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Den Hörsaal verlassen. Isabel von Wilcke im Interview

16.09.2016 Isabel von Wilcke promoviert am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft zur Aura und zu Transformationen in der Kunst. Daneben organisiert sie die beliebte Vortragsreihe „10 Minuten Philosophie“. Die Kurzvorlesung bietet während des Semesters immer dienstags Einblicke in vielfältige philosophische Themenkomplexe und Fragestellungen. Die „10 Minuten“ hatten kürzlich einen Gastauftritt auf dem Luhmühlen-Festival („A Summer’s Tale“) und wurden somit einer noch weiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Interview erzählt Isabel von Wilcke von dem Festival, der Aura des Haschischkonsums und dem Promovieren an der Leuphana.

Was macht „10 Minuten Philosophie“ so besonders?

Im Pausenformat gewährt sie einem breitem Publikum Einblick in verschiedene philosophische bzw. kulturtheoretische und vor allem kulturkritische Themen. Das Programm ist von Semester zu Semester äußerst abwechslungsreich. Wir hatten bereits Gastvortragende aus Amerika, Japan und diversen deutschen Universitäten. Die „10 Minuten“ sind längst ein bewährtes und beliebtes Format an der Leuphana, Studierende aller Fachrichtungen kommen zu den Kurzvorträgen, aber auch Gasthörer aus Lüneburg und Umgebung. Und auch die Vortragenden schätzen die Möglichkeit, einen komprimierten Einblick in ihre Forschungsfelder zu bieten – es gibt jedes Semester deutlich mehr Interessenten als Termine für die „10 Minuten“. Ich selbst habe das Format schon als Studentin sehr geschätzt – und tue es heute noch. Es ist abwechslungsreich, und als Vortragende kann man sich auch experimentell versuchen. Dabei ist es gar nicht einfach, einen Gedankengang auszuführen, wenn man nur zehn Minuten Zeit hat.

Wie war es, dieses Format auf dem Festival durchzuführen?

Wir, das Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft, sind mit „3 x 10 Minuten Philosophie“ aufgetreten. Wir hatten uns Themen überlegt, die zum Festival passen. Mein Vortrag war zu Aura und Haschisch. Dann folgte Yvonne Försters zum Thema Mode und abschließend sprach Steffi Hobuß zum Schweigen, sozusagen zum Gegenkonzept eines Festivals. Das Publikum in dem überfüllten Zelt war ermutigend, wir haben viele interessierte Rückmeldungen bekommen. Die Leute sind, auch wenn sie keine Philosophie studieren, von philosophischen Fragen fasziniert. Daher halte ich es für wichtig, die Philosophie zu entstauben. Als Philosophin muss man zwar alte Bücher lesen und Theorien verstehen, die bis in die Antike zurück reichen, doch essentiell ist immer die Frage nach der Gegenwart, danach, wie eine Frage uns betrifft. Philosophie ist nicht verstaubt, Philosophie ist anpassungsfähig. Alte Theorien können Antworten für das Heute liefern.

Sie wollen also die Philosophie mehr in die Gesellschaft bringen?

Ja! Es wird ja durchaus schon besser. Wie auch immer man zu „Pop-Philosophen“ stehen mag, so muss man ihnen eines zugestehen: Sie sorgen dafür, dass Leute sich wieder stärker für Philosophie interessieren.

Wie war die Stimmung bei dem Vortrag in Luhmühlen?

Es war für uns alle ein besonderes Erlebnis. Wir sind in einem blauen Zirkuszelt mit Sternenhimmel aufgetreten und waren alle vorher etwas nervös. Festival und Philosophie? Passt das wirklich zusammen? Wird überhaupt jemand kommen? Es hörten dann über 200 Leute in dem überfüllten Zelt zu, viele mussten stehen. Und viele kamen nach den Vorträgen und hatten noch Fragen oder eigene Ideen.

Copyright by Robin Schmiedebach/A Summer's Tale.

Sie hielten einen Vortrag zu „Haschisch und Aura“ – hat Haschisch überhaupt etwas mit Philosophie zu tun?

Aura ist ein Begriff der Philosophie, eingeführt hat ihn Walter Benjamin. Im Alltagsverständnis hat „Aura“ manchmal einen etwas esoterischen Beiklang. Doch die ursprüngliche Bedeutung ist Luft, Hauch, Schimmer oder Schein. Walter Benjamin hat die Aura bei Selbstversuchen mit Haschisch erstmals an Menschen sinnlich wahrgenommen. Berühmt geworden ist er dann mit seinen Überlegungen zur Aura des Kunstwerks, die er vor allem in seinem Manifest „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ entworfen hat.
Die Frage nach auratischer Kunst ist auch heute aktuell, es gibt zum Beispiel digitale Auren, beziehungsweise Digitales, das eine Aura evozieren möchte. Wenn wir einen Science-Fiction-Film schauen und in seltsame Welten transportiert werden, dann hat dieser Übergang auch etwas Auratisches.

Was ist eigentlich die Aura eines Dinges?

Dinge faszinieren uns, vor allem altmodische, die uns eine kleine innere Zeitreise machen lassen. Wir schauen heute einen Kassettenrekorder ganz anders an als zum Beispiel ein Smartphone. Es geht letztlich um die Interaktion, das, was zwischen dem Beobachtenden und dem Gegenstand passiert. Diese Interaktion kann als Erinnerung erfolgen: Zum Beispiel die Kuckucksuhr unseres Großvaters: an sich ein schrecklich kitschiges Objekt. Aber wenn man sie irgendwann wiedersieht, dann freut man sich, erinnert sich, wird vielleicht melancholisch.

Letztes Semester haben Sie ein Seminar zum Thema „Tod“ durchgeführt. Aber Menschen sterben nun mal – kann man dazu philosophisch viel mehr sagen?

Die einzige Gewissheit, die wir im Leben haben, ist, dass wir sterben. Wir denken viel über die Liebe nach. Alles dreht sich um Liebe, Sex, Macht. Dieses Thema schreit uns quasi täglich an. Jeder Film, jedes Buch, das man liest, setzt sich damit auseinander. Aber um den Tod geht es selten. Dabei wissen wir mit Bestimmtheit, dass wir sterben werden. Wir trauen uns aber selten, darüber nachzudenken. In dem Seminar über Endlichkeit und Tod habe ich dazu angeregt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – nicht um in Melancholie zu verfallen, sondern um das Leben bewusster zu gestalten.

Wie ist es, an der Leuphana zu promovieren?

Ich bin an der Graduate School eingeschrieben und habe ein Stipendium über das Institut. Ich gehörte zu den ersten, die in einem Promotionsstudium promovieren, das heißt, dass ich also auch Seminare absolvieren muss. Einerseits bedeutet das zusätzliche Arbeit, doch andererseits bietet es Anregungen, und man lernt auch die anderen Promovenden kennen. An der Dissertation zu schreiben, ist ein einsames Projekt. Da sind solche Geselligkeitsinseln sehr angenehm.

Vielen Dank!


Im Rahmen ihrer Promotion „Transformationen der Kunst. Phänomenologische Analysen zu Wandel der Kunst (im 21. Jhd.)“ beschäftigt sich Isabel v. Wilcke mit Phänomenologie, philosophischer Ästhetik, Kulturtheorie und Bildwissenschaften. Neben dem Promotionsstudium ist Isabel v. Wilcke als Lehrbeauftragte tätig und gibt dieses Semester ein Master-Seminar im Komplementärstudium „Knowledge and Science“ zum Thema Wissenschaftstheorie. Neben dem wissenschaftlichen Schreiben ist Isabel v. Wilcke auch journalistisch tätig. Zuletzt erschien in der FAZ von ihr eine Ausstellungsbesprechung zur Familie Mann „Herzasthma eines Vertriebenen“.


Das Interview führte Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.