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Anlageberatung mittels Schwarmintelligenz: Was bedeuten Social Media am Aktienmarkt?

12.08.2016 Wirtschaftsmathematiker Prof. Dr. Matthias Pelster von der Leuphana Universität Lüneburg und Julia Kapraun von der WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar haben zum 1. Juli 2016 das Projekt "Social trading and the wisdom of crowds" gestartet. Im Rahmen des Projektes soll der Einsatz von Social Media bei Investitionsentscheidungen auf Aktienmärkten untersucht werden. Gefördert wird das Projekt von der Fritz Thyssen Stiftung.

Die Grundidee der Nutzung von Social Media Plattformen im Kontext der Anlageberatung ist die Schwarmintelligenz. Dabei ist zu beachten, dass auch der Kapitalmarkt von einer großen Masse getrieben wird, und demnach ebenfalls Charakteristika von Schwarmintelligenz aufweisen sollte. Ob die Informationen aus den Social Trading Plattformen sinnvoll genutzt werden können, wird eine wichtige Frage im Projekt sein. Prof. Dr. Matthias Pelster im Interview:

Herr Pelster, sind Social Media Plattformen geeignete Instrumente zur Anlageberatung? Welche einschlägigen Portale gibt es denn da?
Die meisten Portale sind nach der Finanzkrise 2007 entstanden. Sie bieten sicherlich eine gute Zusatzinformation, insbesondere für Privatanleger mit kleinerem Vermögen, da zahlreiche Informationen gesammelt, aufbereitet und kompakt dargestellt werden. Man sollte sich aber vielleicht nicht ausschließlich darauf berufen, sondern weitere Informationsquellen hinzuziehen und Informationen miteinander vergleichen. Es gibt  heute zahlreiche, weltweit über 30 etablierte Portale. Das größte Netzwerk ist wohl etoro. Außerdem sind beispielsweise Sharewise, Ayondo und viele weitere nennen. Bei einigen dieser Plattformen werden nur Informationen ausgetauscht, während auf anderen reale Transaktionen mit echten Geld stattfinden.

Schwarmintelligenz hört sich ja gut und schön an. Sollte man aber nicht vorsichtig sein, wenn es um die eigene Geld geht oder kann man einfach blind der Masse vertrauen?
Blind vertrauen sicherlich nicht. Die Idee ist vielmehr, dass man eine gewisse Diversität in seine Entscheidungsfindung einbringt. Indem ich die Entscheidungen vieler verschiedener Personen verfolge, deren Erfolge und Misserfolge beobachte, kann ich selbst eine Menge über erfolgreiche Entscheidungsfindung lernen. Der Schlüsselfaktor ist dabei, eine gesunde Mischung zwischen der eigenen Meinung und den eigenen Informationen sowie dem Netzwerk dem ich folge, zu finden. Auch wichtig ist, dass ich nicht nur einer einzelnen Person folge, sondern eher einem Netzwerk - eben um die Diversität der Meinungen und Informationen zu meinem Vorteil zu nutzen. Demnach sollte das Netzwerk auch nicht zu homogen sein, weil sich dann viele Informationen und Meinungen einfach wiederholen.

Wie läuft das ganz genau ab, wer schreibt in den Portalen über welche Themen?
Ursprünglich waren es Privatanleger etwa in der Altersgruppe zwischen 30 und 50. Wesentlich Jüngere haben oft nicht das nötige Investitionsvermögen, wesentlich ältere verfügen seltener über die nötige Internetkompetenz oder es ist eine Mentalitätsfrage ob man auf diese Weise sein Geld investieren möchte. Die Privatanleger stellen auch heute mit sicher 90 % immer noch die größte Gruppe der Teilnehmer. Aber nun nutzen auch Banken vermehrt die Portale, um Kunden zurückzugewinnen oder Profit zu machen.

Grundsätzlich ist das von Portal zu Portal aber ganz unterschiedlich. Es gibt beispielsweise StockTwits, ein Portal, in dem eher Experten detailreiche Meinungen darlegen. Dann gibt es eher für den Kleinanleger ohne größere Analysen Zielpreise, die sich aus den Meinungen der einzelnen User ergeben, beispielsweise auf Sharewise.

Auf vielen anderen Netzwerken veröffentlichen Nutzer aber auch einfach ihre echten Kapitalmarkttransaktionen, also wie sie ihr eigenes Geld investieren. Hier kann ich einzelne oder alle Investitionsentscheidungen eines Nutzers kopieren und je nach Vertrauen in die Fähigkeiten des Nutzers dabei mehr oder weniger Kapital von mir einsetzen. Da ich über ein eigenes Nutzerprofil mit Kontodaten verfüge, laufen diese Transaktionen dann auf Knopfdruck in Echtzeit mit leichter Verzögerung – eben genau wie an der Börse. Kopiere oder folge ich bestimmten Nutzern und mache damit Gewinn, erhalten diese einen kleinen prozentualen Anteil meines Gewinns.

Besteht die Gefahr, dass Personen sich hinter einer oder mehreren irreführenden Identitäten verbergen um so eigenen Profit zu erhöhen?
Grundsätzlich besteht ein Moral Hazard Problem, ja. Allerdings versuchen die Plattformen hier schon vorzubeugen. Und letztendlich ist ja schließlich jeder Nutzer selbst dafür verantwortlich, wem er folgt und vertraut, und sollte sich vorher ein genaues Bild der Lage machen.

Zu den Chancen: Komme ich schneller und demokratischer an wichtige Informationen heran, als wenn ich meinen Finanzberater vor Ort, beispielsweise bei einer Bank, kontaktiere?
Demokratischer ist ein interessantes Wort in dem Kontext. Ich bekomme in jedem Fall ein deutlich breiteres Bild und ein größeres Spektrum an Informationen, als wenn ich einem einzelnen Finanzberater vertraue. Trotzdem muss ich natürlich berücksichtigen, dass dies keine Experten sind und es um Aktieninvestments geht. Für ein ganzheitliches Finanzkonzept ist der Finanzberater wohl der bessere Ansprechpartner. Eine Komponente meines ganzheitlichen Konzeptes könnte dann natürlich gut darin bestehen, in Aktien zu investieren (Faustformel: 100 – Lebensalter), und dabei kann ich mir dann Informationen von den entsprechenden  Portalen holen und von der Diversität der Meinungen und Informationen anderer profitieren.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen und wie sieht deren Beitrag im Projekt aus?
Möglich wäre das Projekt sicherlich nicht ohne die Kooperationen mit Sharewise und etoro, die mir letztes Jahr anonymisierte Daten zur Auswertung zur Verfügung gestellt haben. Dann natürlich mit Frau Kapraun von der WHU, mit der zusammen ich Ideen gesammelt und einen Drittmittelantrag bei der Fritz Thyssen Stiftung gestellt habe, die das Projekt somit jetzt teilweise finanziert. Frau Kapraun hat von Ayondo ebenfalls Daten zur Verfügung gestellt bekommen, die wir in der Untersuchung auswerten.

Schließlich mit Kollegen von der Leuphana. Prof. Niemeyer, der ebenfalls großes Interesse an den Netzwerkstrukturen auf diesen Plattformen hat, und mit dem ich mich regelmäßig austausche; Bastian Breitmayer, ein Promotionsstipendiat, der sich sehr für das Thema begeistert, mit dem zusammen ich ein erstes Paper über die Thematik geschrieben habe, mit dem wir jetzt auf Tagungen fahren, und sich im Rahmen seiner Promotion gerne weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, und Thanh Quang Nguyen, ein Student aus dem neuen Data Science Master, der sich für die Thematik ebenfalls sehr begeistert und uns aktuell dabei hilft, die Daten von etoro für eine detailliertere Netzwerkanalyse aufzubereiten.

Insgesamt interessiert uns bei dem Thema vor allem die menschliche Entscheidungsfindung. Gibt es hier optimale Strategien und wie entwickeln sich Entscheidungen in Gruppen/Netzwerken? Und: Wie lernen Leute aus diesen Netzwerken?

Vielen Dank für das Interview!


Weitere Informationen

Prof. Dr. Matthias Pelster
Universitätsallee 1, C6.207
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2188
Fax +49.4131.677-2169
matthias.pelster@leuphana.de


Das Interview führte Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.