-organisiert, und sie verlangen nicht unbedingt nach festen Strukturen. Viele Jugendliche und junge Erwachsene möchten keine längere Bindung an eine Institution oder Initiative eingehen, sondern sich problem- und aktionsorientiert im Sinne eines „flexible engagement“ einbringen. 

Wie müssen die betreffenden Institutionen Ihrer Ansicht nach auf diese neuen Bedürfnisse reagieren?

NGOs, Parteien, aber auch Institutionen wie Kirchen, das Rote Kreuz, THW und viele andere müssen den veränderten Realitäten des Engagements Rechnung tragen und neue Methoden und Ansätze des Engagements speziell für die jüngere Generation entwickeln. Für Institutionen, die eine Mitwirkung der Jüngeren anstreben, darf Partizipation kein Fremdwort sein. Vor allem ist sie auch auf die Gefahr hin ernst zu nehmen, dass dadurch Positionen möglicherweise verwässern oder weniger klar erkennbar sind. Zielvorgaben und Standpunkte sollten nicht zementiert und zur alleinigen Ausführung durch einige wenige bestimmt sein.

Sind denn alle Befragten, die einer nachhaltigen Entwicklung positiv gegenüberstehen, grundsätzlich auch bereit, sich aktiv zu engagieren?

Aus den Antworten der Befragten lassen sich fünf Typen bilden. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Motivation, etwas zu tun, der Intention, dies umzusetzen, und schließlich der tatsächlichen Umsetzung einer Handlung. Die größte Gruppe bilden die Nachhaltigkeitsaffinen. Dies sind die Motivierten, die etwas machen wollen und dies auch umsetzen. Am anderen Ende des Spektrums stehen die Nachhaltigkeitsrenitenten, die insgesamt eine ablehnende Haltung einnehmen. Ihre Zahl hat gegenüber 2012 leicht abgenommen. Dazwischen stehen drei Typen, die sich nicht einheitlich positionieren: Die Nachhaltigkeitsaktiven ohne inneren Anlass handeln zwar, sind aber eigentlich gar nicht motiviert und nehmen sich konkrete Handlungen nicht vor. Die Interessierten ohne Verhaltenskonsequenzen sind dagegen hochmotiviert, konnten aber bislang keine Handlungen konkretisieren. Die Lethargiker sind träge, nehmen sich Handlungen vor, aber setzen diese dann oft nicht in die Tat um.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus dieser Typisierung?

Die verschiedenen Nachhaltigkeitstypen zeigen, dass es nicht nur Befragte gibt, die eine nachhaltige Entwicklung befürworten oder strikt ablehnen. Es gibt verschiedene Typen, die dazwischen anzusiedeln sind. Das legt den Schluss nahe, dass mit zielgruppenspezifischen Aktivitäten und Angeboten fast alle Personen der jüngeren Generation angesprochen werden können.

Nachhaltige Entwicklung hat ja verschiedene Dimensionen und kann sowohl aus nationaler als auch aus globaler Perspektive betrachtet werden. Wie sehen die Befragten dies?

Die jüngere Generation ist sich der globalen wie auch nationalen Herausforderungen für nachhaltige Entwicklung sehr bewusst. Beide Ebenen werden jedoch nur teilweise als zusammenhängend gesehen. Auf der nationalen Ebene werden soziale Themen besonders als Herausforderung betrachtet, während Themen der Umwelt wie Biodiversität, Wasser und Artenvielfalt global verortet werden. Armutsbekämpfung und Energieversorgung sind hingegen Ziele, für die sowohl aus globaler als auch aus nationaler Sicht Handlungsbedarf konstatiert werden. Erneuerbare Energien haben in der jüngeren Generation bereits einen besonderen Stellenwert erlangt.

Ein Thema von besonderer Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung hier in Deutschland ist zweifellos die Energiewende. Was ist die Einstellung der jüngeren Generation dazu?

90 Prozent der Befragten befürworten die Energiewende. In diesem Aspekt ist die jüngere Generation deutlich konsequenter als die ältere. Sie möchte die Energiewende aktiv mitgestalten, findet aber bislang keinen richtigen Zugang. Die Jüngeren müssen Möglichkeiten vorfinden, sich aktiv einzubringen, und sie müssen auf Augenhöhe in Entscheidungsprozesse zur Energiewende eingebunden werden. „Alt entscheidet für Jung!“ ist längst nicht mehr Mittel der Wahl, auch wenn es in den allermeisten Fällen nach wie vor so praktiziert wird. Bildung sowie öffentliche Berichterstattung stehen daher in der Verantwortung, systemische Zusammenhänge der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung nachvollziehbarer und klarer zu vermitteln. So könnten beispielsweise sowohl positive Wirkungen als auch Herausforderungen der Energiewende auf ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene aus globaler wie nationaler Perspektive deutlich gemacht werden.

Welche Rolle spielen die Schulen in diesem Zusammenhang?

Nachhaltigkeitsbezogener Schulunterricht wirkt sich nachweislich positiv auf das Verhalten der jüngeren Generation aus. Befragte, die von der eigenen Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeit im Unterricht berichten engagieren sich häufiger und sind aktiver in Bezug auf die Umsetzung entsprechender Maßnahmen. Viele Lehrkräfte erkennen inzwischen diesen Zusammenhang und handeln entsprechend: Der Anteil von Befragten, die sich mit nachhaltiger Entwicklung im Schulunterricht auseinandergesetzt haben, hat sich gegenüber 2012 nahezu verdoppelt und liegt mittlerweile bei über 70 Prozent. Die Perspektive hat offensichtlich großflächigen Eingang gefunden.

Das klingt doch sehr gut. Trotzdem scheinen Sie nicht ganz zufrieden zu sein. Warum?

Es gibt noch Luft nach oben. Dort, wo nachhaltigkeitsbezogener Unterricht stattfindet, entspricht er qualitativ noch nicht den Leitlinien von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Strukturell eingezwängt in schulische Strukturen können viele Ansätze noch nicht umgesetzt werden. Nach wie vor wird Nachhaltigkeit daher oft zwangsläufig als ein Thema neben vielen anderen besprochen und abgehandelt. Notwendig wäre jedoch ein alltäglicher Umgang mit Themen und Zielen einer nachhaltigen Entwicklung im Unterricht. Lehrkräfte müssen die Gelegenheit erhalten, sich in der Aus- und Weiterbildung systematisch mit den Grundprinzipien von Bildung für nachhaltige Entwicklung zu beschäftigen und die nötigen didaktischen Kompetenzen zu erwerben. Schulleitungen müssen mögliche strukturelle Gestaltungsmöglichkeiten erkennen und erhalten, um Bildung für nachhaltige Entwicklung zu fördern. Nachhaltige Entwicklung kann dabei als Schulentwicklungskonzept eine wichtige Rolle in der Profilbildung von Schulen spielen.

Vielen Dank für das Interview, Professor Michelsen.

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Nachhaltige Entwicklung als integralen Bestandteil von Bildung zu verankern ist auch das Ziel des 2005 an Professor Michelsen verliehenen UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“. Professor Michelsen und sein Team entfalten dazu eine Vielzahl unterschiedlicher Aktivitäten. Die am Lehrstuhl durchgeführten Forschungsarbeiten leisten wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Theoriebildung und zum Transfer von Forschungsergebnissen in den Bereichen Universitätsentwicklung, Hochschulbildung, Kompetenzentwicklung und -messung sowie zu aktuellen Themen nachhaltiger Entwicklung. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in verschiedenen Lehr-Lernformaten u.a. im Rahmen des Leuphana Semesters in die Praxis umgesetzt.

Gerd, Michelsen/Grunenberg, Heiko/Mader, Clemens/Matthias, Barth: Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer 2015 – Nachhaltigkeit bewegt die jüngere Generation. Bad Homburg 2015. (ISBN: 978-3-88864-547-1)

Eine ausführliche Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem Nachhaltigkeitsbarometer 2015 finden Sie hier.

Weitere Informationen:

Seite des UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“

Kontakt:

Prof. Dr. Gerd Michelsen (michelsen@uni.leuphana.de)

Heiko Grunenberg (heiko.grunenberg@leuphana.de)

Dr. Clemens Mader (clemens.mader@leuphana.de)

Prof. Dr. Matthias Barth (Matthias.barth@leuphana.de)

Das Interview führte Dr. Marion Stange (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.