Meldungen aus der Forschung

Cornelie Dietrich untersucht Musik, Stimme und Sprache in der ästhetischen Bildung

09.09.2016 Prof. Dr. Cornelie Dietrich ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Leuphana. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Ästhetische Bildung. Seit 2014 leitet sie das Forschungsprojekt „Musik. Stimme. Sprache“, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Im Interview erklärt sie, was Ästhetische Bildung überhaupt ist, und was das Projekt damit zu tun hat.

Prof. Dietrich, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die ästhetisch-kulturelle Bildung. Was versteht man darunter?
Allgemein sind damit zunächst einmal solche Bildungsprozesse angesprochen, die in den sinnlichen Wahrnehmungen ihren Ausgangspunkt nehmen und ihren Gegenstand finden. Besonders vertraut ist uns das aus den Künsten wie etwa der Musik oder dem Tanz, und dort finden auch ganz spezifische ästhetische Erfahrungen statt. Aber als Teilgebiet der Allgemeinen Erziehungswissenschaft wird die ästhetisch-kulturelle Bildung umfassender behandelt, nämlich als eine wesentliche Dimension der Bildung überhaupt. Man kann ja schlechterdings nichts lernen ohne seine Sinne und seinen Körper, sei es Mathematik und  Sprachen oder auch kochen, Manieren oder glückende Beziehungen.

In meiner Forschung geht es dabei vor allem um diese Dimension der Bildung bei Kindern. Besonders jüngere Kinder lernen sehr viel über die Sinne, im Laufe ihrer formalen Bildung wird dieser Weltzugang aber häufig immer mehr an den Rand bzw. in Einzelfächer gedrängt. Ich glaube, wir tun uns mit dieser Parzellierung und Marginalisierung kulturell keinen Gefallen, und auch die Bildungspolitik beginnt, dies einzusehen. Im ästhetischen Lernen bildet man sich nicht nur für kulturelle Teilhabe und Kunstgenuss, sondern kann auch auf spezifische Weise z.B.  so etwas wie menschliche Anteilnahme und Mitgefühl hervorbringen; sie kann Menschen stärken, aber auch in ihrer Verletzlichkeit und Imperfektheit zueinander öffnen. Zugleich darf man nicht vergessen, dass gerade über die (bürgerlichen) Künste Bildung als ein Distinktionsmittel gegenüber den sogenannten unteren Schichten fungierte. Ästhetische Bildung ist also nicht so harmlos, wie mancher denkt. Auch dies gehört zum Forschungsfeld.

Sie haben 2012 auch eine Monographie mit dem Titel „Einführung in die Ästhetische Bildung“ veröffentlicht, die 2013 in zweiter Auflage erschien. Worum geht es in der Monographie?
Das Forschungsfeld der Ästhetischen Bildung ist ein sehr breites; mit der Monographie wollten wir zum einen etwas Klarheit über Begriffe, die im Zusammenhang der Ästhetischen Bildung immer wieder auftauchen, schaffen, aber auch einen Überblick über die Traditionen der Ästhetischen Bildung vermitteln. Theorien zur Ästhetische Bildung gibt es bereits seit Platon, wir haben jedoch bei Schiller, also im deutschen Idealismus, andererseits bei John Dewey, im amerikanischen Pragmatismus , angesetzt.

Außerdem verschafft die Monographie einen Überblick über jüngere Herausforderungen der Ästhetischen Bildung. Dazu gehört zum Beispiel die wachsende gesellschaftliche Diversität, die nicht nur unsere Schulen, sondern eben die ganze Kultur verändert. Ich bin überzeugt davon, dass es viele Möglichkeiten gibt, neue kulturelle Formen zu entwickeln, die diese Diversität und notwendige Transformationen nicht nur „spiegeln“, sondern selbst mit gestalten. Dieser Bedarf an neuen kulturellen Ausdrucksformen muss aber auch wertgeschätzt und etabliert werden. Eine weitere Herausforderung, der sich die Ästhetische Bildung stellen muss, hängt damit zusammen, es ist die der Finanzierung. Von Seite der Politik aus werden die Etats für Kunst und Kultur, gerade im Jugendbereich, gekürzt. Daher geraten Institutionen wie Musikschulen, Kindertheater, die früher kontinuierliche Angebote machen konnten immer mehr in eine diskontinuierliche Projektstruktur und sind verstärkt auf private Geldgeber angewiesen. Damit verändert sich der Diskurs über das, was als förderungswürdig, oder, soziologisch gesprochen, als legitime Kultur angesehen wird.

Ein Beispiel für die Förderung von Projekten im Bereich Ästhetischer Bildung durch öffentliche Mittel ist das vom BMBF geförderte Projekt „Musik.Stimme.Sprache“, bei dem VokalkünstlerInnen ohne pädagogische Ausbildung auf die Arbeit mit Kindern im Alter von vier bis acht Jahren vorbereitet wurden. Die Weiterbildung war in drei Präsenzphasen aufgeteilt, von denen die letzte im August dieses Jahres stattfand. Dazwischen haben die Teilnehmenden bereits eigene Projekte entwickelt und erprobt. Frau Prof. Dietrich führt zu diesem Projekt die wissenschaftliche Begleitung durch.

Wie sah der Ablauf des Projekts aus? Fand während der Workshops für die Teilnehmenden bereits eine Zusammenarbeit mit Kindern statt?
Das BMBF möchte mit dieser Entwicklungsforschung die interdisziplinäre Zusammenarbeit von KünstlerInnen und pädagogischen Institutionen fördern. Trotz vieler guter Ansätze scheitert eine solche Kooperation oft an den verschiedenen Logiken, mit denen ein freier Künstler und eine Pädagogin in einer etablierten Einrichtung wie Schule oder Kindergarten arbeiten.  KünstlerInnen benötigen neben dem Wissen über Kindheit, Entwicklung und Vermittlung daher auch Kenntnisse über Institutionenlogiken, damit sie später überhaupt dort hineinfinden. Teilnehmende der Weiterbildung, die an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel durchgeführt wird, waren unter anderem Schauspielerinnen, Musiker und Sängerinnen  verschiedenster Stile, Zirkusartisten und professionelle  Erzähler, also lauter Menschen, die mit ihrer Stimme ihr Geld verdienen. Es war sehr interessant, diese Heterogenität als eine sehr fruchtbare, gegenseitige Bereicherung zu erleben. Zwischen den Präsenzphasen in der Bundesakademie fanden bereits eigene kleine Projekte mit Kindern statt. Außerdem wurden Wolfenbütteler Kinder in die Weiterbildung eingeladen, für welche die Teilnehmenden ein Programm vorbereiteten. Dies wurde in Kleingruppen angeleitet und anschließend reflektiert, zwei eingebaute pädagogische Praktika also. Durchgeführt wurden diese Workshops von professionellen MusikpädagogInnen.

Mit einem Forschungsteam haben wir diese Weiterbildung begleitet. Dabei haben wir die Teilnehmenden  und DozentInnen videografisch beobachtet und befragt, auch Gruppendiskussionen geführt und so die Themen unserer Forschung aus der Praxis heraus generiert.

Welche Themen sind das?
Nun, das ist zum einen das eben schon angesprochene professionelle Selbstverständnis der KünstlerInnen, das in der Weiterbildung quasi pädagogisch erweitert, zum Teil auch heftig irritiert wird. Da spielen z.B. Vorstellungen von Freiheit versus Zwang, zielorientierter Planung versus offener Prozesse, künstlerischer Qualität und ihrer Bewertung eine Rolle. Das sind zum anderen Fragen nach dem Gelingen und Misslingen non-formaler Lernprozesse, die in solchen Weiterbildungen erfolgen, aber auch darüber hinaus für zum Beispiel Fragen der Schulentwicklung bedeutsam werden können, dort wo sich Schule nicht mehr auf den Unterricht in annähernd homogenen Lerngruppen beschränkt, sondern viele weitere Aufgaben erfüllt, die eben auch das nonformale Lernen einschließen. Und drittens beschäftigen wir uns weiterhin mit den Zusammenhängen zwischen den zentralen Inhalten, Sprache, Kommunikation, und ihre musikalisch-klanglichen Dimension in künstlerischer Arbeit.

Waren die Projekte, die die Teilnehmer in den Präsenzphasen entwickelt haben eine Art Grundstein für das, was später möglich ist?
Ja und nein. Die Künstlerinnen haben vieles gelernt, eigene Projekte entworfen und auch direkt mit Kindern ausprobieren können. In manchen Fällen ist das gut gelungen. Eine Teilnehmerin hat beispielsweise ein Theaterprojekt mit syrischen Kindern von Geflüchteten durchgeführt. Während des vierwöchigen Projektes haben die Kinder Szenen über ihre Situation als Geflüchtete entwickelt und dabei auch Deutsch gelernt – anfangs konnte man sich nur pantomimisch verständigen, aber das ist ja zentral im Theater. Das, was andernorts immer als Defizit angesehen wird, wird also hier zum zentralen künstlerischen Gestaltungselement. Ich denke, das ist pädagogisch hoch bedeutsam. In den Projekten wurde so das Feld zwischen Sprache, Musik und Stimme experimentell ausgelotet. Es ging uns  dabei immer darum, die Kinder auch zu einer eigenen Expressivität und Artikulation zu befähigen Und wie jedes Experiment sind auch bei uns einige Versuche nicht nach Plan gelaufen, da müssen die TeilnehmerInnnen noch ein paar produktive Umwege gehen, aber das gehört dazu - und ist für uns, nebenbei, ein spannendes Forschungsfeld.

Haben Sie bereits erste Forschungsergebnisse vorliegen?
Ergebnisse haben wir noch nicht, wir freuen uns auf das nächste Jahr, das uns noch zum Auswerten der ethnografischen Daten bleibt. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir zu den angesprochenen Fragen dann einiges Neues werden beitragen können. Im März ist zudem eine Tagung geplant, auf der wir noch einmal mit ExpertInnen aus Erziehungswissenschaft, Musikpädagogik, Sprecherziehung und verschiedenen Kunstwissenschaften unsere Ergebnisse diskutieren werden, bevor wie sie publizieren.

Warum ist die Beschränkung auf Stimme und Sprache, und nicht beispielsweise Leseförderung, in dem Projekt so wichtig?
Die Stimme ist das Bindeglied zwischen Sprache und Musik. Und da das Thema Sprache riesengroß ist in der Schule, besonders vor dem Hintergrund der Migration und Inklusion, haben wir uns in diesem Feld bewegt. Dabei stand der Gedanke im Vordergrund, dass den so genannten Spracherwerb ja erst einmal eine Kommunikationslust, ein Mitteilungsbegehren und ein  Artikulationsmut fundieren, was bei manchen Kindern nicht unbedingt von selbst da ist, aber durch ästhetische „Kanäle“ durchaus gefördert werden kann. Natürlich kann man das auch auf den Schriftspracherwerb erweitern, eine Teilnehmerin bei uns hat das sogar auch gemacht.

Sie haben gerade das Thema „Migration und Inklusion“ angesprochen. Gab es in dem Projekt auch Schwerpunkte zur Förderung der Integration durch Kinder aus Migrantenfamilien?
Integration war zwar kein Themenschwerpunkt des Programms, aber er entwickelte sich durch die Teilnehmenden. Die Begleitforschung  war responsiv angelegt: Die Forschungsarbeit ist darauf angelegt, den künstlerischen Vorerfahrungen und Erwartungen der Teilnehmenden von Phase zu Phase gerechter zu werden. Die Teilnehmenden hatten zum Teil selbst einen Migrationshintergrund, sind im interkulturellen Kontext beschäftigt, und haben integrative Themen deshalb auch eingefordert, und diese wurden über das letzte Jahr dann auch dort mit eingearbeitet. Die Teilnehmenden sind also nicht Forschungsobjekte, sondern werden als ExpertInnen in eigener Sache adressiert, so wie wir das in der Kindheitsforschung auch versuchen.

 

Ich bedanke mich für das Gespräch!


Prof. Dr. Cornelie Dietrich
Universitätsallee 1, C1.220
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1622
Fax +49.4131.677-1688
cornelie.dietrich@uni.leuphana.de


Das Interview führte Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.