Meldungen aus der Forschung

Achtsam nachhaltig. Antrittsvorlesung Prof. Dr. Daniel Fischer

14.11.2016 Nachhaltigkeitswissenschaftler Daniel Fischer wurde im Juni 2016 als Juniorprofessor an der Leuphana berufen. In seiner Antrittsvorlesung am 9. November stellte er sein Forschungsprogramm vor, welches Nachhaltigen Konsum und Nachhaltigkeitskommunikation als Eckpunkte hat.

Daniel Fischer nähert sich der Nachhaltigkeit auf zwei Wegen: Über den nachhaltigen Konsum und die Nachhaltigkeitskommunikation. Dabei sieht er beide als Zugänge zur Frage, wie sich eine nachhaltige Entwicklung, die den Attraktor seiner Forschung darstellt, gestalten lässt. Unter nachhaltiger Entwicklung versteht er den Fokus auf die Bedürfnisse der Ärmsten der Welt, während gleichzeitig die Grenzen der natürlichen Umwelt beachtet werden. Es geht ihm darum, die Grenzen, die sozusagen von dem Planeten Erde vorgegeben sind, mit den sozialen Grundlagen und Anforderungen der Menschen in Beziehung zu setzen. 

Nachhaltiger Konsum

Es herrscht ein breiter Konsens darüber, dass Konsum in weiten Teilen heute zu nicht-nachhaltiger Entwicklung beiträgt. Konsum umfasst viele Bereiche: Unter anderem Mobilität, Kleidung, Nahrung. Dabei steht Konsum für weit mehr als nur das Kaufen: Von der Auswahl einer Ware über das Benutzen bis zum Wegwerfen sowie der eventuellen Wiederbenutzung und Weiterverwendung. In diesem komplexen Bereich richtet sich Daniel Fischers Forschung auf den Begriff der Bedürfnisse als einen Kernbegriff der Nachhaltigkeit. Unter anderem setzt er sich hier mit anthropologischen Ansätzen wie dem von Manfred Max-Neef auseinander, der eine Liste grundlegender und universaler menschlicher Bedürfnisse aufgestellt hat. “It is not the needs that change over time and between cultures, but simply the ways in which these needs are satisfied”, erklärt Fischer dazu. In dieser Sichtweise ist zum Beispiel das exzessive Einkaufen von Kleidung, „Shopping“, kein Bedürfnis an sich, sondern vielmehr eine Möglichkeiten, grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen. Shopping wäre demnach eines von mehreren möglichen Mitteln, um ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder etwa nach dem Ausdruck der eigenen Identität zu befriedigen. „Shoppen“ ist lediglich ein sozial konstruiertes Mittel, ein möglicher Befriediger (Satisfier), um dieses Bedürfnis zu stillen. 

Nun ist es, zeigt Fischer, für unsere gegenwärtige Gesellschaft charakteristisch, dass wir dazu neigen, unsere Bedürfnisse durch Kaufverhalten und Konsumgüter befriedigen – Soziologen sprechen auch von der Konsumgesellschaft. Eine große Herausforderung auf dem Weg in eine nachhaltige Gesellschaft besteht für Fischer darin, heute weit verbreitete konsumbezogene Befriediger durch solche zu ersetzen, die nicht nur ökologisch effizienter und sozialverträglicher sind, sondern im Idealfall auch unsere Bedürfnisse besser befriedigen. Hier gälte es, systematisch auch Alternativen zur konsumgüterbezogenen Bedürfnisbefriedigung zu erproben, worin für Fischer sowohl eine kulturelle Herausforderung als auch eine wichtige Aufgabe für Forschung zum nachhaltigen Konsum liegt. 

Achtsamkeit für Nachhaltigkeit nutzen

Als eine Strategie, wie individuell zu nachhaltigem Konsum gefunden werden kann, stellt er das Konzept der Achtsamkeit vor, die im Mittelpunkt eines seiner Forschungsprojekte steht. Achtsamkeit, Mindfulness, ist eine aus der buddhistischen Tradition stammende Praxis, die in den vergangen Jahrzehnten auch erfolgreich in klinischen Zusammenhängen in der Behandlung von Stress-Symptomen und Depression eingesetzt wurde. Achtsamkeit bezeichnet den Zustand bewusster Aufmerksamkeit, einem „präsent sein“ in der Gegenwart, ohne das Gesehene oder Gelebte gleich zu bewerten. Mit Achtsamkeit werden zahlreiche Potenziale und Hoffnungen verbunden: es soll helfen, Routinen und Gewohnheiten zu unterbrechen, um Werte und Verhalten besser in Einklang zu bringen, nicht-materielle Werte wahrzunehmen und das allgemeine Wohlbefinden sowie soziales Verhalten zu befördern. Obwohl Achtsamkeit für nachhaltigen Konsum relevante Potenziale aufweist, gebe es bislang dazu jedoch kaum Forschung. Fischer führt aus: „In our project that we are carrying out with the Technical University Berlin, we are making the attempt to address these research gaps. At the heart of the project is the development of a consumption specific mindfulness training program that is going to be delivered to three different audiences – university students, school pupils and employees in companies and public administration.” Ziel des Projektes ist es, Strategien zu entwickeln, die es Menschen ermöglichen, ihre Konsumgewohnheiten zu reflektieren und zu verändern. Das Lüneburger Team um Daniel Fischer widmet sich dabei insbesondere der Frage, wie sich die Potenziale von Achtsamkeit für die Bildungspraxis nutzen lassen. 

Das Wort „Nachhaltigkeit“ in Zeitungen: Schreiben oder verschweigen?

Unter seinem zweiten Forschungsschwerpunkt, Nachhaltigkeitskommunikation, versteht Fischer die beständige Aufgabe, ein Verständnis zum Verhältnis zwischen der sozialen und der natürlichen Welt herzustellen, dieses Verständnis in den sozialen Diskurs einzuführen, um Bewusstsein für die Herausforderungen herzustellen und die gesellschaftliche Problemlösungskapazität zu stärken. In einem Forschungsprojekt dazu untersuchte er in einer empirischen Studie, wie oft und mit welcher Bedeutung das Wort „Nachhaltigkeit“ in Zeitungen in Deutschland erschien. Dabei fand er heraus, dass sich in den letzten 20 Jahren der Gebrauch massiv verändert hat. So wird das Wort „Nachhaltigkeit“ heute doppelt so häufig benutzt wie vor zwanzig Jahren. Zudem vollzieht sich ein Bedeutungswechsel von einer alltäglichen Bedeutung (zum Beispiel: „Der Wein hat einen nachhaltigen Abgang“) hin zu der einer häufigeren Verwendung im fachlichen Sinne (zum Beispiel: „Recycling trägt zur Nachhaltigkeit bei“). Fischer spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „semantischen Aufladung“ bzw. einer „semantischen Sättigung“ des Begriffs. Gleichwohl weist er darauf hin, dass auch heute noch jede zweite Begriffsverwendung Nachhaltigkeit lediglich in einem alltagssprachlichen Sinne meint. In dieser wie in anderen Studien zielt Fischer unter anderem darauf ab, den Forschungsbereich der Nachhaltigkeitskommunikation empirisch zu untermauern.

Zum Schluss betonte er, dass sich bereits in den ersten Monaten seiner Professur viele neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und zum Austausch mit Kolleginnen und Kollegen an der Universität ergeben haben, auf deren Vertiefung er sich freue. Ganz besonders hebt er hier sein Team heraus: „In fact, I feel privileged that I do not have to live the life of a lone rider, but that I have a small but wonderful team around me. In the first weeks after I started my new role in June, we discussed intensively and controversially about our research interests and future research fields as a group”, und fügte hinzu, “I very much look forward to continuing this.”


Nach einem Lehramtsstudium und einem Bildungsmanagement-Master in Osnabrück und Wien promovierte Daniel Fischer 2014 zum Thema “Der Beitrag von Schule zur Bewältigung der globalen Konsumherausforderung – konzeptionelle Klärungen und empirische Beiträge zum Spannungsverhältnis von Erziehungs- und Nachhaltigkeitswissenschaft”. Seit Juni 2015 leitet er die Arbeitsgruppe SuCo² (Sustainable Consumption & Sustainability Communication) am Institut für Umweltkommunikation sowie das berufsbegleitende Studium „Nachhaltigkeit und Journalismus“ an der Professional School

Kontakt

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daniel.fischer@leuphana.de


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.