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Kritik in Medien, Kunst und im Sozialen spiegelt unsere Kultur wider - Nachwuchswissenschaftler gesucht

14.04.2016 Das Wort „Kritik“ erweckt bei den meisten zunächst keine positive Assoziation. Das Wort „Kultur“ hingegen schon. Bei „Kulturen der Kritik“ kommt beides zusammen. Es ist das Thema eines neuen DFG-Graduiertenkollegs an der Leuphana, das seine Arbeit im Oktober 2016 aufnimmt. Die Universität schreibt dazu gerade zwölf Doktorandenstellen sowie eine PostDoc-Stelle aus. Das Kolleg widmet sich markanten Fällen aus den Bereichen Kunst-, Medien- und Sozialkritik. Die Sprecherin, Prof. Dr. Beate Söntgen, Professorin für Kunstgeschichte, im Interview.

Liebe Frau Söntgen: Was macht einen Menschen zum Kritiker?
Eine wichtige Voraussetzung für Kritik ist Selbstreflexion, also eine Form der Selbstbefragung. Kritik setzt aber auch das Vermögen voraus, Unterscheidungen zu treffen. Einerseits braucht der Mensch Distanz zum Gegenstand, andererseits muss er sich selbst fragen, inwieweit er in die Sache verwickelt ist, die er kritisieren will.

Ist Kritik damit ein typisch menschliches Phänomen?
Ich würde sagen ja, und auch die Klassische Philosophie würde diese Frage klar bejahen. Vernunft, die als eine Voraussetzung für Kritik angesehen wird, gilt als spezifisch menschliches Vermögen. Allerdings gibt es in letzter Zeit Theorien, die Tieren oder auch Dingen Handlungsmacht und sogar kritisches Potential zuschreiben, etwa die Akteur-Netzwerk-Theorie. Inwieweit man angesichts solcher Überlegungen Kritik neu denken muss, wird eine wichtige Frage in unserem Kolleg sein.

Geht es bei einer Kritik nur um die Beeinflussung der Umwelt oder wollen wir uns damit selbst positionieren?
Der Handlungsimpuls, der Wunsch etwas zu ändern, ist fast immer vorhanden, wenn man etwas kritisiert. Aber es spielt auch ein narzisstisches Moment eine große Rolle. Indem ich Kritik übe, schaue ich etwas aus der Entfernung an, distanziere mich davon, bewerte es. Man nimmt eine „Herrschaftsposition“ ein. Das wurde der Kritik in der philosophischen Diskussion des Phänomens seit den 1960er Jahren und verstärkt in den 1990ern vorgeworfen.

Welche Fragen sind für Sie als Kunsthistorikerin am Kritikthema spannend?
Kunstkritik ist eine frühe Form der Kritik, sie entsteht gleichzeitig mit der modernen Kritik im europäischen 18. Jahrhundert. Kritik wurde zu einem Motor für die Entwicklung des modernen Subjekts, und Kunstkritik ist hier ein wichtiges Instrument. In der Kunstkritik begegnet man einem künstlerischen Blick auf die Welt, der ja selbst auch schon kritisch sein kann, und man begegnet sich selbst, als einem sinnlichen und reflektierenden Subjekt, das sich selbst beobachten kann. Die zeitgenössische Kunst hat nun explizit den Anspruch erhoben, ebenfalls Kritik zu üben, das macht das Kritikthema für mich noch spannender.

Ist Kunst die kleine Schwester von Kritik? Sind sie sich also ähnlich und haben die gleiche Herkunft?
Man könnte Kunst, auch historisch, in sehr vielen Fällen als eine Form der Kritik beschreiben. Seit den 1960er Jahren haben sich künstlerische Praktiken zunehmend als kritisch verstanden. Die Kunst hatte immer das Potential zu kritisieren, denn Bilder sind ja nie eindeutig, sondern schillern und sind auslegbar, und so konnten sie sich sogar indirekt gegen ihre Auftraggeber richten. Auch findet sich in vielen Bildern gesellschaftliche Kritik, etwa im 19. Jahrhundert bei Gustave Courbet, im frühen 20. Jahrhundert bei George Grosz oder in der Gegenwart bei Andrea Fraser.

Andere Künstler, die gar nicht als kritisch galten, zeigen dennoch Zustände, die problematisch sind, wie etwa der Impressionist Auguste Renoir. Seine Darstellungen junger verliebter Paare in Parks wirken so harmonisch. Aber es waren junge, arbeitende Frauen, oft vom Land, die verführt, aber nicht geheiratet wurden, was den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete. Heute sieht man das den Bildern gar nicht mehr an, wenn man nichts weiß über die soziale Schichtung im 19. Jahrhundert, und hält die Darstellung für idyllisch. Entscheidender Unterschied zur Gegenwartskunst aber ist: Es handelt sich nicht um eine offenkundige Kritik an sozialen Missständen seiner Zeit.

Wovon gibt es mehr: Von den Kreativen oder von den Kritikern?
Zunächst würde ich sagen: Gute Kritiker sind auch kreativ. Aber wenn ich dennoch eine Unterscheidung treffen sollte, würde ich sagen, es gibt deutlich mehr Kreative als Kritiker, zum Glück.

Lassen sich die Kulturen der Kritik auf einer Landkarte nachzeichnen? Gibt es also eine europäische, eine amerikanische oder eine schwäbische Kultur der Kritik?
Das ist eine gute Frage. Wir konzentrieren uns in der ersten Phase unseres Kollegs auf Europa. Kritik hat ihren Ursprung in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland, und hier sind die Ausprägungen schon sehr unterschiedlich. In Frankreich ist zum Beispiel der Umgang mit Sprache auch in der Kritik viel spielerischer. Die europäischen Formen der Kritik haben die amerikanischen geprägt, schon allein aus dem Grund, dass die USA aus europäischer Kolonisation entstanden sind. Aus der unterschiedlichen Konstitution der USA sind aber wiederum andere Formen der Kritik erwachsen. Die anderen Kontinente sind uns, den Antragstellern des Kollegs, aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen noch kaum vertraut. In einer nächsten Phase des Kollegs wollen wir uns den Folgen der Globalisierung widmen. Dabei spielen digitale Medien eine ebenso wichtige Rolle wie unterschiedliche politische Verfassungen und ihre Folgen, etwa Zensur.

Welchen Einfluss haben die sozialen Medien auf die Kulturen der Kritik? Verschwimmen nun die Grenzen auf der Landkarte?
Sie befördern den Austausch von Inhalten und Formen der Kritik immens! In einigen Ländern, wie zum Beispiel China, werden soziale Medien wegen dort geäußerter Kritik kontrolliert oder sogar verboten. Es entstehen aber tatsächlich neue Artikulationsformen über Ländergrenzen hinweg. Das ist ein wichtiges Thema des Kollegs, insbesondere, aber nicht nur im Bereich Sozialkritik.

Außer Ihnen sind weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am DFG Programm beteiligt. Aus welcher Perspektive betrachten diese die Kulturen der Kritik?
Es gibt insgesamt zehn Mitantragssteller, also zehn weitere Professorinnen und Professoren der Leuphana, die aus ganz unterschiedlichen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften kommen.
Herr Hörl, der Stellvertretende Sprecher, zum Beispiel ist Philosoph und Professor für Medienkultur. Die Mischung der Disziplinen erwies sich schon in der Vorphase als sehr produktiv.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Kunst- und Medienkritik selbstreflexiv sind, in einem Ausmaß, dass sie manchmal ihren Gegenstand vergessen. Sozialkritik nimmt hingegen den Gegenstand der Kritik ernst, vergisst aber, dass auch sie auf ein Medium angewiesen ist, in dem Kritik geäußert wird und dass die Botschaft prägt. Allen drei gemeinsam ist die Erkenntnis, dass eine Demokratie ohne Kritik nicht funktionieren kann. Kritik hat eine substantielle Bedeutung für die Zivilgesellschaft – und ist auch so ein wichtiger Forschungsgegenstand für die Leuphana.

Was für Nachwuchswissenschaftler suchen Sie für das Kolleg? Sollten diese besondere Eigenschaften und Interessen mitbringen?
Vor allem theoretische Neugierde und die Bereitschaft zum interdisziplinären Austausch. Dann auch ein bisschen Risikofreude und eine große Leidenschaft für das Phänomen Kritik.

Wir wünschen uns eine internationale und intellektuell heterogene Gruppe!

Am Anfang war Das Wort. Steht am Ende immer ein Widerwort?

Nein (lacht).


Weitere Informationen

Prof. Dr. Beate Söntgen
Universitätsallee 1, C5.409
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1696
beate.soentgen@leuphana.de


Das Interview führte Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.