Meldungen aus der Forschung

Vom Experimentalstudio zur Sound-App – Sound and Music Computing Conference (SMC) 2016

23.09.2016 Als Ende der 1950er die ersten Versuche zu einer neuartigen Computermusik begannen, konnte niemand ahnen, dass Anfang des 21. Jahrhunderts digitale Sounds die Alltagsmusik dominieren würden. Das Ende des Nischendaseins digitaler Musik und ihre Geschichte in musikalischem Experiment und wissenschaftlicher Reflexion war zentrales Thema der SMC 2016 in Hamburg, die in Kooperation der Hochschule für Musik und Theater (HfMT), der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW), der Leuphana Universität Lüneburg und der Universität Hamburg veranstaltet wurde.

Rolf Großmann, Professor für Digitale Medien und auditive Gestaltung an der Leuphana, und sein Team waren dabei für das wissenschaftliche Programm mit 40 Vorträgen in 10 Sektionen sowie 40 weiteren Posterpräsentationen verantwortlich. Unter Federführung der HfMT (Prof. Dr. Georg Hajdu), die sowohl die Gesamtkonferenz koordinierte als auch Konzerte und Performances auf Kampnagel kuratierte, wurde die Hamburger Konferenz an der HAW (Prof. Dr. Robert Mores; Kurator künstlerische Installationen) und auf Kampnagel für ein internationales Publikum durchgeführt.

Das Programm umfasste das gesamte Spektrum digitaler Musik: Von der Geschichte der Klangsynthese, also der Erzeugung künstlicher oder der technischen Veränderung natürlicher Klänge, über aktuelle Verfahren der Realtime-Composition bis zur exotischen Learning-App für ein Gesangstraining im Stil der Peking Oper.

Ganz im Sinne der historischen Entwicklung digitaler Kultur wurde als Ehrengast und Keynotespeaker Soundsynthese-Pionier John Chowning mit der Ehrendoktorwürde der HfMT ausgezeichnet. Chowning, der Ende der sechziger Jahre an der Stanford University die digitale FM-Synthese entwickelte, hatte Teil an der geradezu explosionshaften Ausbreitung digitaler Gestaltungsverfahren, die in den 1980er Jahren einsetzte. Sein Syntheseverfahren wurde an Yamaha lizensiert und prägte mit dem DX7, dem erfolgreichsten Synthesizer dieser Zeit, den Sound der 80er. Metallische Bässe, glasige Keyboard-Sounds und dynamische Flächen aus der FM Synthese Chownings gehörten zur Grundausstattung der Hits von Michael Jackson und Tina Turner und wurden von unzähligen Bands kopiert.

Realtime Composition ist eine Verbindung von Komposition und Improvisation: Digital unterstützt entsteht die Struktur der Musik erst im Moment ihrer Aufführung.
Offen für musikalische Experimente: Eine Violine, die mittels eines Lautsprechers gespielt wird.

Der Best Paper Award ging an Adrian Freed (University of California, Berkeley), für seine präzise Beschreibung der Problematik der Archivierung digitaler Pionierinstrumente. Sein Beispiel zeigte, dass die aktuelle Instrumentenentwicklung auf eine lange Tradition zurückgreifen kann, deren Ideenreichtum noch keineswegs ausgeschöpft ist. Auch die Stadt Hamburg selbst spielt in dieser Tradition eine wichtige Rolle, dort wurden die ersten Sequenzerprogramme (Steinberg und Emagic) für einen internationalen Markt programmiert, deren Nachfolger heute noch in den Studios die Standards aktueller Musikproduktion bestimmen. Die Hamburger Sound and Music Computing Conference 2016 erwies sich in diesem Kontext als ideales Forum einer Auseinandersetzung mit digitaler Kultur und ihrer Geschichte.

„Die diesjährige SMC hat verdeutlicht, dass digitale Musik in der Gesellschaft angekommen ist“, fasst Rolf Großmann zusammen, „sie wird auch in der Wissenschaft nicht länger nur als technisches Phänomen, sondern als kulturelle Praxis betrachtet. Große Teile der gegenwärtigen Pop-Musik etwa wären ohne digitale Klangtechniken nicht möglich. Gleichzeitig hat sich digitale Musik ihre Innovationskraft, ihre Lebendigkeit bewahrt – die Vorträge und Konzerte haben das sehr eindrucksvoll gezeigt.“ 


Kontakt

Apl. Prof. Dr. Rolf Großmann
Universitätsallee 1, C5.322
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1231
Fax +49.4131.677-1246
grossmann@leuphana.de


Redaktion: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.