Meldungen aus der Forschung

Freiräume schaffen. Geschlechter- und Diversitätsforschung an der Leuphana

01.07.2016 Zum Auftakt der Gründung des Netzwerks Geschlechter- und Diversitätsforschung in der Leuphana Universität Lüneburg fanden im Sommersemester 2016 die ersten öffentlichen Veranstaltungen des Netzwerks in Form von Salongesprächen statt. Dr. Beate Friedrich von der Landesarbeitsgemeinschaft der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterforschung in Niedersachsen (LAGEN) führte als Moderatorin durch die Salongespräche und diskutierte mit zahlreichen Interessierten aus dem Publikum sowie den Referent_innen über Geschlechter- und Diversitätsforschung.

Janne Schweitzer im Gespräch mit der zentralen Gleichstellungsbeauftragten Dr. Kathrin van Riesen über den Zugang zur Geschlechter- und Diversitätsforschung im Rahmen des Studium Individuale an der Leuphana.

Das erste Salongespräch trug den Titel „Geschlechter- und Diversitätsforschung ist die Antwort – was war die Frage?“ und sollte zur Ausrichtung, den Forschungsinhalten und -motivationen der am Netzwerk beteiligten Wissenschaftler_innen Auskunft geben. Katharina Fritsche, M .A. (Kommunikationswissenschaft) Dipl.-Umweltwiss. Sebastian Heilmann (Nachhaltigkeit), Prof. Dr. Angelika Henschel (Sozialpädagogik) und Prof. Dr. Sybille Münch (Politikwissenschaft) begannen am runden Tisch die Diskussion über Zugänge zur Geschlechter- und/oder Diversitätsforschung, Stärken und Grenzen der jeweiligen Perspektiven sowie möglichen Verbindungs- und Trennungslinien zu feministischen Kritiken. 

Politisches Interesse motiviert zur Geschlechter- und Diversitätsforschung

Die Referent_innen waren sich einig, dass die Beschäftigung mit Themen der Geschlechter- und Diversitätsforschung zwar meist aus einem politischen Interesse heraus geschieht, sie argumentierten jedoch durchaus verschieden hinsichtlich ihrer eigenen Perspektive auf und der Definition von Diversität. Auch zu der Frage, wie Geschlechter- und Diversitätsforschung eine grundlegend feministische Perspektive verlangt, gab es am runden Tisch und unter den Zuschauer_innen unterschiedliche Einschätzungen. Die Redebeiträge legten nahe, dass die ‚alten‘ Fragen der Frauen- und Geschlechterforschung, wie beispielweise die nach Berufszugängen und einer gerechten Entlohnung heutzutage aus mehreren Perspektiven und zielgruppenspezifisch, auch unter Einbezug gesellschaftlicher Phänomene wie Flucht und Migration gestellt werden müssen. 

Debatten über Notwendigkeiten, Methoden, Theorien und feministische Kritiken

Die Notwendigkeiten, aber auch der Rahmen der Möglichkeiten, an der Universität kritische Wissenschaft zu betreiben, standen ebenso zur Debatte wie die Frage nach Methoden und Theorien, auch die eigenen Standpunkte als in Machtverhältnisse verwobene zu betrachten. Der Wunsch nach einem möglichst breiten Netzwerk und einer stabilen Verankerung in der Universität wurde im Gespräch deutlich sichtbar. Gleichzeitig wurden der Verbindungen mit außer-universitären Initiativen und gesellschaftlichem Alltag sowie feministischen Kritiken, die den Begriff der Diversität und der Diversitätsforschung mit emanzipativen Inhalten füllen, als bedeutend für den weiteren Prozess der Netzwerkgründung und -etablierung bezeichnet. Der Salon hat gezeigt, wie breit und vielfältig die Forschungen und Projekte zu Geschlecht und Diversität an der Leuphana sind und welches große Repertoire den am Netzwerk Interessierten für einen inner- und außeruniversitären Austausch zur Verfügung steht. 

Forschung zu Flucht und Migration ist wissenschaftliche Verantwortung

Dies hat sich auch im zweiten Salongespräch unter dem Titel „Flucht und Migration – zur sozialen Verantwortung der Wissenschaft aus gender- und diversitätstheoretischer Perspektive“ bestätigt. Prof. Dr. Birgit Althans (Bildungswissenschaften), Stephan Baglikow (Kulturwissenschaften), Dr. des. Katherine Braun (Kulturwissenschaften), Camille Brüssel und Susanna Dedring (Bündnis Hochschule ohne Grenzen) sowie Prof. Dr. Ursula Kirschner (Kulturwissenschaften) diskutierten über aktuelles, politisches und soziales Geschehen aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen und wagten auch einen Rückblick auf die Geschichte der Migration. Die Frage nach dem Abbau von hierarchischen Strukturen, auch im universitären Bereich, sowie nach einer differenzierteren Beschäftigung mit dem Thema Flucht und Migration stellen dabei eine Herausforderung dar, in der die wissenschaftliche Verantwortung gesehen wird.

Freiräume und Nischen für kritische inter- und transdisziplinäre Forschung und Lehre schaffen

Hemmende, aber auch unterstützende, sinnvolle, ermöglichende und notwendige Strukturen, die inter- und transdisziplinäre Geschlechter- und Diversitätsforschung rahmen, standen im Mittelpunkt der Diskussion des dritten Salongespräches. Dessen Titel „Richtiges Leben in falschen Strukturen? Welche strukturellen Bedingungen fördern Geschlechter- und Diversitätsforschung?“ ist an den berühmten Satz Adornos aus dessen „Minimal Moralia“ angelehnt „Es gibt kein richtiges Leben im falschen". Mit diesem Bezug wird die Schwierigkeit betont, unter Rahmenbedingungen zu forschen und zu studieren, die inter- und transdisziplinären Perspektiven und Herangehensweisen entgegenstehen. Von Seiten der Referent_innen – dies waren Dipl. Umweltwiss. Janina Dannenberg (Nachhaltigkeitswissenschaften), Prof. Dr. Elke Grittmann (Kulturwissenschaften), Ole Norhausen (Bildungswissenschaften), Dr. Kathrin van Riesen (Gleichstellungsbüro), Janne Schweitzer (Studium Individuale) und Dipl. oec. Anke Zerm (Forschungsservice) – wurde betont, dass strukturelle Bedingungen von Forschung in Forschungsprozessen mit zu reflektieren seien. Sie erörterten gemeinsam mit den Teilnehmer_innen was inter- und transdisziplinäres Forschen eigentlich heißt, was anerkannt, was von Drittmittelgebern gefördert wird und welche Nischen eine kritische Wissenschaft braucht. Zudem tauschten sie sich darüber aus, wie Einflussnahme auf Strukturen erfolgen kann, um gutes Forschen, Studieren und Leben möglich zu machen. Als gelungene Ansätze für interdisziplinäres Studieren wurden das Studium Individuale, das Gender-Diversity-Zertifikat und für geschlechter- und diversitätsbezogene Lehre der Bachelor Berufliche Bildung in der Sozialpädagogik genannt. Die Teilnehmer_innen des Salongespräches resümierten, dass es Aufgabe der Universitäten sei, Freiräume und Nischen für kritische inter- und transdisziplinäre Forschung und Lehre zu schaffen. Der Ausklang des Abends bestand in der feierlichen Gründung des Netzwerkes „Geschlechter- und Diversitätsforschung“

Zum Hintergrund

Die vom Alumni- und Förderverein unterstützte, feierliche Gründung des Netzwerks „Geschlechter- und Diversitätsforschung“ fand öffentlich am 22.6.2016, direkt im Anschluss an das dritte und letzte Salongespräch des Semesters, statt. Das Netzwerk besteht derzeit aus 66 engagierten Universitätsmitglie-dern aller Fakultäten. Davon gehören vier Personen fächer- und fakultätsübergreifenden Institutionen an (Leuphana College, Methodenzentrum, Zukunftszentrum Lehrerbildung, ZeMoS) und aus der Studierendenschaft können wir acht Mitglieder verzeichnen. Darüber hinaus nehmen auch die AStA-Referate QuARG und AntiRa am Geschehen des Netzwerks teil. Weitere Interessierte sind herzlich Willkommen. 

Weitere Informationen zum Netzwerk „Geschlechter- und Diversitätsforschung“. 

Kontakt

Dr. Anja Thiem
Universitätsallee 1, C10.033
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1062
anja.thiem@leuphana.de


Redaktion: Krahn/Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.