Meldungen aus der Forschung

Scratching the Surface. Antrittsvorlesung von Götz Bachmann

09.05.2016 In seinem Antrittsvortrag „Hello World! An Ethnography of Radical Engineering“ stellte Prof. Dr. Götz Bachmann sein kulturwissenschaftliches Forschungsprojekt zu „Radikalen Ingenieuren“ im Silicon Valley vor.

Wenn man an Ethnologie denkt, hat man schnell ein Bild von einer englischen oder amerikanischen Wissenschaftler_in vor Augen, die oder der neugierig-distanziert den Alltag eines Volkes in den Tropen beobachtet. Ethnologische Forschung kann aber viele Untersuchungsgegenstände haben, die mitunter gleichzeitig vertrauter und seltsamer sind als die von Malinowski oder Mead. Götz Bachmann beobachtet „Radikale Ingenieure“. Er untersucht dieses Feld ethnologisch, wie ein Ethnologe eine Kultur, geht also in Entwicklungslabore und macht dort Feldforschung. Unter „Radikale Ingenieuren“ versteht er Techniker, Entwickler und Forscher, die bestehende Selbstverständlichkeiten in der Technik grundlegend hinterfragen und entsprechend an radikalen technischen Neuentwürfen arbeiten. Ein bekanntes Beispiel ist Doug Engelbart. Das Attribut „radical“ bezieht sich also auf die radikale Perspektive auf die Möglichkeiten von Technik.

"They hate Digital Media"

Viele radikale Ingenieure haben eine starke Vision. Diese Vision hat oft etwas Aufbäumendes; in ihrer Selbstwahrnehmung lassen sich die Radical Engineers mit linken Aufständern vergleichen, die gegen den "Militärisch-industriellen Komplex" gekämpft haben und deren Gesichter als Murals an den Mauern mancher Städte im Süden der USA verewigt sind. Überraschenderweise ist das Feindbild dieser Ingenieure aber der je augenblickliche Ist-Zustand digitaler Technologien: „They hate Digital Media, as they are today - Digital Media, which narrow thinking“, paraphrasiert Bachmann deren Einstellung. Die Nutzer nehmen die Funktionen und Grenzen der gegenwärtigen Medien so hin, als seien sie naturgesetzt. Ziel dagegen ist es, über die Engführungen der Digital Media hinauszufinden. Dahinter steht bei den Engineers die Intuition, dass es gerade die Medien sind, die verhindern, dass man neue Wege und Mittel zur Repräsentation von Inhalten findet. Sie bauen daher die Medien, die es ihnen ermöglichen soll, neue Medien zu erfinden: Ein Zirkelschluss.

Design ohne Rechtecke

Konkret untersucht Götz Bachmann unter anderem ein Entwicklungslabor, das von dem Entwickler Bret Victor geleitet wird. Dieser betrachtet seine Forschung als offen und mit jedem teilbar. Das Labor zielt, genau wie das Medien-Design, das hier entwickelt wird, auf Medien, die „rectangle-free“ sind. Dabei muss die Alternative zu einer rechteckigen Oberfläche nicht ausschließlich eine Oberfläche mit einer anderen Form sein. Das Ziel ist vielmehr eine Umgebung, in der das Innere eines Computers nach außen gekehrt und somit in die Welt gebracht wird. Dieser Innovations-Wille zeigt sich auch in kleinen Gegenständen in dem Laboratorium: Zum Beispiel in einem Laserpointer, der, wenn man ihn auf ein Buch richtet, dieses Buch an einer Wand erscheinen lässt – wie auch den Code, der dies möglich macht. All dies sind Prototypen für Mediensystem, die in den nächsten 20 Jahren zu entwickeln sein werden. „Radikale Ingenieure“ sind dabei der Openness, der Offenheit verpflichtet, und kümmern sich wenig um Marktlogiken. Mehr interessieren sie sich für Design und Programmieren. Dass ihre Arbeit gleichzeitig sehr kostenintensiv und entsprechend von Fördergeldern abhängig ist, bleibt ein unaufgelöster Widerspruch. Idealerweise möchten sie nicht nur neue Medien bereitstellen, sondern zielen auf noch Größeres: „preventing the world from tearing itself apart“.

Der Lüneburger Ansatz der Digital Cultures

Der konventionelle Weg bei einem solchen Forschungsprojekt wäre es, nach dem Sammeln und Ordnen der Daten, diese mithilfe einer Theorie auszuwerten. Götz Bachmann indes ist es wichtig, zu diesem Zeitpunkt der Forschung noch auf die „theory machine gun“ zu verzichten. So nützlich und wichtig die üblichen kulturtheoretischen Fragen, die sonst in dem Kontext gestellt werden („Can we at least talk about capitalism?“, „Are media really just vehicles for understanding?“) auch sind, so sollten sie doch nicht dazu führen, die Erkenntnisoffenheit der Feldforschung und die Auseinandersetzung mit den Selbstbeschreibungen und Praktiken der untersuchten radikalen Ingenieure mit bereits bekannten Antworten vorschnell abzuschließen. Stattdessen folgt Bachmann dem Lüneburger Ansatz der Digital Cultures und versucht Social Theory und Media Theory miteinander zu verbinden sowie ihre gegenseitige Ergänzung zu nutzen. Dass dies ein großes Unterfangen ist, ist klar: „We have only started to scratch the surface“, beendet er seinen Antritt. 


Kontakt

Prof. Dr. Götz Bachmann
Universitätsallee 1, C5.303
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2572
Fax +49.4131.677-1611
goetz.bachmann@leuphana.de

Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.