Meldungen aus der Forschung

Wissenschaftler untersucht am Projekt Freiwurf den Leistungsbegriff im inklusiven Handballsport

19.08.2016 Anfang Juli 2016 fand der erste Workshop im Rahmen der Evaluation von „Freiwurf Hamburg“ statt, einer Initiative zum inklusiven Handballsport. Die Evaluation wird durchgeführt von Dr. Steffen Greve, der an der Leuphana seit Mai 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitseinheit Sportwissenschaften arbeitet. Die Einheit gehört zur Fakultät Bildung und bereitet angehende Sportlehrer auf ihre Schultätigkeit vor. Die Wissenschaftler fokussieren sich in Forschung und Lehre zum einen auf Fragen der Sportpädagogik, Sportsoziologie und Sportdidaktik und zum anderen auf Aspekte der Bewegungslehre, Trainingswissenschaft und Gesundheitsförderung. Im Interview stellt Steffen Greve „Freiwurf“ und seine Forschungsarbeit vor.

Herr Greve, bei der Initiative Freiwurf in Hamburg geht es um inklusiven Handballsport. Wie sind Sie auf Freiwurf aufmerksam geworden?

Ich bin selbst Handballer und komme aus Hamburg. Außerdem arbeite ich noch ehrenamtlich beim Deutschen Handballbund als Referent für Kinder- und Schulhandball. Dort haben wir vor einigen Jahren begonnen, uns eindringlich mit der Thematik „Inklusion“ auseinander zu setzen.

„Freiwurf Hamburg“ ist inzwischen ein Leuchtturmprojekt für Inklusion im Sport in Deutschland. In der Initiative beteiligen sich Personen mit und ohne Handicap, beispielsweise mit Down-Syndrom oder einer körperlichen Beeinträchtigung. Die Teams sind entsprechend sehr heterogen. Die Sportler sind  zwischen 14 und 60 Jahre alt, Frauen und Männer nehmen teil. Die Spieler mit Handicap kommen teilweise aus sozialen Einrichtungen wie der Lebenshilfe und anderen Behinderten-Werkstätten und sammeln im Projekt oft die ersten Handball-Erfahrungen. Ebenso kommen neue Spieler oft über Mundpropaganda ins Projekt.

Die Mannschaften verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet: Das erste Team wurde in Hamburg-Rahlstedt gegründet, heute findet man auch Teams in St. Pauli, Wilhelmsburg, Eidelstedt und Elmshorn. Die Teams trainieren einmal in der Woche und spielen auch in einer Liga gegeneinander. Das ist sehr beeindruckend und zeigt die hohe Leistungsbereitschaft aller Teilnehmer. 

Bevor ich an die Leuphana kam, habe ich an der Universität Hamburg als Wissenschaftler gearbeitet. Dort habe ich das Forschungsprojekt zur Evaluation von Freiwurf gestartet, welches ich jetzt gern an der Leuphana weiterführen möchte.

Welche Forschungsfragen stehen im Mittelpunkt Ihrer Untersuchung?

Zentrale Frage ist, wie die einzelnen Akteure die Initiative Freiwurf deuten und gestalten, wie Freiwurf von den unterschiedlichen Beteiligten eigentlich gesehen wird. Dazu haben wir eine ausführliche Interviewstudie durchgeführt. Wir wollen wissen, wie die Kommunikation der Akteure untereinander im Projekt abläuft.

Mit welcher Methode gehen Sie vor und wer sind die Befragten?

Das Ganze nennt sich „Nutzenfokussierte Evaluationsforschung“. Uns war von Anfang an wichtig, dass unsere Forschung für die Praxis, also für die Menschen bei Freiwurf, relevant ist. Das bedeutet, dass wir als Wissenschaftler und die Macher von Freiwurf in einem ständigen Austausch über die Forschungsaktivitäten und Ergebnisse stehen.

Um dies entsprechend strukturiert durchzuführen, haben wir zu Beginn der Forschungsaktivität die einzelnen Akteursperspektiven einzeln beleuchtet: Spielerinnen und Spieler sowohl mit und ohne Handicap, die Trainer, Vereinsvorstände, Eltern von Spielern mit Handicap, Heimbetreuer von Spielern mit Handicap und die Schiedsrichter. Alle wurden gebeten, ihre Erfahrungen im Projekt zu schildern.

Interessant war bereits die Wortwahl der Interviewten, also wie reden zum Beispiel die Spieler übereinander? Manche Spieler ohne Handicap bezeichnen sich selbst als „Normalos“, die Spieler mit Handicap als „Behinderte“. Andersherum bezeichnen die Spieler mit Handicap jene ohne oftmals als „richtige Handballer“ und sich selbst auch wiederum als „Behinderte“. Diese Formulierungen verstoßen aber gegen die Konvention von Freiwurf, da innerhalb der Initiative die Wortwahl „mit/ohne Handicap“, in einem schriftlich fixierten Wertekanon festgehalten ist.

Dieser Wertekanon ist für uns übrigens ein wichtiger Anhaltspunkt unserer Forschung. In diesem Zielbild, so heißt es bei Freiwurf, ist auch formuliert, dass alle Sportler in erster Linie als Handballer gesehen werden, und nicht als beispielsweise Menschen mit Beeinträchtigung.

Was geschieht mit den gewonnenen Daten?

Im Workshop und in den weiteren regelmäßigen Treffen haben wir die Organisatoren mit den Aussagen konfrontiert und wir erarbeiten mit den Trainern Handlungsalternativen. Für viele Trainer war das Selbstverständnis der Spieler überraschend: 

Viele Spieler ohne Handicap sind am Projekt eher aus karitativen Gefühlen dabei. Sie möchten etwas Gutes tun und sehen das Ganze nicht so richtig als Sport. Auch die Eltern der Spieler mit Handicap teilen diese Ansicht. Ohne die „richtigen Spieler“ würde der gesamte Spielverlauf schließlich nicht zustande kommen.
Die Spieler mit Handicap identifizieren sich zwar mit dem Sport und sind stolz, dass sie auf diese Weise gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen können – merken oft aber andererseits, dass die Spieler ohne Handicap aus Rücksichtsname nicht immer so gut spielen, wie sie könnten.

Beides ist nicht im Sinne des angesprochenen Wertekanons von Freiwurf – da steht, dass man einfach nur gemeinsam gleichberechtigt Sport machen will. Die Freude am Handball steht im Vordergrund. Diskutiert und untersucht werden soll daher unter anderem als nächstes der Leistungsbegriff, der in den Teams vorherrscht. Die Trainer sollen für diese Thematik sensibilisiert werden und in ihren Teams diskutieren.

Wie können Sie die Erfahrungen aus dem Projekt in Ihre Arbeit an die Studierenden der Leuphana weitergeben? Besteht bereits studentische Beteiligung an dem Projekt?

Wie gesagt, die Evaluation startete als Forschungsprojekt in Hamburg, in dem Studierende ihre Master- und Bachelorarbeiten schreiben konnten und können. Jetzt soll diese Arbeit von Leuphana-Studenten fortgeführt werden. Die akteurspezifischen Fragen werden sich hier an der Leuphana beispielsweise auf „das Gewinnen und Verlieren“, „die eigene Haltung zur Inklusion“  und auf den Leistungsbegriff allgemein beziehen. Zudem ist das Projekt offen für weitere studentische Interessen, es könnte auch der Blick auf andere Sportarten und Altersklassen gerichtet werden. Und auch der Transfer in die Schule wird von uns langfristig angestrebt.

Wie sind die Forschungsbedingungen an der Leuphana für das Thema Inklusion, speziell im Fach Sport?

Für das Fach Sport gab es meines Wissens noch nichts an der Leuphana in diesem Bereich. Die Bedingungen sind aber gut: Wir führen derzeit erste Gespräche mit dem Zukunftszentrum Lehrerbildung, wie unsere Erkenntnisgewinne in die Arbeit an Schulen einfließen können.

Sie möchten zu dem Projekt habilitieren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich arbeite noch mit einer halben Stelle an einer Schule als Lehrer, möchte aber mehr und mehr meinen Fokus verschieben und mich der Forschung und Lehre an der Uni widmen und somit die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Das Thema „Inklusion“ ist für mich als Wissenschaftler reizvoll. Jeder redet darüber, aber so ein richtiges Verständnis haben die meisten nicht. Inklusion wird oftmals nicht gelebt und ich möchte mit meiner Forschung neben den wissenschaftlichen Veröffentlichungen auch Handlungsempfehlungen für die Praxis geben. Um eine größere Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, planen wir derzeit die Einwerbung von Drittmitteln bei der „Aktion Mensch“.

 

Herr Greve, ich bedanke mich für das Interview.


Weitere Informationen

Dr. Steffen Greve
Universitätsallee 1, C16.128
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2791
steffen.greve@leuphana.de


Das Interview führte Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de  geschickt werden.