Meldungen aus der Forschung

Neu an der Leuphana: Volkswirt Prof. Dr. Boris Hirsch

30.08.2016 Seit August 2016 ist Boris Hirsch Professor für VWL, insbesondere Mikroökonometrie und Politikevaluation am Institut für Volkswirtschaftslehre (IVWL) der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Wettbewerb und Arbeitsmarktforschung.



Politikevaluation, einer der beiden Bestandteile von Boris Hirsch Denomination bedeutet, Entscheidungsträgerinnen und -trägern die wahrscheinlichen Folgen ihrer Handlungen aufzuzeigen. „Und vor diesem Hintergrund eben klarer zu umreißen, welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen“, erklärt Hirsch. In einer Forschungsarbeit untersuchte er dazu unter anderem den Zusammenhang von betrieblicher Mitbestimmung und Personalfluktuation. Er konnte nachweisen, dass die Einbindung von Mitarbeitenden in betriebliche Prozesse durch Betriebsräte dazu führt, dass die Fluktuation im Betrieb nachlässt, Mitarbeitende also länger beim selben Arbeitgeber bleiben. Das betrifft nicht nur unfreiwillige Kündigungen, sondern auch freiwillige Abgänge, wie sie zum Beispiel durch Unzufriedenheit vorliegen können. Politikevaluation ist dabei ein neutrales Instrument und gibt selbst keine Handlungsempfehlung ab. „Offenbar kann ich also, wenn ich mich für betriebliche Mitbestimmung entscheide, Einfluss auf das Fluktuationsverhalten nehmen. Diese Erkenntnis ist jetzt keine Wertung, dass das gut oder schlecht ist. Vielleicht möchte man ja gerade – salopp gesagt –, dass diese Leute verschwinden. Aber der Punkt ist der, dass man sich dieser Wirkung danach bewusst ist. Und darum geht es eigentlich bei Politikevaluation. Es ist also nicht wie bei einer Lehrevaluation, es geht nicht darum, was ist gut und was ist schlecht gelaufen, sondern vielmehr: Was sind die wahrscheinlichen Konsequenzen politischer Optionen?“

Der „Gender Pay Gap“ und die Lücke innerhalb der Lücke

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung ist der Gender Pay Gap, die Lücke im Lohn zwischen Männern und Frauen. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht jedes Jahr Zahlen, die zeigen, dass Frauen pro Stunde im Durchschnitt zwischen 22 und 23 Prozent weniger als Männer verdienen. „Da gibt es mehrere Dimensionen, entlang derer diese Fragestellung interessant ist“, führt Hirsch aus, „die eine Dimension ist natürlich die, zu untersuchen, wie viel von diesen 22 Prozent sozusagen ‚echte Probleme‘ sind. Wenn Frauen z.B. weniger verdienen, weil sie in anderen Berufsfeldern beschäftigt sind, und das Berufsfelder sind, in denen alle weniger verdienen, Männer wie Frauen, spricht man von sogenannter horizontaler Segregation.“ Diese Segregation ist ein Problem, aber zunächst keine direkte Diskriminierung, wenn Männer in diesen Berufsfeldern, zum Beispiel in der Pflege oder im sozialen Dienst, genauso viel verdienen. Es ist aber interessant zu prüfen, was übrig bleibt, wenn man derlei herausrechnet. „Und da ist so ein Ergebnis, das wir immer wieder gesehen haben: Wenn ich Frauen und Männer vergleiche, mit gleicher Qualifikation, mit gleicher Berufserfahrung, im gleichen Berufsfeld, die sogar im gleichen Betrieb arbeiten, dann bleibt immer noch etwas übrig. Mit Daten der Bundesagentur für Arbeit finden wir zum Beispiel, dass die Lohnlücke dann noch immer rund elf Prozent beträgt.“ Diese elf Prozent sind nicht auf das spezifische Berufsfeld zurückzuführen, sondern Diskriminierung, sozusagen in reiner Form. Dazu kommen noch „gaps inside the gap“, wie die ausgeprägtere Lohnungleichheit im ländlichen Raum verglichen mit Städten.

An der anhaltenden Diskussion um den Gender Pay Gap lässt sich ablesen, welche Emotionen gesellschaftliche Phänomene hervorzurufen imstande sind. Umso mehr schätzt Hirsch die Objektivität der Mathematik – deren Studium er neben seinem Studium der Volkswirtschaftslehre absolviert hat. „Ein riesengroßer Vorteil der Mathematik in der Wissenschaft und auch in den Sozialwissenschaften, und Volkswirtschaft ist eine Sozialwissenschaft, ist, dass man mit der Mathematik Annahmen explizit macht. Und die Beweisführung, wie man von den Annahmen zu den Schlussfolgerungen kommt, auf eine transparente Art und Weise hinbekommt, dass immer explizit wird, wo derjenige, der diese Analyse durchführt, Annahmen eingebracht hat, die er voraussetzt, aber nicht beweist. Mathematik bringt Transparenz und Nüchternheit herein“, fasst er zusammen.

„Was nützt eine Landkarte im Maßstab 1:1?“

Ein Thema, das unter verschiedenen Blickwinkeln immer wieder in seiner Forschung auftaucht, ist ökonomischer Wettbewerb auf Arbeitsmärkten. Dabei lassen sich zwei Formen von Wettbewerb unterscheiden: Vollkommener Wettbewerb und unvollkommener Wettbewerb. Vollkommener Wettbewerb würde bedeuten, dass, wenn ein Arbeitgeber den Lohn auch nur um einen Cent kürzt, der Arbeitnehmer sofort kündigen und sich einen Job suchen würde, in dem er mindestens seinen Lohn vor der Kürzung verdient. Unvollkommener Wettbewerb hingegen ist ein Zustand, in dem Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer auch trotz Lohnkürzungen halten können, etwa weil andere Faktoren, wie Pendelzeit oder Betriebsklima, aus Sicht des Arbeitnehmers den geringeren Lohn aufwiegen. „Und die Frage ist nun nicht, was von beidem realistisch ist, denn natürlich ist es ein Extremfall zu sagen, eine Lohnkürzung hätte keine Konsequenzen. Entscheidend ist, was die Wirklichkeit besser approximiert.“ Boris Hirsch folgt dabei der These, dass die „weichen“, nicht-entgeltlichen Faktoren wie bestimmte Arbeitsplatzeigenschaften für Arbeitnehmer relevant sind. „Die Frage, die meine Forschungsarbeit in diesem ganzen Zusammenhang zusammenhält, ist, wie stark sich Lohnsetzungsmacht und Lohnsetzungsspielräume gegenüber einzelnen Arbeitnehmergruppen unterscheiden. Arbeitgeber haben zum Beispiel gegenüber Migranten höhere Lohnsetzungsspielräume als gegenüber Einheimischen. Und sind sie in der Größenordnung, dass wir damit ein Teil der Lohnunterschiede, die wir zwischen den verschiedenen Gruppen beobachten, erklären können? Bei Migranten und Einheimischen ist dies der Fall. Es handelt sich aber stets um ein ökonomisches Modell, ein Modell, das von ganz vielen Facetten der Wirklichkeit abstrahiert. Abstrahieren muss es – was nützte mir eine Landkarte im Maßstab 1:1?“


Seit August 2016 ist Boris Hirsch Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Mikroökonometrie und Politikevaluation am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Leuphana Universität Lüneburg. Das Studium der Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Mathematik an der FernUniversität Hagen schloss er 2006 ab. 2009 wurde er mit einer Arbeit zu „Monopsonistic Labour Markets and the Gender Pay Gap: Theory and Empirical Evidence“ am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg summa cum laude promoviert und habilitierte sich 2015. Seine Forschungsergebnisse sind in international renommierten Zeitschriften wie dem Economic Journal, dem Journal of Labor Economics, dem Industrial and Labor Relations Review, Economics Letters und Labour Economics erschienen.

Prof. Dr. Boris Hirsch
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Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.