Meldungen aus der Forschung

Handlungsräume aufmachen. Prof. Dr. Astrid Neumann im Interview

18.11.2016 Astrid Neumann ist Professorin für die Didaktik der deutschen Sprache am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik. Die Herangehensweisen von Sprachdidaktik, Schulforschung und Germanistik verbindend forscht sie zu verschiedenen Formen der Vermittlung deutscher Sprache. Im Interview berichtet sie unter anderem von ihrem aktuellen BMBF-Projekt, den Herausforderungen von Deutsch als Fremdsprache und einem veränderten Kommunikationsverhalten der aktuellen Generation.

Worum geht es in Ihrem großen BMBF-Projekt „EvaFa“?

EvaFa“ ist ein Evaluationsprojekt, in dem wir in schulischen Verbünden die Wirksamkeit von sprachfördernden Maßnahmen unterstützen wollen. Dabei geht es um die Durchführung von sprachförderndem Unterricht in Schulen in verschiedenen Bundesländern. Wir unterstützen die Schulen dabei und evaluieren ihre Wirksamkeit.

Vor welchen Herausforderungen steht das Projekt?

Wir stoßen hier, noch stärker als bei anderen Projekten, an Grenzen zwischen den einzelnen Bundesländern, beziehungsweise an deren Kultushoheit. Das BMBF-Projekt wird zwar prinzipiell von allen unterstützt, doch wenn man dann etwas konkret erfahren will, braucht man von den jeweiligen Behörden in den Kultusministerien Genehmigungen. Das ist ein bisschen, nun, herausfordernd.

Was bedeutet das Projekt für Sie persönlich?

Ich schließe biografisch wieder ganz an den Beginn meiner Berufsbiographie an, weil ich auf einmal wieder intensiv mit der Schule und ihrer Struktur zu tun habe. Wir arbeiten unter anderem mit Schulen in Berlin zusammen, was mir extrem zu Gute kommt, weil ich die Berliner Schulen ganz gut kenne. Auch mit Schulen in Nordrhein-Westfalen und in Bayern. Diese Bundesländer stehen alle für jeweils eine ganz eigene Lernkultur, das macht es für mich sehr interessant. Die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern klappt in den meisten Fällen gut. Und es ist gerade auch ganz spannend, weil wir nun von den Lehrerinnen und Lehrern Materialien bekommen, die diese für den sprachsensiblen Unterricht entwickeln. Die evaluieren wir, das heißt, wir suchen dazu Positionen, und diskutieren die in einer Art Rückmeldeschleife wieder mit den Lehrerinnen und Lehrern.

Sie sprachen gerade von „sprachsensiblem Unterricht“ – was kann man sich darunter vorstellen?

Es geht darum, Sprache sensibel einzusetzen, beziehungsweise eine Sensibilität für sprachliche Phänomene im Unterricht zu entwickeln. Dies kann zum Beispiel der Hinweis sein, zugunsten von Verben auf Substantiv-Konstruktionen zu verzichten. Oder dass in der Physik oder der Mathematik viele Wörter der Alltagssprache verwendet werden, die aber in diesen Fächern eine ganz andere Bedeutung haben. Die Wörter „Kraft“ oder „rational“ wären Beispiele. Wir versuchen zukünftige Lehrerinnen und Lehrer darauf vorzubereiten, darauf sprachsensibel zu reagieren und zwar, damit sie die Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler verstehen können. Dabei sind es eben nicht nur die Migratinnen und Migranten, die damit Schwierigkeiten haben, sondern durchaus auch die anderen. Im Fachunterricht haben alle erst einmal Probleme und müssen erst einmal die geforderten Sprachformen der sogenannten „Bildungssprache“ lernen. Auch was wir in dem Fach „Deutsch als Zweitsprache“ machen, kommt nicht nur den Migrantinnen und Migranten zugute – sondern allen, auch den Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern.

Fällt es den heutigen Schülerinnen und Schülern eigentlich schwerer zu schreiben, weil sie so sehr an „sms-Schrift“ gewöhnt sind, die mit Smileys und Ellipsen auskommt?

Schülerinnen und Schüler können gut zwischen ihrer Alltagssituation und der schulischen Situation unterscheiden. Ganz so schlimm, wie es in den Medien gelegentlich kolportiert wird, ist es also nicht. Es kann auch nicht nachgewiesen werden, dass Schülerinnen aufgrund der vermehrten Kommunikation über Kurznachrichten grundsätzlich schlechter schreiben. Sie schreiben in bestimmten Situationen eben anders. Aber verbessert oder verschlechtert sich die Sprachkompetenz der Kinder und Jugendlichen gerade? Möglicherweise findet nun ein Generationenwechsel statt: Die jetzige Generation denkt im größerem Maße medial. Sie sind sehr viel schneller, was Bilder- sowie Kurztextrezeption angeht. Es zeichnet sich ab, dass die jetzige Generation anders mit Sprache umgeht. Nicht schlechter, lediglich auf eine für sie funktionalere Weise. Parallel dazu stellen wir fest, dass die ab den 90er Jahren geborene Generation viel besseres Englisch spricht, als wir das erwartet haben. Da gab es eine Entwicklung, die es im Fach Deutsch so nicht gibt. Grundsätzlich ist es schwer zu sagen, ob es eine Einflussnahme von zum Beispiel Alltagssprache auf Schrift gibt, weil man derlei schwer vergleichend überprüfen kann. Es gibt sozusagen keine Information über einen Status quo: Wenn wir in unserem Projekt eine Schule untersuchen, drei Klassen in einer Schule in Süddeutschland zum Beispiel, dann kann man nicht sagen: „Die machen das verdammt gut“. Denn man kann überhaupt nichts über die Ausgangssituation dieser Schule sagen. Wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie auch die Lehrerinnen und Lehrer müssen auf die jeweilige spezifische Situation in der spezifischen Schule reagieren. Wenn eine Schule 2015 Flüchtlingskinder integrieren musste, dann steht sie vor anderen Herausforderungen als die Nachbarschule, die das nicht musste. Deswegen kann man nicht darüber reden, ob sich etwas bessert oder verschlechtert, sondern nur die Frage stellen: Funktioniert es oder funktioniert es nicht?

Sie forschen auch zum Spracherwerb von Geflüchteten. Ist Deutsch die schwierigste Sprache, die man lernen kann, wenn man nicht hineingeboren wurde?

Ich glaube nicht, sonst würden Kinder in Deutschland viel mehr Schwierigkeiten haben, sie zu lernen, als sie Kinder in anderen Ländern mit ihrer Sprache haben. Sie hat halt eine besondere Struktur. Und wenn wir Russisch oder Arabisch lernen, werden wir sehen, dass wir vor ähnlichen Problemen stehen. Lehrende für Deutsch als Fremdsprache kokettieren gerne damit, dass sie so eine schwere Aufgabe hätten, ebenso wie ihre Schülerinnen. Natürlich ist Spracherwerb immer eine Herausforderung. Doch Deutsch ist nicht schwerer als andere Sprachen – nur anders. Genauso ist das Englische zum Beispiel nicht unbedingt leichter. Das Englische reagiert zum Beispiel im Verbalsystem auf zeitliche Relationen komplexer.

Ist es leichter, Deutsch zu lernen, wenn die Muttersprache ebenfalls indoeuropäisch ist, etwa Russisch, verglichen damit, wenn die Muttersprache einer anderen Sprachfamilie angehört, zum Beispiel Arabisch?

Man macht gegebenenfalls andere Fehler. Weil man aus einer anderen Sprache, vielleicht auch anderen sprachlichen Kultur kommt, hat man ein anderes Sprachbild im Kopf: Je nachdem, welche Muttersprache man hat, hat man halt andere Zugangsweisen.

Was bedeutet das für den Unterricht?

Es ist für jede und jeden Lehrenden vorteilhaft, wenn sie oder er ein bisschen was über die Sprachstrukturen der anderen weiß, auch um auf bestimmte Fehler entsprechend reagieren zu können. Wir können allerdings von Lehrenden nicht erwarten, dass sie das über sehr viele Sprachen wissen. Keiner von uns wird die gegenwärtigen Zugangssprachen Urdu oder Paschtu schnell und selbstverständlich nebenbei lernen. Man sollte den Lernenden ihre Muttersprache belassen und auch die Möglichkeit schaffen, dass sie sie nutzen können - auch untereinander. Noch in den 80er und 90er Jahren sollte in der Schule nichts als Deutsch gesprochen werden, hier gibt es nun, zu Recht, einen Wandel. Es lässt sich nämlich kein systematischer, immer gleich gerichteter Zusammenhang zwischen der Muttersprache, und ob man sie benutzt oder nicht, und dem Erlernen des Deutschen nachweisen. Die Debatte darum ist indes hoch emotionalisiert. Wir müssen daher irgendwie sehen, wie wir unseren zukünftigen Lehrerinnen Handlungsräume aufmachen. Bei den Geflüchteten machen wir das vor allem durch ganz viel Praxis.

Neun Projektmitarbeiter_innen und sechs Doktorant_innen arbeiten in Astrid Neumanns Team.

Das klingt nach einer Menge Arbeit.

Die Projekte mache ich nicht alleine. Ich habe ja jetzt einen ganzen Stab von richtig guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mich da unterstützen. Das ist der Vorteil, wenn man derlei Projekte macht. Man bietet den Leuten Qualifikationsmöglichkeiten, aber man kann diese Projekte eben auch besser zusammen durchführen. Wenn es um Sprachförderung geht, spielen Kommunikation und geteiltes Wissen und Engagement eine immense Rolle. Das, was ich gerade mache, wäre alleine nicht durchführbar.

Herzlichen Dank für das Interview!


Prof. Dr. Astrid Neumann ist seit April 2011 Professorin für Didaktik der deutschen Sprache an der Leuphana Universität Lüneburg. Zuvor war sie für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ an der Technischen Universität Berlin sowie als empirische Bildungsforscherin am Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg tätig. Zuletzt erschien ihr Artikel „Professionalisierung von Lehrkräften für sprachsensibles Unterrichten in Niedersachsen: Das Projekt ‚Umbrüche gestalten‘.“ 

Kontakt

Prof. Dr. Astrid Neumann
Universitätsallee 1, C1.133
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Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.