Meldungen aus der Forschung

„Wissen, wo man geht.“ Markus Mühling im Interview

Prof. Dr. Markus Mühling ist seit 2011 Professor für systematische Theologie und Wissenschaftskulturdialog am Institut für Theologie und theologisch-naturwissenschaftliche Forschung. Zuvor hatte er eine Gastprofessur am King’s College an der Univrsity of Aberdeen inne und war Heisenbergstipendiat der DFG an der Universität Heidelberg. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit dem Dialog zwischen Theologie und anderen Wissenschaften. 

Sie sind Theologe und haben jetzt ein Buch zur Evolution geschrieben. Wie kann denn die Theologie überhaupt was zu einem naturwissenschaftlichen Thema wie Evolution sagen?

Die Theologie ist eine Wissenschaft, die sich mit den weltanschaulichen Voraussetzungen des menschlichen Handelns und menschlicher Wahrnehmung beschäftigt und das aus einer bestimmten, nämlich der christlichen Weglinienperspektive. Ausgehend von der Prämisse, dass jedes Handeln, jede Handlungsorientierung, immer auf nicht-empirischen Gewissheiten fußt, die wir alle haben, kann Theologie sehr wohl etwas dazu sagen.

Jedes menschliche Handeln? Meines nicht!

Ok, ein einfaches Beispiel: Als Sie sich vorhin hingesetzt haben, haben Sie nicht getestet, dass dieser Stuhl nicht angesägt ist. Sie haben sich einfach vertrauensvoll hingesetzt. Das heißt, Sie haben die Gewissheit, dieser Stuhl wird halten. Das hätten Sie testen können. Das ist eine empirische Gewissheit, die Sie haben und an der Sie Ihr Handeln ausrichten. Sie haben aber auch nicht-empirische Gewissheiten: Dass es sinnvoll ist, solche Interviews zu führen, zum Beispiel. Und vieles mehr. Für diese nicht-empirischen Gewissheiten können Sie mir tausend Gründe geben, aber keinen einzigen Beweis. Diese nicht-empirischen Gewissheiten werden in Religionen, Traditionen, in Gemeinschaften kommuniziert, weil wir Gemeinschaftslebewesen sind.

Aber wenn es nur um die kritische Untersuchung von unhinterfragten Gewissheiten geht, dann ist es ja nur eine Art Metabetrachtung?

Keineswegs. Diese Gewissheiten bestimmen die Art der Forschungsfragen, die Methoden, das Theoriedesign und vieles mehr. Im Dialog mit der Theologie kann der Naturwissenschaftler das viel besser erkennen. Die Theologie kann da ein besonders guter Gesprächspartner für den Naturwissenschaftler sein, da der Theologe diese Gewissheiten ständig bei sich selbst reflektiert. Ein Beispiel: Gegenwärtig tut sich viel in der Evolutionsbiologie. Der Neo-Darwinismus steht an der Schwelle, erweitert zu werden. Ein Kandidat dafür ist niche construction, also Nischenkonstruktion. Dabei sind mit „Nische“ alle Selektionsfaktoren gemeint, die für eine Art wichtig sind. Das neue an der Nischenkonstruktion ist, dass die Relation zwischen Population und Umwelt keine Einbahnstraße ist, sondern eine wechselseitige. Auch Populationen und Organismen bestimmen aktiv ihre Nischen, die ihren Selektionsdruck bilden. Dieser Ansatz ändert eine ganze Menge in der Evolutionstheorie, denn die klassische Evolutionslehre ist individualistisch verfasst. Jetzt kommen relationale Aspekte, beziehungsweise der Umweltfaktor hinzu. Das sind alles spannende Dinge, die für den Theologen äußerst interessant sind. Denn es gibt ja Parallelen, insbesondere zu dem relationalen, prozessorientierten Denken.

Im Sinne der unbewussten weltanschaulichen Grundlagen?

Ja. Theologen sind sich bewusst, dass sie immer von etwas anderem abhängig sind. Das es also zum Menschen gehört, immer vorgängig abhängig, passiv zu sein: Dass man etwas wahrnimmt und empfängt. Bei der Nischenkonstruktionstheorie geht es nicht nur um Konstruktion, sondern auch um Rezeption; um den Zusammenhang von Umwelt und Population. Die Trennung zwischen Population und Umwelt ist mehr oder weniger eine willkürliche. Jede Population findet sich auch immer passiv in einer Nische vor. Und das ist eine grundlegende materiale Einsicht, die sich dem inhaltlichen Dialog mit der Theologie verdankt.

Ein anderes Beispiel: Theologie kann vor Gefahren warnen. In der biologischen niche-construction Theorie kritisiert man die Sichtweise des Menschen als homo oeconomicus. Das ist aus einer humanistischen Weglinienperspektive zu begrüßen. Dafür entsteht nun die Gefahr, dass man den homo faber, den Macher, in den Mittelpunkt stellt. Das kann man daran sehen, dass die Nischenkonstruktionstheoretiker davon sprechen, dass Menschen die „ultimate niche constructors“ seien. Das ist aber durchaus problematisch. Aus mehreren Gründen. Zum einen könnte es sein, dass der Mensch nicht die letzte Entwicklung ist. Der Mensch entwickelt sich weiter und wir reden nicht nur über Humanismus, sondern auch über Post- und Transhumanismus. Zum anderen ist der Ulimativitätsgedanke etwas, wo Theologen hellhörig werden. Das Ultimative ist etwas, das dem Gottesbegriff vorbehalten ist. Etwas, das für Menschen unverfügbar sein ist. Wenn man Ultimativität etwas Innerweltlichem zuschreibt, endet man bei Idolatrie, beim „goldenen Kalb“.
Hier können wir einen weltanschaulichen Gehalt innerhalb der biologischen Theorie aufdecken, der als solcher ohne den Dialog nicht unbedingt durchschaut werden kann. Fazit: Es gibt eine eine relative Abhängigkeit und eine relative Unabhängigkeit von Naturwissenschaft und Theologie.

Welche Rolle spielt Interdisziplinarität in Ihrer Forschung?

In der Welt gibt es keine Disziplinen – nur Phänomene. Die mit uns für uns erscheinen und zunächst einmal – in ihrer Dynamik – wahrgenommen werden müssen. Und zu diesen Wahrnehmungen gehören ganz unterschiedliche Instrumente. Und diese Phänomene machen nicht halt vor Disziplingrenzen. Das Schöne an der Leuphana ist, dass sie diese interdisziplinäre, phänomenorientierte Forschung nicht nur toleriert, sondern auch bewusst unterstützt.

Wie steht es um die Handlungsorientierung Ihrer Forschung?

Die Handlungsorientierung meiner Forschung ist so zu verstehen, dass es sich um Grundlagenforschung handelt, die der Handlungsorientierung dienen will. Ein wichtiger Teil meiner Forschung beschäftigt sich mit Anthropologie und dem Handlungsbegriff, den ich für grundlegend für menschliches In-der-Welt-Sein halte. Oder besser: für menschliches Mit-der-Welt-Werden. Das ist das grundlegende Thema aller meiner Bücher, also nicht nur des Evolutionsbuches. Auch in meinem Buch über Einstein gehe ich der Frage nach: „Was hat Einsteins naturwissenschaftliches Handeln orientiert?“ Und um handeln zu können, muss ich erstmal wissen, wo ich gehe.

Vielen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Markus Mühling
Scharnhorststr. 1, C16.119
D-21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1774
Fax +49.4131.677-2563
markus.muehling@uni.leuphana.de

Das Interview führte Martin Gierczak (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.